Erich Reusch

Seine monumentalen Stahl- und Eisenskulpturen korrespondieren im öffentlichen Raum immer mit neu gebauter Architektur. Sie zäsieren den prinzipiell unbegrenzten Raum, definieren Blickachsen neu. Reusch, der seit 1966 vielfach in Einzelausstellungen präsent ist, zählt nun zu den bedeutendsten deutschen Bildhauern.

Erich Reusch ist am 26. Juni in Wittenberg-Lutherstadt an der Elbe geboren. Er studiert ab 1947 an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin zunächst bei Richard Scheibe und Georg Leowald, dann ab 1950 Bildhauerei bei Hans Uhlmann. 1953 schließt er sein Studium ab und tritt in ein Düsseldorfer Architekturbüro ein. Von 1959 bis 1964 arbeitet er als freier Architekt in Düsseldorf. Er baut hier und in Hannover sowie Frankfurt/M. Siedlungen. Die Trabantenstadt Meckenheim/ Merl bei Bonn geht auf seinen Entwurf zurück. Seit 1956 experimentiert Reusch mit horizontalen Skulpturen als Raum- und Wegmarken. In den 50er Jahren entstehen auf Anregung seines Lehrers Hans Uhlmann interaktive Skulpturen, die Bewegung und Klang mit den plastischen Formen verbinden und »in ihrer Multimedialität fraglos wegweisend waren« (D. Ronte, Vorwort, in: Ausst.-Kat. Erich Reusch. Arbeiten 1954 — 1998, Kunstmuseum Bonn, Bonn 1998).

Ab 1964 widmet sich Reusch ganz dem plastischen Werk, das oft architektonische Züge trägt oder in engem Verhältnis zur Architektur steht. Er stellt fest: »Entscheidend für diese frühen Skulpturen war das Problem der Gravitation« – »der der Gravitationsbezug der Formen untereinander« (zit. n.: E. Reusch im Gespräch mit Chr. Schreier, in: www.erich-reusch.de/info/download u. www.erich-reusch.de (4.6.2010). Diesen Bezug stellen auch seine elektrostatischen Objekte her – eine der Werkgruppen der späten 60er Jahre, der auch das das dreiteilige Objekt Ohne Titel von 1969 aus der Kunstsammlung der Ruhr-Universität entstammt. Hier enthalten drei hohe, schmale Glaskästen Rußpartikel, die sich auf den Böden der Vitrinen sedimentiert haben. Ihre Verteilung folgt dem Kohäsionsprinzip ihrer Moleküle, so sind die senkrechten Vitrinengläser nur leicht grau verschleiert, während die Vitrinenböden dicht und teils gehäuft belagert sind. Mit diesem »gefangenen« Staub setzt Reusch Duchamps Staubzuchten sinnfällig fort und setzt der auf jede Masse wirkende Erdanziehung eben der Gravitation eine Art Denkmal.

Reuschs monumentale Stahl- und Eisenskulpturen korrespondieren im öffentlichen Raum immer mit neu gebauter Architektur. Sie zäsieren den prinzipiell unbegrenzten Raum, definieren Blickachsen neu. Sie verorten und strukturieren Eingangs- und Platzsituationen in Hinblick auf den Betrachter, den Flaneur und den Benutzer: »Zwar bleibt der Raum sein zentraler Bezugspunkt, doch nutzt er ständig neue Materialien und Techniken, um ihn zu strukturieren« (Ronte, ebd.). Reusch schneidet seine Eisenbleche mit irregulär verlaufendem Kontur ein und aus. Die Platten stehen entweder in stabilisierenden Winkeln zueinander oder haben im rechten Winkel abgeknickte Standplatten. Reusch will, dass seine »sockellosen Metallflächen in den Raum eindringen« (Reusch, ebd.). Auf dem Olympiagelände in München realisiert Reusch 1972 einige Skulpturen. Von da an erarbeitet er sich »Volumina, die den Raum verdrängen« (Reusch, ebd.).

Seit 1973 ist Reusch Dozent an der Kunstakademie in Düsseldorf, an der er 1975 eine Professur für »Integration Bildende Kunst und Architektur« erhält, die er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1990 innehat. Hier entsteht das Wasserrelief mit drei ins Bassin eingelassene Bronzestufen vor dem Innenministerium NRW. Reusch, der seit 1966 vielfach in Einzelausstellungen präsent ist (Von der Heydt-Museum, Wuppertal), zählt nun zu den bedeutendsten deutschen Bildhauern und wird 1998 im Kunstmuseum Bonn mit einer umfangreichen Retrospektive geehrt. 2001 erhält er den Ida Gerhardi-Preis, 2006 den Konrad-von-Soest-Preis. Im gleich Jahr widmet ihm das Wilhelm Lehmbruck Museum in Duisburg eine Einzelschau.

Neben den Großplastiken und den Arbeiten für den öffentlichen Raum entwickelt Reusch stark farbig bemalte Wandobjekte aus Stahlblech und Objekte aus Holz und Glas. Seine Zeichnungen und die jüngste Malerei ab 2007 greifen Spurstrukturen auf, die schon seine elektrostatischen Objekte auf andere Weise sichtbar gemacht hatten. Farbverdichtungen sind auf Zeichen- und Malgrund so rhythmisch gerichtet und geordnet, als folgten sie einem imaginären Magneten und erzeugen so eine klare Bewegungsillusion. In seiner Malerei wie in seinen Wandobjekten setzt Reusch plakative, oft monochrome, grelle Farben ein, oder er verzichtet ganz auf Buntfarben und beschränkt sich auf Schwarz-Weiß-Kontraste. Dieser Reduktion folgt auch seine Fotografie, die weniger Abbilder erzeugt, denn grafische und plastische Strukturen der Natur, z.B. Gras, oder auch der Technik, z.B. Autokotflügel, in der Schwarzweißaufnahme zu vermitteln sucht.

Erich Reusch lebt und arbeitet in Neuenrade.

Literaturauswahl

Reusch, S. (Hg.): Neue Arbeiten aus der Vergangenheit, Bielefeld, Leipzig 2009

Reusch. Malerei, Zeichnung: Ausst.-Kat. Kunstverein Lippstadt, hg. v. S. Reusch, Lippstadt 2005

Erich Reusch. Arbeiten 1954 — 1998: Ausst.-Kat. Kunstmuseum Bonn, hg. v. J. Pascual, Köln 1998

Schneckenburger, M.: Skulpturen und Objekte, in: Kunst des 20. Jahrhunderts, Bd. II, Köln 1998

v. Berswordt-Wallrabe, A. (Hg.): Erich Reusch, in: Neue Konkrete Kunst – Realer Raum, Bochum 1971, 118 — 125

Künstlereigene Site: www.erich-reusch.de

Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Foto: Tobias Roch, Hagen

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