Eric Bulatov

Seine Arbeiten, die zur zweiten Moskauer Avantgarde gezählt werden, scheinen auffällig nahe an Kitsch und Massenkunst zu rücken. Seine Bilder scheinen plakative Propaganda für omnipräsente politische Themen zu betreiben, deren eindrückliches Pathos oftmals ins Leere läuft und dennoch Wirkung zeigt.

Erik Bulatov wird 1933 in Swerdlowsk / Ural geboren. 1947 beginnt er sein Studium an der Moskauer Kunstschule und wechselt 1952 an das Surikov Kunstinstitut in Moskau, an dem er 1958 seinen Abschluss macht. Im Jahr 1956 nimmt er erstmals an einer Ausstellung mit dem Titel »Junge Moskauer Künstler« teil. Ab 1959 arbeitet er als Kinderbuchillustrator.

Bulatovs Ausbildung findet im staatsbestimmten Kulturklima statt, Kontakte zur westlichen Avantgarde werden ebenso unterbunden wie die Auseinandersetzung mit den Künstlern des russischen Konstruktivismus. Ähnlich wie Ilya Kabakov sucht auch er sich durch Nebenverdienste künstlerische Freiräume zu schaffen, denn mit wenigen Ausnahmen werden seine Werke in der Sowjetunion nicht ausgestellt. Die Arbeit als Kinderbuchillustrator bringt ihn zur theoretischen Auseinandersetzung mit den Wahrnehmungsformen von Text und Bild, deren pädagogische wie demagogische Überzeugungskraft ihn fasziniert. Seine Lehrmeister sind dabei Robert Falk und der Graphiker und Illustrator Wladimir Faworskij.

Gemeinsam mit Wjatscheslaw Kalinin nimmt Bulatov 1965 an einer Ausstellung im Kurèatov-Institut in Moskau teil, die nach einer Stunde verboten wird. Als Graphiker wird er jedoch 1967 in den Sowjetischen Künstlerverband aufgenommen und 1986 Mitglied des »Gorkom« (städtisches Komitee der Graphiker). In den späten 60er Jahren entstehen erste analytische Bilder, die sich Problemen der Wahrnehmung des abstrakten Bildraumes widmen (Horizont 1971 — 2). In den BildernGefahr (1971 — 73) und Vorsicht (1973) werden erstmals realistische Szenen mit Buchstaben überlagert.

Bulatov widmet sich in den Folgejahren mehr und mehr dem Thema der Bildwahrnehmung und ihrer im Alltäglichen wurzelnden Verführungsmacht. Sein Anliegen, das ihn mit demjenigen der Freunde Oleg Wassiljew und Ilya Kabakov verbindet, verfolgt er künstlerisch auf eigenwillige Weise. Seine Arbeiten, die zur zweiten Moskauer Avantgarde gezählt werden, scheinen auffällig nahe an Kitsch und Massenkunst zu rücken. In diesem Sinn entstehen die ersten Arbeiten Bulatovs auf einer prekären Grenzlinie. Seine Bilder scheinen plakative Propaganda für omnipräsente politische Themen zu betreiben, deren eindrückliches Pathos oftmals ins Leere läuft und denoch Wirkung zeigt (Gefährlich, 1972 — 73; Herzlich Willkommen, 1974; Krassikow Straße, 1976). Mit einer Gruppenausstellung in der Pariser Galerie Dina Viernys wird Bulatov erstmals 1973 auch im Westen bekannt.

Bulatov steht trotz seiner ideologiekritischen Kunst in gewissem Gegensatz zur »Soz Art« – der von den Künstlern Vitalji Komar und Alexander Melamid 1972 so benannten Kunstrichtung, die offizielle Mythologien »erneuert« und persifliert. Damit benennen diese ein Phänomen, das in Anlehnung an werbekulturelle Persiflagen der amerikanischen Pop Art, eine neue, poppig-kitschige Version des sozialistischen Realismus auflegt. Bulatov selbst liegt jedoch weit weniger an der Entlarvung politischer Ikonographie. Vielmehr liegen seine Interessen in der Auseinandersetzung mit den Mitteln des Bildes. Letztlich zeigen seine Arbeiten die schonungslose Einsicht in die unhintergehbare Machtsphäre der politischen Bildkultur.

In den 80er Jahren entwickelt Bulatov seine eigenwillige Variante der Bildpropaganda, die nun offenkundiger eine Interaktion von oberflächlichem politischem Zeichen und fiktiven Landschaftsräumen anstrebt, wobei Bedeutungsverschiebungen und Ironisierungen der klaren politischen Botschaften eingeplant sind (Trademark 1986, Weg 1988). Damit zeichnet sich eine größere Nähe zu den Verfahren der Moskauer Konzeptualisten ab. In seinem Text »Zu meiner Arbeit« (1984) macht Bulatov deutlich: »In dieser gegenständlich-sozialen Welt kann wirklich nichts unserem Bewusstsein Rückhalt geben. Nichts verdient Vertrauen.«

Im Jahr 1987 werden Werke Bulatovs auf einer großen Wanderausstellung in Zürich, Frankfurt/M. und Bonn gezeigt, 1988/89 ist er in Zürich, Frankfurt, Freiburg, Paris, London und in den USA zu sehen.

Seit den 90er Jahren wendet sich Bulatov in gleicher Weise den us-amerikanischen politischen Mythen zu, Akteure der amerikanischen Filmindustrie und nationale Symbole werden zu neuen Emblemen (Peace,1989; New York 2004/05).

Bulatov geht im Jahr 1990 zunächst nach New York und lebt seit 1991 in Paris.

Literaturauswahl

Erik Bulatov, Freiheit ist Freiheit / Erik Bulatov, Freedom is Freedom: Ausst.-Kat. Kestnergesellschaft Hannover, hg. von Veit Görner, Caroline Käding, Bielefeld 2006

Traumfabrik Kommunismus, Die visuelle Kultur der Stalinzeit / Dream Factory Communism. The Visual Culture of the Stalin Era: Ausst.-Kat. Schirn Kunsthalle Frankfurt/M., hg. von Boris Groys, Max Hollein, Ostfildern Ruit 2003

Erik Bulatov. Moskau: Ausst.-Kat. Kunsthalle Zürich u.a., hg. v. Claudia Jolles, Zürich 1988

Sots Art, Eric Bulatov, Vitaly Komar and Alexander Melamid: Ausst.-Kat. The New Museum of Contemporary Art, New York u.a., New York 1986

Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014

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