E.G. Willikens

»Um eine von Stories, Menschen und Bedeutungen befreite Weltbühne zurück zugewinnen, knüpfte ich selbst an die Frühmoderne in Russland, also an den räumlich gedachten Konstruktivismus an.« (Willikens, in: Ausst.-Kat. Recklinghausen 2005). Willikens konstruiert in den anfänglichen Serien von Acrylbildern imaginierte traumatisch empfundene, verlassene Räume – Bildarchitekturen von Krankenhauszimmern, Schlaf- und Wartesälen.

Ben Willikens wird 1939 in Leipzig geboren. 1947 verlassen die Eltern die sowjetische Besatzungszone und lassen sich in Westdeutschland nieder. Dort schließt Willikens 1959 das Gymnasium ab und studiert zunächst in Hamburg Philosophie und Literaturwissenschaft. 1962 — 1965 wechselt er in die Malereiklasse von Heinz Trökes an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, erhält verschiedene Stipendien, die ihn nach London, Florenz und Rom führen. 1977 erhält Willikens einen Ruf an die Fachhochschule für Gestaltung in Pforzheim, 1982 schließt sich die Professur für Malerei und Graphik an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig an. Ab 1991 ist er Professor an der Akademie der Bildenden Künste in München, deren Rektorat er 1999 — 2004 innehat.

»Um eine von Stories, Menschen und Bedeutungen befreite Weltbühne zurück zugewinnen, knüpfte ich selbst an die Frühmoderne in Russland, also an den räumlich gedachten Konstruktivismus an.« (Willikens, in: Ausst.-Kat. Recklinghausen 2005). Tatsächlich konstruiert Willikens in den anfänglichen, z.T. in Italien entstandenen Serien von Acrylbildern imaginierte traumatisch empfundene, verlassene Räume – Bildarchitekturen von Krankenhauszimmern, Schlaf- und Wartesälen (Bett No. 5, 1972). In eingeschränktem, meist graufarbigen Farbspektrum, in das sich mitunter nur zurückhaltend Farbigkeit mischt, entwickelt er eine realistische distanziert-kühle Bildsprache plakativer, glatt vermalter Flächen und scharfer Konturen. Auch in den Bearbeitungen, von nun menschenentleerten Räumen in exponierten Werken der Kunstgeschichte, so etwa der Adaption von Da Vincis Abendmahl (1977) oder der Schule von Athen (1987/88), avancieren der konstruierte Raumkontext und die unendliche Leere zu bestimmenden Merkmalen im Werk Willikens. Akribisch gemalte, fast fotografisch wirkende Eingangs- oder Durchgangssituationen (Zellentür Nr. 7, 1973) leiten zu spezifischen, anonymen Raumsituationen, leeren Orten, die der Foucault-schen Vorstellung vom Nicht-Ort entsprungen scheinen.
Lediglich die Gouache-Serien, auf Birkenholz, Büttenpapier oder Nessel gemalt, haben eine Sonderstellung. Ebenfalls in Grau-weißer Tonigkeit angelegt, sind sie durch einen individuellen expressiveren Pinselduktus gezeichnet, der dem strengen Konzept der glatt gemalten, kühl-distanzierten Großbilder Paroli bietet.

In den 1990er Jahren knüpft Willikens mit Arbeiten wie den Räumen der Moderne, Orten, den Cuts oder Gegenräumen an die früheren Raumkonzepte und Idealräume an. Nun gewinnen jedoch in den Acrylbildern sphärische Raumstaffelungen, durchbrochene Raumfolgen in perspektivischer Vermittlung ebenso an Bedeutung wie die Orientierung an konkret benennbaren Architekturen – beispielsweise Mies van der Rohes Seagram Building (Raum 363, 2004), UngersDeutsches Architekturmuseum (Raum 237, 1999 oder El Lissitzkys Prounen-Raum (Raum 246, 2004), die Willikens im Rahmen des Ausstellungsprojekts »teatro dell’ assenza« (Theater der Abwesenheit) auf den Ruhrfestspielen 2005 zeigt.

Seit 1985 entstehen auch auf Willikens Raumkonzepten basierende Bühnenbilder für verschiedene deutsche Theater und Opernhäuser, so u.a. 1985 am Staatstheater Stuttgart (Lohengrin), 1989 an der Hamburger Oper (Tosca), 1994 am Theater Bremen (Othello) oder 2005 im Rahmen der Ruhrfestspiele Recklinghausen (Minna von Barnhelm). Willikens Arbeiten werden im Rahmen von Ausstellungen u.a. 2002 im Josef Albers Museum Quadrat Bottrop, 2003 in der Stiftung für konkrete Kunst, Reutlingen oder 2004 in der Glyptothek, München, im Lindenau-Museum, Altenburg und 2005 in der Kunsthalle Recklinghausen gezeigt. 2009 widmet ihm u.a. das Kunstmuseum Stuttgart eine Sonderschau.

Ben Willikens lebt und arbeitet in Stuttgart

Literaturauswahl

Ben Willikens, Il teatro dell’assenza: Ausst.-Kat. Kunsthalle Recklinghausen, hg. v. F. Ullrich u. H.-J. Schwalm, Recklinghausen 2005

Ares in irrealem Raum, Ben Willikens in der Glyptothek: Ausst.-Kat. Glyptothek München, hg. v. R. Wünsche, München 2004

Ben Willikens, Räume: Ausst.-Kat. Lindenau-Museum, Altenburg u.a., Düsseldorf 2004

Ben Willikens, Orte und Räume der Moderne: Ausst.-Kat. Josef Albers Museum Quadrat, Bottrop 2002

Ben Willikens, Räume in Räumen: Ausst.-Kat. Palazzo Pitti, Stuttgart 2000

Ben Willikens – Gegenräume: Ausst.-Kat. hg. v. M. Fath u. M. Schneckenburger, Stuttgart 1998

Ben Willikens. Metaphysik des Raumes: Ausst.-Kat. Deutsches Architektur-Museum Frankfurt/M., hg. v. H. Klotz u. L. Romain, Stuttgart 1985

Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Foto: Tobias Roch, Hagen

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