Ernst Hermanns

Vom Figurenbezug der ersten Arbeiten aus Gips oder Kunststein entfernt sich Hermanns in den 1950ern zunehmend und entwickelt abstrahierte Formen, bei denen er vorrangig mit Volumina und Zwischenräumen experimentiert. 1958 beginnt seine rege Ausstellungstätigkeit mit einer ersten Einzelausstellung in der Galerie 22 in Düsseldorf.

Ernst Hermanns wird 1914 in Münster geboren, wo er zunächst im Maleratelier des Vaters mitarbeitet, bevor er die Kunstgewerbeschule Aachen und die Kunstakademie Düsseldorf besucht. Erst nach dem Ende des 2. Weltkrieges beginnt seine produktive künstlerische Schaffenszeit. Er zieht nach München und hat 1947 eine erste Ausstellungsbeteiligung mit der Gruppe »Schanze« in Münster. Gemeinsam mit Emil Schumacher, Thomas Grochowiak, Gustav Deppe, Heinrich Siepmann und Hans Werdehausen gründet er ein Jahr darauf die Gruppe »junger westen«.

Vom Figurenbezug der ersten Arbeiten aus Gips oder Kunststein entfernt sich Hermanns in den 1950ern zunehmend und entwickelt abstrahierte Formen, bei denen er vorrangig mit Volumina und Zwischenräumen experimentiert. 1958 beginnt eine rege Ausstellungstätigkeit wird seiner ersten Einzelausstellung in der Galerie 22 in Düsseldorf, 1959 bekommt er den Kunstpreis der Stadt Darmstadt und ist auf der Documenta II in Kassel vertreten.

Neben Arbeiten mit deutlichem Bezug zu den Skulpturen Henry Moores, entwickelt Hermanns parallel auch Reliefs, die auf einen Bodenbezug zu verzichten scheinen und deren amorphe, organische wie bewegte Oberfläche beinahe gegensätzlich zu den geschlossenen Formen wirken. Deren Dynamik finden sich in der Gestik seiner großformatigen Zeichnungen (mit denen er sich hauptsächlich 1958 beschäftigt) wieder. Sie lassen aufgrund der aufgelösten Form auf eine Auseinandersetzung mit dem Bildhauer Alberto Giacometti schließen.

Daneben sind es die malerischen Positionen des Informel, die Hermanns Frühwerk prägen, allerdings nur vorübergehend, denn in den 1960ern wird deutlich, dass es der Raum selbst ist, der Ernst Hermanns zu interessiert scheint. Er entwickelt in den nächsten Jahren mit der »mehrförmigen Plastik« eine stringente Figur-Raum-Beziehung, indem er meist die plastischen Elemente auf einer begrenzenden Bodenplatte positioniert. Sie stellt einen formalen Bruch mit seiner bisherigen Arbeit dar, da Hermanns sich hierin auf Masse, Volumen und Zwischenraum bzw. Leere konzentriert. Anknüpfend an frühe Skulpturen, schließen sich die einzelnen Elemente wieder nach außen ab. Gleichzeitig bekommen die Körper in der Raumkomposition jedoch mehr Gewicht – die »plastischen Körper bestimmen den Raum und behalten trotzdem ihre Eigenfunktion im mehrförmigen Gefüge« (Hermanns 1962, zit. n. KLG, München 1990, 1). Insbesondere in den Außenraum-Arbeiten setzt Hermanns schwere Materialien wie Schiefer und Zement ein und bewirkt damit eine deutliche Ausrichtung zum Boden. Bereits 1961 erhält der Bildhauer seine erste Retrospektive in der Kunsthalle Darmstadt und wird kurz darauf (1964) mit dem Konrad von Soest Preis in Münster geehrt.

In den folgenden Jahren zeichnet sich erneut eine deutliche Veränderung ab. Hermanns reduziert seinen Kanon noch konsequenter auf die genormte geometrische Grundform und setzt neutralen Stahl als Material ein. Die einzelnen Konstruktionsteile werden weiterhin in einer spezifischen Ordnung aufeinander bezogen. Sie bezeichnen entweder symmetrische Blöcke oder heben dialogisch die Ausgewogenheit der Elemente im Sinne eines Kontrapunkts wieder auf, sind in ihrer Anordnung zueinander leicht verschoben. Das vorherrschende Formenvokabular besteht dabei aus Kugeln, Rundstäben, Scheiben, Zylindern und Flächen. Diese zurückgenommenen Arbeiten bestimmen von nun an Hermanns Werk wesentlich. Sie verweigern eine individuelle, künstlerische Handschrift und fordern vom Betrachter genaues Sehen, auch aus unterschiedlichen Blickwinkeln heraus.

Hermanns lebt seit 1967 in München und wird in den folgenden 10 Jahren mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Nach einem Stipendium 1971 an der Cité International des Arts in Paris folgen 1973 eine Einzelausstellung in der Galerie M in Bochum und ein Jahr darauf einer erneute Retrospektive im Museum Schloss Morsbroich in Leverkusen.
Von 1976 — 80 lehrt Ernst Hermanns als Professor an der Universität Münster. Mit einer Großplastik aus zwei verschobenen Halbkugeln, die er für die Moderne Galerie Quadrat in Bottrop erstellt hat, ist er 1977 bei der Skulptur Münster vertreten. In dieser Kombinationsarbeit wird deutlich, wie Hermanns grundsätzliche Probleme von Gleichgewicht, Bewegung und Raumbezug zur Darstellung bringt: Denn aufgrund ihrer Teilung ist die Kugel ein statisches Ensemble geworden, so dass sie das gegenteilige Prinzip von demjenigen visualisiert, das eine rollende Kugel normalerweise auszeichnet (vgl. G. Boehm, Zum Werk von Ernst Hermanns, in: Ausst.-Kat. München u. Nürnberg 1982, 22).

Eine in den 1980er Jahren entwickelte neue Werkgruppe – Räumliche Konstellationen – untersucht weiter konkrete räumliche Bezüge innerhalb der Werkgruppenteile. 1986 wird Hermanns zum Mitglied der Akademie der Künste in München berufen, 1987 beteiligt er sich erneut an den Skulptur Projekten Münster und 1990 wird er mit dem renommierten Piepenbrock Preis für Skulptur ausgezeichnet. Noch 1999 ist Ernst Hermanns an der Ausstellung »Standpunkt Plastik« im Skulpturenmuseum Glaskasten Marl beteiligt.
Im Jahr 2000 stirbt Ernst Hermanns in München. Posthum wird er in einigen Ausstellungen geehrt, zuletzt 2004 zu seinem 90-jährigen Geburtstag im Museum Küppersmühle in Duisburg.

Literaturauswahl

Ernst Hermanns zum 85. Geburtstag: Ausst.-Kat. Westfälisches Landesmuseum Münster, Wilhelm Lehmbruck Museum Duisburg u. Städtisches Museum Leverkusen Schloss Morsbroich 1999

Ernst Hermanns. Arbeiten von 1956 bis 1988: Ausst.-Kat. Schloss Morsbroich 1990

Ernst Hermanns, in: Künstler, Kritisches Lexikon der Gegenwartskunst, Ausgabe 11, München 1990

Ernst Hermanns. Plastische Arbeiten mit Werkverzeichnis 1946 — 1982: Ausst.-Kat. Galerie Hein Herzer München u. Institut für moderne Kunst Nürnberg, Zirndorf 1982

Bochum »60«: Ausst.-Kat. Städtische Kunstgalerie Bochum, hg. v. R. Wedewer, Bochum 1960

Schulze-Vellinghausen, A.: »Ernst Hermanns. Entdeckung ›in‹ der Natur«, in: Ausst.-Kat. Galerie 22, Düsseldorf 1958

Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014

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