Di(e)ter Rot(h)

Die Nähe Roths zur Fluxus-Bewegung und den Nouveaux Réalistes, das enorm weite Spektrum der Arbeiten, die konstruktivistische, Op Art-geprägte, aktionistische Tendenzen bergen und dabei stets die Konfrontation von Literatur, verlegerischer Arbeit, Musik und Aktionskunst suchen, der Bezug zu Tinguely und Spoerri, die Zusammenarbeit mit Hamilton, Rainer, Hüppi oder Eggenschwiler zeigen die Unsinnigkeit, Dieter Roths Werke über enge Begriffe fassen zu wollen.

1930 wird Di(e)ter Rot(h) als Karl-Dietrich Roth in Hannover geboren. Seit 1940 in der Schweiz lebend, beginnt Roth 1947 — 51 eine Lehre als Werbegraphiker bei Friedrich Wüthrich in Bern und besucht zusammen mit Bernhard Luginbühl an der Berner Gewerbeschule den Typographieunterricht. Neben ersten Linol- und Holzschnitten, bald auch Arbeiten aus bemaltem Schrott, bleibt Roths künstlerische Arbeit Anfang der 1950er Jahre von schriftstellerischen Interessen und von der Nähe zu Grafik und Aquarellmalerei (Solothurner Wandbild, 1952) wie auch Experimenten im Bereich der Op Art bestimmt. Gemeinsam mit Marcel Wyss und Eugen Gomringer gründet er die Zeitschrift »spirale«, die sich von 1953 bis 1964 in neun Ausgaben der konkreten Kunst und Poesie widmet. Mit Rolf Iseli, Peter Meier und Walter Vögeli übernimmt er 1954 die Berner Galerie 33, die Werke der Künstler zeigt. Seinen Schwerpunkten in der Grafik geht Roth auch während eines Dänemark-Aufenthalts nach, während dem er 1955 — 56 als fester Mitarbeiter der Firma Unika-Vaev in Kopenhagen Textilentwürfe liefert. Weitere Auslandaufenthalte folgen in den 50er Jahren. 1957 — 58 arbeitet Roth als Grafiker und Verleger in Reykjavík, arbeitet 1959 für kurze Zeit in New York, wo er Josef Albers kennenlernt und 1960 — 61 seine Op-Art Bücher bok 2 und bok 4 entstehen. Zurück in Reykjavík, entwickelt er neben weiteren Publikationsprojekten kinetische Bilder, Plastiken und konstruktivistische Stempelbilder.

Von Roths künstlerischer Experimentierfreudigkeit und medienübergreifenden Interessen sind auch die in den folgenden Jahren entstehenden Arbeiten auf Papier, seine Gemälde und Bücher gezeichnet, in denen er sich vor allem mit der konkreten Kunst auseinandersetzt. Gleichzeitig bleibt sein Interesse an Grafik und Design, beispielsweise mit den Schmuck- und Möbelentwürfen Ende der 50er Jahre, wach. Folgerichtig scheint, dass Roth seit den 60er Jahren erneut neue Wege erkundet und sich bewusst dem Material zuwendet. Es entstehen Bücher, für deren Herstellung Roth eine kleine Druckerei gründet und die bis in die 70er Jahre in der von ihm mitbetriebenen edition hansjörg mayer herausgegeben werden. Objekte aus Zeitungspapier, Käse-Koffer, Grafiken aus gepressten Bananen, Porträtbüsten aus Schokolade, Materialhaufen aus geschichteten Lebensmitteln oder auch auch Glaskästen, die mit Gewürzschichten gefüllt sind, dokumentieren Roths Intetion, Gattungs- und Materialgrenzen auszuloten und dabei thematisch die Zeitlichkeit wie Vergänglichkeit im Blick zu halten. In dieser Zeit beteiligt sich Roth auch an Mauricio Kagels Film »Ludwig van« und fertigt Requisiten wie Die Badewanne des Ludwig van oder das Franz Léhar-Sofa.

Akribisch und systematisch in mehreren Hundert Ordnern erfasst, legt Roth einen umfangreichen Fundus an Text-, Abfall-, Schrott-Materialien, Zigarettenkippen, Nahrungsabfällen, Bahntickets, verwelkten Blumen etc. an. Aus diesen geordneten materiellen Lebensspuren formieren sich auch seine Materialbilder und Objekte (Flacher Abfall 1975 — 76; Reykjavik Slides 1973 — 75, 1990 — 93). Seit den frühen 70er Jahren entsteht in Zusammenarbeit mit einem Hamburger Sammler ein Privatmuseum mit angegliedertem Werkarchiv und Museum – die heutige »Dieter Roth Foundation« in Hamburg. Roth nimmt nun auch die künstlerische Zusammenarbeit mit Stefan Wewerka auf, mit der beide Künstler einen dialogischen Werkentstehungsprozess und die gegenseitige Änderung und Vollendung von Werken (die kassentexte; urbane matsche, 1970) forcieren. Neben Materialarbeiten und Werkarchiv erarbeitet Roth zugleich ein umfangreiches Grafik-Kovolut, das auch die Collaborations (1971ff.) mit Richard Hamilton umfasst. Roth arbeitet nun, bedingt durch die Gemeinschaftsarbeiten und Projekte, an mehreren Orten. Er unterhält neben Düsseldorf auch Wohnungen bzw. Ateliers in Wien und in Stuttgart. Immer wieder entwickelt er mit befreundeten Künstlern auch Zeitschriftenprojekte, in denen er unterschiedliche künstlerische Ausdruckformen zwischen Text und Zeichnung vereint (Zeitschrift für Alles, 1975). In dieser Zeit entstehen auch die ersten Schnellzeichnungen, jene spiegelsymmetrischen Speedy-Drawings (1977ff.), die Roth mit beiden Händen, zum Teil auch in Aktionen zeichnet. Daneben wendet er sich vermehrt musik- und tonbezogenen Projekten und Aktionen zu (Quadrupel Konzert; 45 Minuten Klavier Improvisation in steigender Betrunkenheit, 1977).

Mit Beginn der 1980er Jahre, in denen Roth zwischen Island und der Schweiz pendelt, ändern sich seine Arbeiten erkennbar. Er gestaltet 1982 den Schweizer Pavillon auf der Biennale in Venedig und zeigt dort eine Installation aus 40 Filmprojektoren für Super-8-Filme, die simultan autobiographische Szenen aus dem Jahr 1982 zeigen. Der dokumentarische Aspekt, aber auch der Bezug zur eigenen Biografie werden auch für die neuen in den 80er und 90er Jahren entstehenden räumlichen Installationen und kleinformatigen Arbeiten, in denen sich Zeitlichkeitsperspektiven mit der psychologischen Selbsterkenntnis verbinden, deutlich. Roths Buch A Diary – Ein Tagebuch, auf das sich auch die spätere Videoprojektion Soloszenen (1997 — 1998) bezieht, dokumentiert ebenfalls diesen Wandel. In einer Remise in Hamburg realisiert Roth 1991 mit dem Schimmelmuseum eine Installation, die noch einmal die seit Ende der 60er Jahre entstandenen Konzepte der Zeitlich- und Vergänglichkeit zusammenführt.

Seit 1958 ist Roth in Einzelausstellungen vertreten. In Gruppenausstellungen werden seine Werke va. im Kontext Konkreter Kunst, von Zero und Fluxus, im Spannungsfeld zwischen Literatur und Bildender Kunst gezeigt. Roth nimmt neben der Biennale in Venedig auch an der Documenta 4 teil. Zu den eigeninitiierten Ausstellungen zählen die Wanderausstellung »Grafik und Bücher« (1971 — 79) oder die Bestellzettelausstellung (1972), aber auch gemeinsam mit Franz Eggenschwiler und Alfonso Hüppi realisierte Ausstellungen (1976) oder ausstellungsnahe Performances mit Arnulf Rainer (Grafik Biennale, 1979). In den 90er Jahren setzt Roth diese Aktivitäten mit seiner Frau Vera und seinem Sohn Björn Roth, aber auch mit isländischen Freunden in Holderbank, Wien und Marseille fort. Retrospektiven widmen sich dem Werk Roths seit 1974 (Hamburger Kunstverein), 2003 wird ihm eine große Schau in Basel (Schaulager) gewidmet.

Die Nähe Roths zur Fluxus-Bewegung und den Nouveaux Réalistes, das enorm weite Spektrum der Arbeiten, die konstruktivistische, Op Art-geprägte, aktionistische Tendenzen bergen und dabei stets die Konfrontation von Literatur, verlegerischer Arbeit, Musik und Aktionskunst suchen, der Bezug zu Tinguely und Spoerri, die Zusammenarbeit mit Hamilton, Rainer, Hüppi oder Eggenschwiler zeigen die Unsinnigkeit, Dieter Roths Werke über enge Begriffe fassen zu wollen. In seinen Werken konzentriert auf die eigene Biografie und die Bedingungen von Raum und Zeit, will Roth nur sein »täglich stattfindendes Gelebe« zeigen – und dabei nutzt er alle künstlerischen Medien, Gattungen.

Dieter Roth stirbt 1998 in Basel.

Literaturauswahl

Roth Zeit, Eine Dieter Roth Retrospektive: Ausst.-Kat. Schaulager, Münchenstein/Basel, hg. v. Th. Vischer, B. Walter, Baden 2003

Dieter Roth, Gedrucktes Gepresstes Gebundenes 1949 — 1979: Ausst.-Kat. hg. v. d. Graphischen Sammlung Albertina, Wien 1998

Dieter Roth, Zeichnungen: Ausst.-Kat. Hamburger Kunsthalle, Graphische Sammlung, Staatsgalerie Stuttgart, Kunstmuseum Solothurn 1988

Dieter Roth, Gesammelte Werke: Edition Hansjörg Mayer hg. v. Roth/Mayer, Stuttgart, London, Reykjavik 1970ff

Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger

Zu Sammlung hinzufügen…

×
×
×

Liebe Besucherinnen und Besucher,

seit 2006 gibt die museumsplattform nrw einen umfassenden Einblick in die Sammlungen und Aktivitäten ausgewählter NRW-Museen – und regt damit zugleich auch ein neues Publikum zum Museumsbesuch an. Monatlich 13.000 Besucher*innen belegen das Interesse an diesem einzigartigen Instrument zum interaktiven und kommunikativen Umgang mit Kunst im Netz.

Ein intensiv gepflegter und konstant ausgebauter Newsbereich mit Hinweisen zu Ausstellungen und Veranstaltungen oder Features aus der Kunstszene NRWs gehört ebenfalls dazu. 2013 erhielt die bereits seit zehn Jahren aktive Online-Plattform den bedeutenden Grimme Online Award.

Für den Ausbau dieses Online-Angebots sind wir auf den dauerhaften Beteiligungswillen der Museen angewiesen. Auch wenn die aktive Ausgestaltung derzeit nicht erfolgen kann, laden wir Sie doch herzlich ein, unser breites Angebot zum interaktiven und kreativen Umgang mit der Bildenden Kunst und ihren vielfältigen Formen medialer Vermittlung spielerisch zu erkunden.

Ihr NRW KULTURsekretariat