Eija-Liisa Ahtila

Ihre Erzählungen handeln meist von alltäglichen Situationen, in die jedoch existentielle psychologische Phänomene integriert sind. Generationenkonflikte, Paarbeziehungen, sexuelle Erfahrung und Pubertät, aber auch psychotische Zustände werden in den szenischen Darstellungen thematisiert. Eija-Liisa Ahtila sucht bewusst die Nähe zu filmischen Phänomenen der Massenkultur, deren vertrautes Vokabular sie aufbricht.

Die Künstlerin Eija-Liisa Ahtila wird 1959 in Hämeenlinna (Finnland) geboren. Von 1980 — 85 studiert sie zunächst an der Universität Helsinki und fast zeitgleich 1981 — 84 an einer unabhängigen Kunstschule. Ein weiterer Schritt ihrer Ausbildung führt sie nach London, wo sie 1990 bis 1991 ein Kunst- und Filmstudium am London College of Communication (ehem. London College of Printing), einem Teilbereich der Londoner University of the Arts, absolviert. Sie vervollständigt ihr Studium 1994 — 95 an der University of California in Los Angeles im Fach Entertainment Studies. Hier arbeitet sie zur gleichen Zeit am America Film Institute. Ahtila ist heute Dozentin in der Medienabteilung der Akademie der Schönen Künste Helsinki.

Seit Beginn der 1990er Jahre tritt Ahtila mit Videoarbeiten auf, die mit Mitteln des Experimentalfilms bewegte Bilder in Szene setzen. Die dramatische Erzählung ist ihr Medium, dabei gehen bewegtes Bild und gesprochene Sprache eine explizite Verbindung ein. Die gesprochene finnische Sprache unterlegt sie in ihren filmischen Arbeiten überdies mit englischen Untertiteln, so dass neben der gesprochenen Sprache jeweils auch Text als sichtbarer Bestandteil einbezogen wird. Ahtilas Erzählungen handeln meist von alltäglichen Situationen, in die jedoch existentielle psychologische Phänomene integriert sind. Generationenkonflikte, Paarbeziehungen, sexuelle Erfahrung und Pubertät, aber auch psychotische Zustände werden in den szenischen Darstellungen thematisiert. Die Künstlerin sucht bewusst die Nähe zu filmischen Phänomenen der Massenkultur, deren vertrautes Vokabular sie aufbricht. Die Eigenheiten des filmischen Mediums nutzt sie dabei, um auf subtile Weise kommunikative Leerstellen, Mängel eingeschliffener Verhaltensnormen und Löcher im Netz sozialer Beziehungen vor Augen zu führen. Oft gehen die gezeigten Filmsituationen auf Interviews der Künstlerin zurück, oder führen selbst Interviewszenen vor. Auch in ihren scheinbar authentischen Fimerzählungen, in denen jeweils professionelle Schauspieler agieren, hebelt Ahtila die funktionalen Scharniere von Verhalten und Kommunikation aus, verfremdet das lineare Zusammenspiel von Bild und Sprache in komplexen Montagen und Raumkonstellationen. Dies macht sich insbesondere in den monologisch aufgebauten Filmsequenzen bemerkbar, in denen raumzeitliche oder auch farbliche Diskontinuitäten und Fragmentstrukturen die Erwartungen an einen geschlossenen filmischen Ablauf durchkreuzen.

Insbesondere die Raumerfahrung der Betrachtenden wird Ahtila zu einem wichtigen Ansatzpunkt ihrer filmischen Arbeit. Einzelne Filme, wie If 6 was 9 von 1995 bauen auf dem Triptychon-Format auf, oder sie arbeiten mit der Simultanprojektion mehrerer, z.T. gleichzeitig oder sukzessiv geschalteter Monitoren, so in der Darstellung persönlicher Erlebnisse aus der Perspektive psychotisch Erkrankter (The Present, 2001). Durch den Einbezug unmittelbar erscheinender und voyeuristischer Erlebnisstrukturen verleiht Ahtila ihren Arbeiten besondere Eindringlichkeit, zum Teil auch Brutalität. So zeigt sie beispielsweise unterschiedliche familiäre Reaktionen und Einschätzungen anlässlich des Todes eines Familienmitgliedes (Today, 1996/97).

Ahtilas Interesse am Film als einem durch Fernsehen, Kino und Video verbreiteten Medium der »Gesellschaft des Spektakels« wird jüngst folgendermaßen beschrieben: »Die kleine Revolution jedoch, die die finnische Künstlerin im weiten Meer der Produktion des bewegten Bildes in Gang gesetzt hat, ist die, durch scheinbare Schlichtheit die Regeln der Gesellschaft des Spektakels umgewälzt zu haben. In ihrer verrückten Welt ist das Wahre nicht – wie Debord schreibt – ein Moment des Unwahren, sondern es tritt auf wundersame Weise tatsächlich wie ein Moment des Wahren auf.« (Regaglia, in: Ausst.-Kat. Museion 2003).

Eija-Lisa Ahtilas Arbeiten werden in internationalen Ausstellungen gezeigt, u.a. auch auf der Documenta 11 von 2002. In Einzelausstellungen sind ihre Arbeiten u.a. 1998 im Museum Fridericianum in Kassel, 2000 in der Neuen Nationalgalerie Berlin und 2002 in der Tate Modern London und 2003 im Museion in Bozen vertreten.

Die Künstlerin lebt und arbeitet in Helsinki.

Literaturauswahl:

Taktiken des Ego, Eija-Liisa Ahtila, Gilles Barbier, Birgit Brenner: Ausst.-Kat. Stiftung Wilhelm-Lehmbruck-Museum Duisburg, hg. v. Chr. Brockhaus, Bielefeld 2003

Eija-Liisa Ahtila: Ausst.-Kat. Museion, Museum für Moderne und Zeitgenössische Kunst, Bozen, hg. v. L. Ragaglia, Bozen 2003

Stories – Erzählstrukturen in der zeitgenössischen Kunst, Eija-Liisa Ahtila, Lars Arrhenius, Birgit Brenner: Ausst.-Kat. Haus der Kunst München, hg. v. St. Rosenthal, Köln 2002

 

Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Foto: Tobias Roch, Hagen

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