Emil Cimiotti

Stets Naturräumliches oder Vegetabiles vor Augen sind die Skulpturenoberflächen schrundig, narbig und zerrissen. Was in der Malerei des Informel der gestische Farbauftrag leistet, modelliert Cimiotti – freilich mit ganz anderem Ergebnis – in seinen Wachsmodellen.

Emil Clemente Cimiotti wird am 19. August 1927 in Göttingen geboren. Nach dem II. Weltkrieg und seiner Kriegsgefangenschaft absolviert er zunächst eine Steinmetzlehre. Ab 1949 studiert er bei Otto Baum an der Stuttgarter Akademie Bildhauerei. Auch Willi Baumeister unterstützt und fördert dort Cimiotti und begünstigt überdies dessen Hinwendung zum Informel. Als Karl Hartung (1908 — 1967) im Jahr 1951 eine Professur für Bildhauerei an der Berliner Akademie antritt, wechselt Cimiotti in dessen Klasse, wechselt jedoch schnell für ein Semester nach Paris zu Ossip Zadkine. Cimiotti lernt dort auch Brancusi, Le Corbusier und Fernand Leger kennen. Wichtig ist in seiner Pariser Zeit wird aber vor allem das intensive Studium der Skulpturen von Alberto Giacometti. Cimiottis spätere schrundigen, narbigen Bronzeoberflächen resultieren aus dieser Auseinandersetzung. Von Paris aus kehrt er zurück an die Stuttgarter Akademie und beendet dort 1954 sein Studium. Bei seiner ersten Ausstellungsbeteiligung 1956 ernten seine Skulpturen Ablehnung. Doch bereits ein Jahr später erhält Cimiotti den Preis des »jungen westen« der Stadt Recklinghausen und die hier einstehende Skulptur Chronos des gleichen Jahres wird für die städtischen Kunstsammlungen erworben.

Von nun an etabliert sich Cimiotti stetig und erfolgreich als einer der bedeutensten Bildhauer der informellen Kunst in Deutschland. Cimiotti, dessen Themen und Motive deutlich von der Kunst Baumeisters beeinflusst sind, arbeitet zu dieser Zeit mit dem traditionellen Verfahren des Wachsmodells, das beim Gießen zur »verlorenen« Form führt. Das Wachsausschmelzverfahren erlaubt nur einen Guss, es entstehen also nur Unikate.
Stets Naturräumliches oder Vegetabiles vor Augen sind die Skulpturenoberflächen schrundig, narbig und zerrissen. Was in der Malerei des Informel der gestische Farbauftrag leistet, modelliert Cimiotti – freilich mit ganz anderem Ergebnis – in seinen Wachsmodellen. Er erreicht so für den Bronzeguss, der bei ihm nie poliert ist, eine neue, nahezu das edle Gussmaterial konterkarierende Ästhetik des Brüchigen, Zerfallenden, Fragmentarischen und Zerrissenen. Meist montiert er seine allansichtigen reliefartigen Gussstücke mittig über eine zylindrische Röhre auf einer flachen, rechteckigen Bronzeplatte, viele seiner Skupturen lassen nicht nur Durchblicke zu, sondern können oft von den Schmalseiten her »durch«-schaut werden, d.h. Zwischenräume sind umfasst.

Die charakteristische Oberflächenstruktur seiner Bronzen prägen auch Cimiottis Kohle- und Kreidezeichnungen, wobei es in dieser Gattung zu einer strengeren geometrischen Ausrichtung kommen kann. Die Binnenformen seiner Skulpturen haben oft blattartige oder flügelähnliche Silhouetten. Es kann zu regelrechten Blattwucherungen und –konglomeraten kommen, wie bei seinem Blätterbrunnen für den öffentlichen Stadtraum in Hannover erkennbar.

Bei der 29. Biennale 1958 in Venedig ist Cimiotti mit einer Werkgruppe vertreten. Ein Jahr später und dann erneut 1964 ist er Teilnehmer der Documenta II und III in Kassel. Bei der Gründung der Kunstakademie in Braunschweig 1963 wird er als einer der Gründungsprofessoren berufen und übernimmt dort die Klasse der Bildhauerei bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1989. 1966 wechselt Cimiotti zum Sandausgussverfahren und kann so Skulpturen mehrfach in Auflage anfertigen. Auch sein Reliefentwurf Vegetative Scheibe, der 1968 für die Kunstreihe der Selber Porzellanmanufaktur Rosenthal entsteht, wird in einer 100er Auflage gefertigt. In den 60er und 70er Jahren entstehen großformatige Arbeiten für den öffentlichen Raum in u.a. in Braunschweig und Konstanz. Alle Kreatürlichkeit, das Hauptthema von Cimiotti, ist der Zeit entweder zyklisch oder linear untergeordnet. So findet er Metaphern für die im Momenthaftigkeit, die Bewegtheit und auch Zeitlichkeit.

1981 überschattet ein familiäres Unglück Cimiottis künstlerisches Schaffen, das er erst 1983 wieder aufnehmen kann. Doch bleibt sein Gestaltungsrepertoire konstant, was seine 2002 entstandene Hommage für Willi Baumeister Afrikanisch später Gruß an Willi Baumeister, die heute vor dem Rathaus in Marl steht, eindringlich unter Beweis stellt. Ab 1989 arbeitet Cimiotti, der erst 2005 mit einer Monographie bedacht wird, in seinem Atelier in Hedwigsburg bei Wolfenbüttel. Ebenfalls 2005 wird sein Werk in der Ausstellung »Europäische Plastik des Informel« des Wilhelm-Lehmbruck-Museums in Duisburg im Zeitkontext gewürdigt. In vielen wichtigen deutschen Sammlungen informeller Kunst sind Skulpturen von Cimiotti vertreten.

Emil Cimiotti lebt und arbeitet in Hedwigsburg.

Literaturauswahl

Bergenthal, Th.; Stracke, J.: Emil Cimiotti, Monographie, Heidelberg 2005

Kilger, G. (Hg.): Emil Cimiotti, Struktur – Natur, Dortmund 2003

Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum

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