Ellsworth Kelly

Mit seiner stets über oder zwischen den künstlerischen Gattungen angesiedelten Arbeit rührt Kelly zugleich an der Differenz zwischen figurativer und abstrakter Kunst. Er greift auf bereits als Form und Farbe Existierendes zurück, transformiert Vor-Gefundenes, Umrisse, Formen und Strukturen der sichtbaren Welt. Die Frage nach dem Transformationsprozess, die Entscheidung für Material, Farbe, Format im Bild wird zur zentralen künstlerischen Frage.

Ellsworth Kelly wird am 31. Mai 1923 in Newburgh/ New York geboren, zieht sogleich mit seiner Familie nach Pittsburgh, dann 1929 nach Oradell/ New Jersey. Nach der Schule nimmt er 1941 das Studium am Pratt Institute in Brooklyn/ N.Y., wird 1943 zum Militär eingezogen, 1944 bis zum Kriegsende in Europa stationiert. Ab 1946 besucht Kelly im Rahmen eines staatlichen Förderprogramms zunächst die School of the Museum of Fine Arts in Boston, an der er bis zu seinem Abschluss 1948 eine klassische Ausbildung in der Malerei- und Zeichenklasse des expressionistennahen Karl Zerbe erhält. Oft besucht er die New Yorker Museen, ist 1948 dort auch in einer ersten Gruppenausstellung vertreten. Im gleichen Jahr lässt sich Kelly erneut mit einem Förderprogramm in Paris nieder, besucht die dortigen Museen und schreibt sich an der École des Beaux-Arts in Paris ein. Bis 1954 bleibt er in Frankreich, arbeitet zuletzt an der amerikanischen Schule in Paris. Kelly unternimmt Reisen im Land, setzt sich mit romanischer und byzantinischer Architektur auseinander und wird zum frühen Bewunderer des Spätwerks von Monet. In Paris trifft er u.a. auf Constantin Brancusi, Alexander Calder, Francis Picabia, Hans Arp und John Cage, lernt dort auch den Zürcher Seidenfabrikanten Gustav Zumsteg kennen, für den er bald Musterzeichnungen anfertigt.

In seiner Pariser Zeit wendet sich Kelly stärker abstrakten Ausdrucksformen zu. Erste Werke mit weißer Form auf schwarzem Grund (Plant I, 1949), mit dem er sich auf biomorphe Formen stützt, aber auch Collagen, Lithografien und sein erstes Relief (Window III) entstehen. Hier entwickelt Kelly mit Window, Museum of Modern Art, Paris auch erstmalig eines seiner Multi panel paintings. Eigene Problemstellungen des Bildes, die sich von der Colour Field Painting und dem Abstract Expressionism in den USA dieser Zeit absetzen und weit stärker von Ansätzen der modernen europäischen Malerei gezeichnet sind, kennzeichnen seine Arbeit. Kelly richtet sich in grundlegender Weise auf das »Konzept des Bildes, des Bildnerischen überhaupt« wie nicht zuletzt auf die »Ordnung der künstlerischen Gattungen und Ausdruckformen« (Boehm, Kelly 2002).

Mit seinen Verfahren sucht Kelly die Grenzen des Gemäldes zu Relief und Skulptur sowie zwischen diesen gleichermaßen zu unterlaufen: Zunächst entstehen Collagen nach Zufallsprinzip, zeichnerische Experimente mit verbundenen Augen folgen noch in Paris Anfang der 50er Jahre ebenso wie Zeichnungen zufallsgeformter gefundener Objekte oder auch Experimente zum automatisierten Auftrag von Tinte. Mit seiner stets über oder zwischen den künstlerischen Gattungen angesiedelten Arbeit rührt Kelly zugleich an der Differenz zwischen figurativer und abstrakter Kunst. Er greift auf bereits als Form und Farbe Existierendes zurück, transformiert Vor-Gefundenes, Umrisse, Formen und Strukturen der sichtbaren Welt. Die Frage nach dem Transformationsprozess, die Entscheidung für Material, Farbe, Format im Bild wird zur zentralen künstlerischen Frage. Der Bezug zur realen Objektwelt – zu Gegenständen, Architektur, Gefundenem – bleibt im Entstehungsprozess erhalten. Kelly stellt seine frühen Werke noch in Paris im »Salon des Réalités Nouvelles« aus. Ebenfalls auf seine Pariser Zeit geht auch die La-Combe-Serie (1950) und seine aus 64 erstmalig monochromen Tafeln bestehende Arbeit Colours for a large wall (1951) zurück.

Kellys Bilder, die seit 1951 meist aus einzelnen Tafeln bzw. Leinwänden bestehen und sich etwa seit Mitte der 50er Jahre in New York nun ganz umrisslos zudem stark auf Schwarz-Weiß-Kontraste stützen, beziehen sich auf Flächenformen in monochromer, nicht modellierter Farbigkeit. Dabei erzeugt er durch die Anlage spezifischer Formen in monochromer Farbe sowohl Flächen- wie auch Raumwirkungen, lotet das Verhältnis von Figur und Grund aus. »I have wanted to free shape from its ground, and then to work the shape so that it has a definite relationship to the space around it (…) the shape finds its own space and always demands its freedom and separateness« (Kelly 1983, zit.n. Artists choice 1990). Die Arbeiten leiten Kelly auch zu den bekannten Gemälden aus mehreren jeweils monochromen Tafeln, die nebeneinander gehängt bzw. zu mitunter geometrischen Gesamtformen gruppiert, die Wand als Negativform oder Zwischenraum einbeziehen, und 1955 auch zu ersten Kurvenformen.

Über seine New Yorker Galerie, aber auch durch die Gruppenausstellung »Young America«, an der sich Kelly 1957 beteiligt, stoßen seine Arbeiten auch in den USA auf Resonanz, erste Museumsankäufe werden getätigt. In New York fertigt Kelly nun auch Zeichnungen von Pflanzen, einem bis heute wichtigen Motiv des Künstlers und die Serie der Holzreliefs an. Hier lernt Kelly Jasper Johns und Frank Stella kennen, arbeitet an seinen ersten frei stehenden bemalten Aluminiumskulpturen (Pony, 1959). Immer wieder reist Kelly nach Europa, nach Ravenna und Padua, nach Amsterdam, Barcelona, setzt sich dort besonders mit der Architekturgeschichte auseinander. Er wendet sich in den 1960er Jahren grundsätzlich vom Schema des Bildes ab (Yellow Piece, 1966), entfernt sich von Kompositionsprinzipien, verändert das Figur-Grund-Verhältnis, löst die »Dynamik des Bildgefüges« auf (Boehm, ebd.). In den 70er Jahren entstehen dann Bilder, die mit den z.T. raumgreifenden Wall/Floor pieces (Blue Red, 1966) gleichermaßen Boden wie Wand einbeziehen oder selbst zur Wand werden (Color Panels for Large Wall, 1978). Vermehrt fertigt Kelly nun auch Großskulpturen im öffentlichen Raum, so z.B. die Auftragsarbeit Curve XXVI von 1981 in Chicago oder The Barcelona Sculpture(1987) in Barcelona, die ebenso wie ihre kleinformatigen Vorgänger seit Ende der 50er Jahre als von der Wand gelöste Farbformen zu verstehen sind.

Seit den ausgehenden 1940er Jahren ist Kelly in Ausstellungen, so zunächst in der Mirski Art Gallery (1948), später u.a. im New Yorker Museum of Modern Art (1957) und in der ersten musealen Einzelausstellung der Gallery of Modern Art, Washington (1963) vertreten. Retrospektiven werden ihm 1973 im Museum of Modern Art, New York, 1996 u.a. im Haus der Kunst, München gewidmet. 2002 schließt sich die Fondation Beyeler Riehen/ Basel mit einer Schau seiner Werke von 1956 — 2002 an. In Gruppenausstellungen ist Kelly u.a. 1957 im Whitney Museum of American Art, New York (»Young America«) oder auch 2002 im Centre Georges Pompidou, Paris (»Henri Matisse, Ellsworth Kelly. Dessins de plantes«) vertreten. 1968,1977 und 1991 nimmt Kelly an der Documenta, 1991 an der Whitney Biennale in New York teil.

Kelly lebt und arbeitet seit 1970 in Spencertown, Upstate New York.

Literaturauswahl

Ellsworth Kelly: Zwischen-Räume, Werke 1956 — 2002: Ausst.-Kat. Fondation Beyeler, Ostfildern 2002

Ellsworth Kelly: Ausst.-Kat. u.a. Haus der Kunst, München 1997

Ellsworth Kelly. Die Jahre in Frankreich 1948 — 1954: Ausst.-Kat. Westfälisches Landesmuseum, Münster 1992

Boehm, G.: Ellsworth Kelly, Yellow Curve, Stuttgart 1992

Ellsworth Kelly, Gemälde u. Skulpturen 1966 — 1979: Ausst.-Kat. Staatl. Kunsthalle Baden-Baden, Baden-Baden 1980

Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum

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