Eduardo Paolozzi

Von besonderer Bedeutung ist seine frühe Auseinandersetzung mit Techniken der verfremdenden Komposition, so insbesondere der Collage, die Paolozzi durch Mary Reynolds in Arbeiten Marcel Duchamps, aber auch in der surrealistischen Ausprägung bei Max Ernst kennenlernt. Vermutlich inspiriert ihn das Interesse an der komplexen Kombination realer vorgefundener und gestalteter Elemente zu ersten eigenen Collagen, die er vornehmlich aus amerikanischen Werbezeitschriften bestückt.

Eduardo Paolozzi wird 1924 als Sohn italienischer Einwanderer in Leith bei Edinburgh geboren. 1943 nimmt er das Studium am College of Art in Edinburgh auf und setzt es in London ein Jahr später an der St. Martin’s School of Art, dann 1945 — 1947 an der Slade School of Art fort. In den Nachkriegsjahren sucht Paolozzi nach neuen Orientierungsmöglichkeiten, jenseits der akademischen Lehrpfade und jenseits einer etablierten modernen Skulpturauffassung. Entscheidend sind in diesem Zusammenhang die neuen Kontakte, die er durch seine Übersiedelung nach Paris mit den dortigen meist surrealistisch orientierten Künstlern knüpfen kann. Von besonderer Bedeutung ist seine Auseinandersetzung mit Techniken der verfremdenden Komposition, so insbesondere der Collage, die er durch Mary Reynolds in Arbeiten Marcel Duchamps, aber auch in der surrealistischen Ausprägung bei Max Ernst kennenlernt. Vermutlich inspiriert ihn das Interesse an der komplexen Kombination realer vorgefundener und gestalteter Elemente zu ersten eigenen Collagen, die er vornehmlich aus amerikanischen Werbezeitschriften bestückt. Zu seinen Fundgruben gehören die Zeitschriften »Esquire«, »Popular Mechanics«, »Life«, »Lock«, »Amazing Science Fiction«, »Galaxy« und »Cover Girls«. Erst in Paris, wo die us-amerikanischen Streitkräfte stationiert sind, gelangt Paolozzi an dieses neuartige »Bildarchiv«, dessen mediale Massenwirkung und politische Dimension ihn beschäftigt. Seine frühen Collagen weisen bereits ein besonderes Interesse an der Bildmontage von technischen Details aus der Produktwerbung, wie Konstruktionszeichnungen von Maschinen etc. mit den ideal überzeichneten Porträts und Ganzkörperdarstellungen der Kosmetik- und Modemagazine (Selbstporträt, 1947; Election 1923, 1947) auf.

Paolozzi gehört zu den Mitbegründern der »Independent Group«, die sich im Jahr 1952 gemeinsam mit den Architekten James Stirling, Alison und Peter Smithson, dem Künstler Richard Hamilton und dem Kunsthistoriker Reyner Banham u.a. am Institute of Contemporary Arts (ICA) in London formiert. Hier diskutiert man die Ausweitung des Kunstbegriffs auf Beiträge der Massenmedien, der Trivial- und Populärkultur. Man versteht sich als vornehmlich theoretisch orientierte Ideengeber, weniger als Ausstellungsinitiatoren. Im Kontext dieser Vereinigung entstehen die Leitgedanken dessen, was einige Jahre später unter der Bezeichnung »Pop Art« gefasst wird.

In dieser Gruppe nimmt Paolozzi eine Sonderstellung ein. Er präsentiert sich dort als Ausstellungsmacher und zeigt 1952 unter dem Titel »Bunk« erstmals seine Collagen – den selben Titel verwendet er auch für das 1972 verlegte Mappenwerk. Einer vorab gewählten Inszenierungsstrategie folgend projiziert er die Arbeiten fast kommentarlos und in schneller Abfolge an die Wände des Ausstellungsortes. Auch die folgende Ausstellung am Institute of Contemporary Arts, die ebenfalls von Paolozzi 1953 gemeinsam mit dem Fotografen Nigel Henderson und Alison und Peter Smithson organisiert wird, verfolgt eine ähnliche Taktik. Sie trägt den Titel »The Parallel of Life and Art (Die Parallele zwischen Leben und Kunst)«. Auch mit diesem Projekt wird die Assoziationskraft der BetrachterInnen herausgefordert. Unterschiedliche Motive des trivialen Alltagslebens führen im Akt des Sehens zu inhaltlichen und formalen Querverbindungen, deren absurde Zusammenstellungen neue Deutungszusammenhänge suggerieren.

In den Folgejahren wendet Paolozzi die gewonnenen Vorgaben künstlerischer Arbeit konsequent auch auf die Gestaltung von Skulpturen an, die er nun aus Fundstücken in Museen, aber auch dem technischen Zivilisationsmüll der Gegenwart gestaltet. Mit dem Head von 1953 entsteht eine erste figurale Skulptur, deren formale Entsprechung zwar in gefundenen Objekten zu suchen ist, die aber dennoch als eigenhändig bearbeitete Büste zu verstehen ist. Sie stellt ein verfremdetes und zugleich poetisches Werk dar, das in gewisser Hinsicht auch die technoid-körperhafte Formensprache der frühen Collagen aufnimmt. Bis zum Ende der 1950er Jahre beschäftigt Paolozzi sich mit der Gestaltung plumper Roboterköpfe und Maschinenmenschen, deren mimische Reduktion und Standardisierung zusammen mit zerstörten Resten industriellen Abfalls und volkstümlicher Artefakte unheimliche Körperassoziationen erzeugt (St. Sebastian I, 1957; 9XSR, 1958/59). Paolozzi nimmt 1952 und 1960 an der Biennale in Venedig teil, ebenso 1959 bis 1977 an der Documenta 2, 3, 4 und 6. Einzelausstellungen folgen u.a. 1964 im Museum of Modern Art in New York und 1971 in der Tate Gallery, London.

Mit Beginn der 60er Jahre nutzt Paolozzi in seinen Skulpturen vornehmlich vorgefertigte geometrische Gussformen aus Aluminium und Messing. Reliefs und Skulpturen erscheinen nun in geglätteter Abstraktion (Diana as an Engine I, 1963 — 66; Crash, 1964; Osaka Steel, 1969). Schließlich wendet er sich dem Bereich der angewandten Kunst zu, für den er mit seinen messingfarbenen Holzreliefs eine eigene Mustersammlung aus gestalteten Kleinteilen entwirft (Holzrelief für Cleish Castle, 1972; Rhino 1980). Mit der Ausstattung der U-Bahn-Station Tottenham Road von 1984 bringt Paolozzi dieses technische Vokabular in der farbigen Großform eines Mosaiks in den öffentlichen Raum, zu weiteren öffentlichen Projekten gehören seine Gusseisenskulptur Piscator für den Euston Square London und dieRheingartenskulptur in Köln (1986). Zu seinen bekanntesten und im Sinne der Technik-Rezeption bezeichnendsten Werken zählt sicher auch Master of the Universe(1989), eine Skulptur, die Isaac Newton nach einer Zeichnung William Blakes zeigt. Paolozzi ist im erwähnten Zeitraum in zahlreichen weiteren Einzelausstellungen zu sehen, so u.a. 1984 im Lenbachhaus München, 1985 im Museum Ludwig Köln, 1986 in der Royal Academy of Arts in London.

Neben den skulpturalen Arbeiten umfasst Paolozzis Œuvre ebenso ein umfassendes Konvolut an Grafiken und Filmen. Seine Lehrtätigkeit betreibt Paolozzi zunächst in London, wo er an der Central School of Arts and Crafts von 1949 bis 1955 Textildesign und danach von 1955 — 60 an der St. Martins’s School of Art lehrt. Von 1960 bis 1962 ist er an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg tätig. U.a. führen ihn auch Lehraufträge nach Deutschland, so ist er ab 1977 an der Fachhochschule Köln tätig und wechselt schließlich an die Akademie für Bildende Künste in München, wo er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1989 lehrt.

Eduardo Paolozzi stirbt im April 2005 in London.

Literaturauswahl

Paolozzi: Ausst.-Kat. National Galleries of Scotland, hg. v. F. Pearson, Edinburgh 1999

Paolozzi – Portraits: Ausst.-Kat. National Portrait Gallery, London 1988

Eduardo Paolozzi – Underground: Ausst.-Kat. Royal Academie of Arts London, hg. v. R. Cork, London 1986

Konnertz, Winfried: Eduardo Paolozzi, Köln 1984

Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Foto: Tobias Roch, Hagen

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