David Smith

In den 1950er Jahren erweitert sich u.a. mit der 22 Skulpturen umfassenden Serie Agricola (1951 — 57) das Spektrum seiner Arbeiten um ein abstrakt- lyrisches Formenvokabular. Smith rekurriert nun stärker auf Zeichenkonstellationen und Strukturen seiner oft vielfigurigen Kompositionen oder Formkonstellationen und Figurengruppen, in die er assemblageartig gebrauchtes oder industriell vorgefertigtes Material einbezieht.

David Smith wird 1906 in Decatur/ Indiana in den USA geboren. 1921 zieht die Familie nach Paulding/ Ohio um. Dort besucht Smith die High School, schreibt sich in einen Cartoon-Kurs an der Cleveland Art School ein und immatrikuliert sich schließlich an der Ohio University in Athens, dann an der Notre Dame University. Zunächst nimmt Smith verschiedene Arbeiten u.a. in einer Automobilfabrik an, um 1929 nach Washington D.C. umzuziehen und dort seine künstlerische Ausbildung fortzusetzen. Über die Malerin Dorothy Dehner, Smiths erste Frau, gelangt er anschließend in den Kreis der New Yorker Art Student’s League (ASL), an der er zunächst Abendkurse belegt, dann bis 1932 Malerei studiert. Zu seinen Mitstudenten zählen John Sloan, Kimon Nicolaides und Jan Matulka, mit dem Smith ab 1928 gemeinsame Studien betreibt. Smith wird über ihn mit der europäischen Malerei der Moderne vertraut, lernt die Arbeiten von Mondrian, Picasso, Kandinsky und der russischen Konstruktivisten kennen.

In New York wird Smith auch durch andere Facetten des Kulturlebens inspiriert, interessiert sich für Jazz und modernen Tanz, die fortan seine künstlerische Arbeit, vor allem die späteren dynamischen Figuren- und Zeichenkonstellationen, beeinflussen. Erneut durch verschiedene Tätigkeiten, in Sportindustrie und als Seemann unterbrochen, kehrt Smith 1928 nach New York zurück. Ab 1931 lebt er in Brooklyn und arbeitet in seinem Atelier, dem sog. »Terminal lron Works«. Mit Dorothy Dehner erwirbt er Ende der 1920er Jahre ein Haus mit Land in Upstate New York, in dem sie bis 1940 Sommer wie Herbst verbringen. In diese Zeit datiert auch Smiths Bekanntschaft mit Künstlern wie John Graham, Stuart Davis, Jean Xceron, Arshile Gorky und Willem de Kooning. Smiths Experimente mit Malerei, Collage und Relief in jenen Jahren sind von abstrakt-surrealistischen Tendenzen gezeichnet. Im neuen künstlerischen Umfeld der New Yorker Avantgarde wächst jedoch sein Interesse an kombinatorischen Bildkonstruktionen und Assemblagetechniken.

1931 — 32 reisen Smith and Dehner nach St. Thomas auf den Virgin Islands. Smith greift in seinen Bildern nun auch auf gebrauchte Materialien, Holzstücke und Fundstücke wie Korallen zurück (Untitled (Virgin Island Tableau), um 1931; Construction, 1932). Erste fotografische Experimente und Steinskulpturen entstehen. Zu den bevorzugten Materialien zählen hier nun auch Draht oder Aluminiumstäbe, bald auch geschmiedete und gelötete Metalle, die filigrane abstrakte Figurenkompositionen ermöglichen (Interior, 1937). Nach New York umgezogen, beteiligt sich Smith an verschiedenen öffentlichen Kunstprogrammen und der neu gegründeten American Abstract Artists Group. Im neuen Atelier in Brooklyn, das bis 1940 Smiths Sitz ist, entstehen unter dem Eindruck einer Reise, die ihn 1937 in die europäischen und russischen Kunstmetropolen wie auch ins nationalsozialistische Deutschland führt, die Bronzemedaillen-Serie Medals for Dishonor von 1940. Auch mit abstrakt-gegenständlichen Bildern zu Krieg und Gewalt (Aryan Fold Type I, 1943; Untitled (Piat), 1946), die eine Auseinandersetzung mit Kubismus und Surrealismus erkennen lassen und in diesen Jahren die skulpturalen Projekte zeitweise ganz verdrängen (s. auch Smiths Lecture »On Abstract Art in America« in der United American Artists Group), reagiert er auf seine Erfahrungen in Europa.

Smiths Plastiken der Nachkriegsjahre, die sich bisweilen auch auf musikalische oder literarische Vorlagen beziehen, gewinnen mit symbolischen Elementen an surrealistischen Tendenzen (Jurassic Bird, 1945). In den 1950er Jahren erweitert sich u.a. mit der 22 Skulpturen umfassenden Serie Agricola (1951 — 57) das Spektrum seiner Arbeiten um ein abstrakt-lyrisches Formenvokabular. Smith rekurriert nun stärker auf Zeichenkonstellationen und Strukturen seiner oft vielfigurigen Kompositionen oder Formkonstellationen und Figurengruppen, in die er assemblageartig gebrauchtes oder industriell vorgefertigtes Material einbezieht, wie dies z.B. die Serien Tanktotem (1953 — 1960) oder Sentinel (1957ff.) mit dem Rückgriff auf Boiler-Aufsätze oder T-Träger deutlich machen. Seine Arbeiten kann er nun auch in Gruppenausstellungen in Europa (u.a im Rahmen einer Freilichtschau im Middelheim Park, Antwerpen) zeigen. Eine erste Retrospektive wird Smith im Metropolitan Museum of Modern Art in New York gewidmet. 1954 ist er auf der Biennale in Venedig vertreten und beteiligt sich am ersten internationalen UNESCO-Kongress der Plastik. 1954/55 hält er Vorlesungen an der Columbia University in New York und nimmt anschließend die Lehrtätigkeit an der Indiana University in Bloomington auf. 1959 werden seine Arbeiten auf der V. Biennale in São Paulo gezeigt.

In den Plastiken vollzieht sich mit deren Positionierung im Landschaftskontext in den 1950er Jahren ein neuerlicher Wandel in Smiths Werk. Auch die spätere, wohl bekannteste großformatige Skulpturenserie Smiths, Cubis (1961 — 65), nimmt diesen Gedanken des Umfeldbezugs mit den opak glänzenden Metalloberflächen der Konstellationen geometrischer Körper auf (Cubi XVIII, 1964). In den malerischen Verfahren, die Smith seit Ende der 1950er Jahre erneut in New York, zu Arbeiten auf Leinwand und Papier führen, dokumentiert sich die ständige Suche nach neuen Kompositionsmethoden und Techniken im Einsatz von Schablone und Sprühverfahren (Untitled, 1962 — 63). Dem engen Kontakte zum Kreis der abstrakten Expressionisten um Jackson Pollock, Willem de Kooning, Franz Kline, Michael Goldberg oder Kenneth Noland, die Smith seit Ende der 1950er unterhält, verdanken sich die abstrakt-gestischen Zeichnungen, deren Linearität Erinnerungen an die filigranen früheren Plastiken, den »Zeichnungen in Eisen« wachrufen.

Mit Smiths Werkfolge Polychrome Circle (1962) vollzieht sich erneut durch Vergrößerung und Formreduktion ein Formatwechsel. Ebenso wie bei der anschließenden Serie Primo Piano rückt nun zudem die farbliche Fassung der Skulptur von der früheren Idee der Materialerscheinung und signifikanten Oberfläche ab. 1964 beteiligt sich David Smith noch an der Documenta in Kassel und beginnt seine Skulptur Wagons, die auf industriell gefertigten Teile aufbaut, bevor er Anfang 1965 an den Folgen eines Autounfalls stirbt.

Literaturauswahl

Albrecht, H.J. (Hg.): David Smith: Working Surface: Painting, Scultpure, Drawing 1932 — 63, Mailand 2009

Cooke, S.J. (Hg.): Écrits et discours: Writings and Lectures: David Smith. Paris 2007

Abstract art now: strictly geometrical?: Ausst.-Kat. Wilhelm-Hack-Museum Ludwigshafen, Bielefeld 2006

École de New York. Expressionisme abstrait américain, Œuvres sur papier: Ausst.-Kat. Galerie Contemporaine du Musée d’Art Moderne et d’Art Contemporain, Nizza 2005

David Smith – Paintings, sculptures and medals: Ausst.-Kat. Tel Aviv Museum of Art, Tel Aviv 1999

Rubin, W.: Painted Steel: The Late Work of David Smith, New York 1998

David Smith: Skulpturen, Zeichnungen: Ausst.-Kat. Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen u.a., hg. v. J. Merkert, München 1986

McCoy, G. (Hg.): David Smith. New York/ Washington 1973

Gray, C. (hg.): David Smith by David Smith. New York u.a. 1968

Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014

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