Emmett Williams

Seine ersten Arbeiten entstehen ab 1958 und eröffnen eine lebenslange spielerische, ironisch-hintergründige Auseinandersetzung mit Buchstabe, Wort, Sprache und Text. Williams’ Verständnis der konkreten Poesie und seiner Fluxus-Aktivitäten basiert auf der Auseinandersetzung mit der Sprache, deren Verfremdung und künstlerischer Inszenierung.

Emmett Williams wird am 4. April 1925 in Greenville / South Carolina geboren, wächst in Newport News / Virginia auf. Anfang der 1940er Jahre kommt er durch die U.S. Army nach Europa, lebt und arbeitet von 1949 — 66 in Frankreich, Deutschland und der Schweiz. 1966 bis 1970 ist Williams Chefredakteur des legendären, 1963 von Dick Higgins gegründeten Verlags »Something Else Press« in New York. Seine Gedichte und Anthologien der konkreten Poesie (Selected shorter poems, 1950 — 70; Sweethearts, 1966 mit einer Titelgestaltung von Marcel Duchamp; Anthology of Concrete Poetry, 1967) zählen zu den wichtigsten Arbeiten auf diesem Gebiet. Anfang der 1980er Jahre kehrt Williams nach Gastprofessuren u.a. am California Institute of the Arts, School of Critical Studies oder dem Nova Scotia College of Art & Design über ein Stipendium im Rahmen des Berliner Künstlerprogramms des DAAD nach Deutschland zurück.

Als Mitglied des »Darmstädter Kreises«, der sich Ende der 50er Jahre um Claus Bremer und Daniel Spoerri formiert und mit der Publikationsfolge »material« ein erstes Forum für konkrete Literatur schafft, gelten Williams Interessen zunächst der konkreten Poesie. Erste Arbeiten entstehen ab 1958 und eröffnen eine lebenslange spielerische, ironisch-hintergründige Auseinandersetzung mit Buchstabe, Wort, Sprache und Text. Neben Robert Filliou, mit dem auch gemeinsame Arbeiten entstehen, Bernard Heidsieck, François Dufrêne, Ghérasim Luca und Brion Gysin ist Williams an der Gründung der Pariser »Domaine Poetique« beteiligt. Zeitweise arbeitet er mit Claes Oldenburg zusammen.

In den 60er Jahren zählt Emmett Williams zu den Mitgliedern der internationalen Fluxus-Bewegung: »Dieser verwirrte Anfang fing 1962 in Europa an, als George Maciunas sagte, ›Es werde Fluxus‹ und es ward Fluxus bis zum heutigen Tage. Amen. Ja, ich weiß, die meisten Entwicklungsgeschichten von Fluxus setzen früher als 1962 in Europa ein, viele mit der annehmbaren Prämisse, dass ›sans John Cage, Marcel Duchamp et Dada, Fluxus n‹ existerait pas’. Aber ist das nicht ›Wenn‹-Geschichte, Jagd auf Reinrassigkeit, Ahnenkult, Readymade für den Kunstgeschichtler? (…) Jedenfalls machten wir uns über solche Probleme keine Gedanken, damals in jenem September des Jahres 1962, als das erste Fluxus Festival im Städtischen Museum von Wiesbaden stattfand. Lassen Sie sich nur nicht durch das Wort ›Museum‹ täuschen. Wir waren damals keine Museumsware, und bald nachdem die 14 Performances in vollem Gange waren und bekannt wurde, dass wir einen Konzertflügel zerhackten, waren wir im Museum persona non grata. (..) Nein, wir hatten grundlegendere Probleme als Kunstgeschichte. Uns kennenzulernen, eine gemeinsame Sprache zu finden, persönliche Kontroversen und Rivalitäten zu bereinigen. Und uns gegenseitig gegen die Wand zu reden. Ich glaube, die englische Künstlerin, Ann Noël, hat eine ziemlich treffende Beschreibung davon geliefert, was passiert, wenn Fluxus-Leute zusammenkommen: ›(…) Eine Unterhaltung mit George Maciunas, Dick Higgins, Emmett Williams, Ay-O, Robert Filliou, Nam June Paik, Daniel Spoerri oder Wolf Vostell führt Sie in die unterschiedlichsten Welten: Spazierstöcke in Wien vor dem 1. Weltkrieg, psychedelische Pilze, vergleichende Niederschlagsstatistiken von Japan und Großbritannien, Palöontologie, die Wurzel türkischer Volksmusik, höhere und niedere Gastronomie, politische Ökonomie, usw. usw. usw. (…)‹ (E. Williams, in: Schemes and Variations, 1982)

Williams’ Verständnis der konkreten Poesie und seiner Fluxus-Aktivitäten basiert auf der Auseinandersetzung mit der Sprache, deren Verfremdung und künstlerischer Inszenierung. Sprache drückt sich ›zunächst als Gedicht im Künstlerbuch, später als eigenständiges Kunstwerk in Bildform‹ oder in ›visueller Poesie‹ aus (Pahlke, in: Auss-Kat. Dortmund 2005). Seine Arbeiten sind zwischen Performance und Objekt angelegt. Sie loten mit typografischen Arrangements, Collagen, Objekten bis hin zu rhythmischen Vorträgen, Sprachaktionen oder sprachwitzigen Verkehrungen die Grenzen medialer Ausdruckmöglichkeiten aus. Dabei spiegeln sich die medienübergreifenden Verfahren sowohl im Spektrum der künstlerischen Techniken wie im steten Rückgriff und dem spielerisch-zufälligen Umgang mit früheren Werken – so beispielsweise bei den 70 Illustrationen, deren Entstehungsprozess Williams Lichtskulpturen nennt: ›Ich nahm Papierblätter und schlitzte sie mit einem X-acto-Messer auf – schlitz, schlitz, schlitz, eine wahrhafte Zufallsprozedur. Dann legte ich sie in einen Kopierer und drückte den Startknopf. Das Licht der Maschine zeichnete durch die Schlitze hindurch. Voilà: schwarzweiße Strichzeichnungen mit höchst subtilen Schatten. Später liess ich diese Blätter nochmals arbeiten. Ich legte sie auf Kunstdruckpapier und sprayte Farbe durch die Schlitze. Sie bezogen schlimme Prügel, doch auf dem Kunstdruckpapier erschienen wunderschöne farbige Drucke.‹ (vgl. Williams, Deutsche Gedichte und Lichtskulpturen, 1988). Auch die schwarzweiße Bilderserie Pointierte Punktogramme – im Titel bereits durch ein doppelbödiges Sprachspiel gekennzeichnet – bezieht sich auf frühere Arbeiten, die ungenutzten Illustrationen zum Buch The Boy and the Birdzurück, das neben Stempelbildern und Objekten in den 1970er Jahren entsteht.

Williams beteiligt sich bis zu seinem Tod im Februar 2007 in Berlin an einer Vielzahl von Fluxus-Aktivitäten, Lesungen und Aktionen. Seine Werke – darunter auch die jüngeren fotografischen Collagen – werden in zahlreichen internationalen Einzel- und Gruppenausstellungen ausgestellt, so u.a. im Stedelijk Museum, Amsterdam; Centre Georges Pompidou, Paris (beide 1983) oder im Museum am Ostwall, Dortmund (2005). Sein autobiografisches Werk ›My Life in Flux – and Vice Versa‹ von 1992 (auch vom Künstler gelesen) gibt Einblicke in seine Arbeit, die lebenslang von Fluxus geprägt bleibt.

Literaturauswahl

Schulze, Holger: Das aleatorische Spiel. Erkundung und Anwendung der nichtintentionalen Werkgenese im 20. Jahrhundert, München 2000

Konkrete Poesie – Konzept-Kunst. Robert Barry, Heinz Gappmayr, Piette Garnier (…): Ausst.-Kat. Städt. Galerie Rosenheim, hg. v. H. Stegmayer, A. Hofmann, Rosenheim 1997

Williams, Emmett: My life in Flux, and vice versa, Stuttgart u.a. 1991

Block, René (Hg.): Wiesbaden Fluxus 1962 — 1982, Eine kleine Geschichte von Fluxus in drei Teilen, Harlekin Art, Berliner Künstlerprogramm des DAAD, Wiesbaden / Berlin, 1983

Williams, Emmett: Schemes & Variations, Stuttgart u.a. 1981

Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum

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