Erich Buchholz

Abstrakte Kompositionen auf der Basis geometrischer Formen, Kreise, Scheibenflächen, fragmentierte Bogenformen, Quadrate, Rechtecke und Linien im stumpfen, spitzen oder rechten Winkeln aufeinander treffend bestimmen Erich Buchholz Arbeiten. »Es gibt nichts, das nicht in einer Realität – übertragen – seinen Ausgang hat, und es gibt keine Realität, die nicht – übertragen – Bild oder Gleichnis wird.«

Erich Buchholz wird am 31. Januar 1891 in Bromberg, heute Bydgoszcz/Polen geboren. In seinem Brotberuf als Volksschullehrer arbeitet er autodidaktisch als Maler, entscheidet sich jedoch 1914, Malunterricht bei Lovis Corinth zu nehmen. Doch vor Ausbruch des I. Weltkrieges kommt es nur zu einer Sitzung, dann wird Buchholz zum Militär eingezogen. Dennoch hinterlässt der Kontakt zu Corinth einen markanten Einfluss in der Malerei von Buchholz. Sein Farbauftrag, der meist locker geführt ist und in feinen, tonalen Stufen verläuft, ist Träger des gedämpft Expressiven seiner Malerei, die ihn von dem deckend flächigen Farbeinsatz der Konstruktivisten unterscheidet. Auch zeigen seine kompositorischen Formkonstellationen nicht die pointierte Dynamik der Konstruktivisten oder Suprematisten. Die geometrischen Formen sind in sich ruhend rhythmisiert und ponderiert.

Nach Kriegsende 1918 lässt sich Buchholz als freier Künstler in Berlin nieder. Er entscheidet sich für abstrakte Kompositionen auf der Basis geometrischer Formen. Kreise, Scheibenflächen, fragmentierte Bogenformen, Quadrate, Rechtecke und Linien im stumpfen, spitzen oder rechten Winkeln aufeinander treffend, alles frei Hand per Pinsel auf die Malfläche gesetzt, bestimmen seine Arbeiten. Ebenfalls 1918 entwirft er sein erstes abstraktes Bühnenbild für das Albrecht-Theater in Dresden.

Buchholz experimentiert in den 1920er Jahren mit Zeichnungen und Holzschnitten, deren geschnittene Stöcke er farbig fasst, nicht damit druckt, sondern die Stöcke als Reliefbilder ausstellt. So umfasst seine erste Einzelausstellung 1921 in der Berliner Galerie Der Sturm 16 solcher Holzstöcke, die Titel wie Planetenbahnentragen. Es entstehen in der Folge Reliefbilder aus Holzteilen, die ebenfalls farbig bemalt sind und als geometrische, architekturartige Objekte gelten. Mittlerweile ist Buchholz anerkanntes Mitglied der Berliner Avantgarde. Er hat Kontakt zu El Lissitzky, den Brücke-Künstlern und zu Dadaisten wie Hannah Höch und Kurt Schwitters. Aber auch spätere Bauhausmitglieder wie László Moholy-Nagy und Ludwig Mies von der Rohe kennt Buchholz, der sich immer mehr zum autodidaktischen Gesamtentwerfer entwickelt: er gestaltet Typographien, ganze Räume. Sein Berliner Atelier am Herkulesufer stattet er programmatisch als Enviroment bzw Raumkunstwerk, letztlich bezieht er mit eigenen Texten Stellung zu seinem künstlerischen Schaffen. Die Schrift »Die Idee ist der Todfeind des Lebens« erscheint 1922 in Berlin, aber noch 1969 veröffentlicht Buchholz in Frankfurt a. M. die Schrift »An meinem Fall scheitert die offizielle Kunstgeschichte«. Typisch für die Kunst der 1920er Jahre sind die theoretischen Erörterungen einer zeitgemäßen, lebensnahen Kunstgestaltung, die Erich Buchholz für sich folgendermaßen beantwortet: »Es gibt nichts, das nicht in einer Realität – übertragen – seinen Ausgang hat, und es gibt keine Realität, die nicht – übertragen – Bild oder Gleichnis wird.«

Seine bereits raumgreifend denkende Kunst überführt Buchholz ab 1923 konsequent in Architekturentwürfe. Er entwirft Bauten in Schalenschichtung und entwickelt sein Buchholz-Ei, ein eiförmiges Wohnhaus. Obwohl gleichermaßen mit Konstruktivismus, Suprematismus, Expressionismus, Dadaismus und dem Bauhausdenken vertraut, schließt sich Buchholz keiner der Gruppierungen an. Von Berlin nach Germendorf an den ländlichen Rand der Metropole übersiedelnd, zieht er sich 1925 aus der Kunstszene zurück. Die ländliche Existenz mit Gemüseanbau und Geflügelzucht sichert seiner Familie und ihm regelrecht den Lebensunterhalt. Mies van der Rohe will ihn 1932 als Bauhauslehrer für Architektur berufen, doch die politischen Umstände des Jahres 1933 – Hitlers Machtergreifung und die Schließung des Bauhauses in Dessau – zerstören dieses Vorhaben. Buchholz ereilt 1937 das Etikett der »entarteten Kunst«, er wird mehrfach interniert und erhält Mal- und Ausstellungsverbot. Bis zum Ende des NS-Regimes überdauert Buchholz in Germendorf, erst 1950 übersiedelt er erneut nach West-Berlin.

Ab 1945 setzt Buchholz seine abstrakte Kunst fort und ist bis Mitte der 50er Jahre international präsent und durch die zeitgleiche, anglophone Kunstgeschichte als erster der Abstrakten rezipiert. Zu seinem 70sten Geburtstag 1961 läuft eine Retrospektive in Braunschweig, seinen 80sten Geburtstag würdigt die Berliner Galerie Daedalus mit einer Werkschau.

Erich Buchholz stirbt am 29. Dezember in Berlin.

Literaturauswahl

Bauhausstil oder Konstruktivismus? Aufbruch der Moderne in den Zentren Berlin – Bauhaus – Hannover – Stuttgart – Frankfurt: Ausst.-Kat. Museum für Konkrete Kunst, hg. v. T. Hoffmann, Ingolstadt 2008

Erich Buchholz: Graphik, Malerei, Relief, Architektur: Ausst.-Kat. Ludwigshafen, Berlin, Bottrop, hg. v. R.W. Gassen, Ingolstadt, Halle/Saale 1998

Hils-Brockhoff, E.: Erich Buchholz 1891 — 1972: Architekturentwürfe, Innenraumgestaltung und Typographie eines Universalkünstlers der frühen zwanziger Jahre, Tübingen 1996

Buchholz, M.; Roters, E. (Hg.): Erich Buchholz, Berlin 1993

Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum

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