David Rabinowitch

Unter den Künstlern, die sich seit Mitte des 20. Jahrhunderts einer Neuorientierung des Mediums Skulptur gewidmet haben, positioniert sich David Rabinowitch mit einer eigenen elementaren Vorstellung: Er strebt die Auseinandersetzung mit Volumen an und lotet variantenreich die Beziehungen zwischen Masse und Maß aus, um grundsätzlich die »Konstruktion des Sehens« zu erforschen.

David Rabinowitch wird 1943 in Toronto geboren. Früh beeinflusst sowohl von den philosophischen Anregungen seines Vaters wie von den architektonischen seiner Mutter, richtet er sich bereits im Elternhaus ein Atelier ein und beginnt zu malen. Rabinowitch studiert von 1963 — 66 Naturwissenschaften und Englische Literatur an der University of Western Ontario, beschäftigt sich dabei jedoch weiter mit der Malerei und hat 1968 eine erste Einzelausstellung. 1972 übersiedelt er nach New York, wo er von 1974 — 75 an der University of Yale unterrichtet. Er ist dreimal auf der Documenta in Kassel (1977, 1982 und 1987) vertreten und stellt 1977 bei den Skulptur Projekten Münster aus. 1984 wird Rabinowitch Professor für Bildhauerei an der Staatlichen Kunstakademie in Düsseldorf.

In jungen Jahren interessiert sich David Rabinowitch für den Kubismus, bis er Ende der 1950er die Vertreter der New York School kennen lernt. Über die Betrachtung von David Smiths Arbeiten wendet er sich Anfang der 1960er dann ganz dem Dreidimensionalen zu. Seine Skulptur ist von seiner philosophischen Lektüre geprägt, so sind die frühen Werke wie Fluid Sheet Constructions von 1964 als Reaktionen auf seine Beschäftigung mit Humes »Treatise of Human Nature« zu verstehen. Später fließt auch die Auseinandersetzung mit Kants Philosophie in sein Schaffen ein.

Als Rabinowitch 1968 beginnt, Arbeiten aus massivem Walzblech herzustellen (Sided Masses, Romanesque Abutments und Sectioned Mass Constructions), will er die Skulptur vor allem frei von jeglichen Bezügen auf Figur und Architektur halten. Er arbeitet von nun an oft direkt auf dem Boden, um den Einfluss der Schwerkraft auf das Material zu verstärken. Zu Beginn der 1970er Jahre widmet er sich dann den Prinzipien von Architektur. Aus seiner Beschäftigung mit romanischen Kirchenbauten, die im Zuge einer Europareise u. a. in Köln und Hildesheim besichtigt und die ihn sehr prägen werden, gehen die Metrischen (Romanischen) Konstruktionen hervor. Die Bauten faszinieren ihn, weil die einzelnen Teile gleichzeitig individuell, wie auch als Teile einer größeren Konstruktion funktionieren. Zu seiner künstlerischen Beschäftigung wird von nun an die Untersuchung von Verhältnismäßigkeiten zwischen den Teilen einer Form zu seiner Ganzheit. Rabinowitch möchte in den Modellen, die nach unterschiedlichen Maßstäben gefertigt sind, die Vielgestaltigkeit der den Bauwerken zugrunde liegenden Ideen, Konzepte und Erfahrung rekonstruieren.

Neben der Skulptur markiert im Werk Rabinowitchs die Zeichnung einen formal vollkommen eigenständigen Bereich. Wie die Skulpturen erheben sie den Anspruch, Wahrnehmung zu thematisieren. 1969 beginnt er eine Serie, die er Constructions of Vision nennt und die sich strenge Ökonomie der Mittel auszeichnet. Es sind wenige, klar gezeichnete, geometrische Formen: Kreise, Ellipsen und Linien, die meist mit der Schablone gezeichnet sind. Im Gegensatz zu den Konstruktivisten interessiert sich Rabinowitch dabei jedoch nicht für die geometrischen Formen an sich oder eine ihnen zugesprochene »absolute Idee«. Vielmehr nutzt er die Konstellationen, um Wahrnehmungsmöglichkeiten durchzudeklinieren. 1973 bricht er hingegen aus seinem eigenen Formenrepertoire aus, in dem er von nun an lineare Konstruktionen vermeidet. Die bis 1975 entstehenden Construction of Vision (Ottonian) unterscheiden sich von den frühen Arbeiten formal wie thematisch – der Künstler verwendet dafür einen subjektiven, individuellen Gestus und referiert auf Konkretes, auf die ottonische Architektur. Kongruenzen kann man dennoch erkennen: in der Strenge der Anordnung, die sich dem Verhältnis von Fläche zu Raum, wie Durchbrüchen und Perspektiven widmet. Als Bindeglied zwischen denConstruction of Vision-Phasen können die 1972 in New York begonnenen Baumzeichnungen bezeichnet werden. Einen Schwerpunkt aber bildet in den 1980er Jahren die Realisierung mehrerer großer, vertikaler Wandarbeiten, die Tyndale Sculptures.

Rabinowitsch erhält Stipendien und Preise. In den folgenden Jahren folgen viel beachtete Ausstellungen, u.a. 1992 in der Kunsthalle Baden-Baden, 1993 im PariserJeu de Paume und 1996 an der Harvard University in Cambridge. Bis 1998 entwickelt er die Kirchenausstattung für die romanische Kathedrale Notre Dame de Bourgin Digne. Zuletzt ist sein Werk 2003 im Musée d’art contemporain de Montréal und im Musée des beaux-arts du Canada, Ottawa zu sehen.
Unter den Künstlern, die sich seit Mitte des 20. Jahrhunderts einer Neuorientierung des Mediums Skulptur gewidmet haben, positioniert sich David Rabinowitch mit einer eigenen elementaren Vorstellung: Er strebt die Auseinandersetzung mit Volumen an und lotet variantenreich die Beziehungen zwischen Masse und Maß aus, um grundsätzlich die »Konstruktion des Sehens« zu erforschen. Im Prozess des Betrachtens sollen die Prinzipien unserer Wahrnehmung nachvollziehbar bzw. erkennbar werden.

Literaturauswahl

David Rabinowitch. Metrische (romanische) Konstruktionen: Ausst.-Kat. Westfälisches Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Münster, München 2000

Rabinowitch, D.: Baumzeichnungen. Drawings of a Tree 1972 — 1979, Künstlerbuch, Düsseldorf 1993

Situation Kunst. Für Max Imdahl, Kunstsammlungen der Ruhr-Uniersität Bochum, Düsseldorf 1993

David Rabinowitch: Ausst.-Kat. Staatliche Kunsthalle Baden-Baden, Stuttgart 1992

Neiman, K. (Hg.): Tyndale Sculptures. Sculpture for Max Imdahl 1988, New York 1990

Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Foto: Tobias Roch, Hagen

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