Daniel Spoerri

Kunstwerke entstehen, indem Spoerri zufällig entstandene Situationen festhält und als isolierte Objektensembles aufrecht an der Wand fixiert. So kann eine Tischplatte, die als Ablage von zufällig angeordneten Essensresten, Müll, Tellern und Besteck dient, zum Bild werden.

Daniel Spoerri wird 1930 als Daniel Isaac Feinstein im rumänischen Galati geboren. Nach der Deportation und Ermordung des Vaters in einem Vernichtungslager der Nationalsozialisten flüchtet die Familie 1942 nach Zürich. Unter dem Geburtsnamen der Mutter wohnt die Familie hier bei einem Verwandten, Theophil Spoerri, dem Direktor der Universität Zürich. 1978 wird Spoerri an die Fachhochschule für Kunst und Gestaltung in Köln berufen, wo er bis 1982 lehrt. Anschließend nimmt er einen Ruf an die Akademie der bildenden Künste in München an und unterrichtet dort bis 1989.

Nach einer kaufmännischen Lehre beginnt Spoerri eine Ausbildung in klassischem Tanz und als Pantomime, die er ab 1952 in Paris fortsetzt. Sein Studium führt ihn von 1954 bis 1957 zu einem Engagement als erster Tänzer am Theater in Bern und einem Zweijahresvertrag als Regieassistent am Darmstädter Theater. In dieser Zeit lernt Spoerri unter anderem die Künstler Pol Bury, Jesus-Rafael Soto kennen und unterhält enge Kontakte zu den Dichtern der Konkreten Poesie, Dieter Roth, Claus Bremer und André Thomkins. 1955 entstehen dadurch eine Reihe eigener Gedichte Spoerris, ab 1957 engagiert er sich als Herausgeber der Zeitschrift für Konkrete Dichtung »material«.

1959 kehrt Spoerri nach Paris zurück, wo er an der Gründung der legendären Edition MAT (Multiplication d’art transformable) beteiligt ist, jener Einrichtung, die sich der Vervielfältigung und dem Vertrieb von (beweglichen und bewegten) Kunstwerken jenseits festgelegter Kunsthandelsstrukturen widmet und an der Unterwanderung wie Neudefinition des tradierten Kunstbegriffs arbeitet. Im Jahr darauf gründet er zusammen mit Yves Klein, Arman, Francois Dufrêne, Raymond Hains und Jean Tinguely die Gruppe Nouveau Réalisme. Das Ziel der Künstler ist es – im Gegensatz zur informellen Abstraktion – das Leben selbst zum Teil der Kunst werden zu lassen. Diese Überlegungen führen zu den ersten zufallsgeprägten Objekten von Spoerri, die er 1960 beim Festival d’Art d’Avantgarde im Palais des Expositions de la Porte de Versailles präsentiert. Vor allem mit seinen Tableaux pièges (Fallenbilder) beginnt seine künstlerische Karriere. Kunstwerke entstehen, indem Spoerri zufällig entstandene Situationen festhält und als isolierte Objektensembles aufrecht an der Wand fixiert. So kann eine Tischplatte, die als Ablage von zufällig angeordneten Essensresten, Müll, Tellern und Besteck dient, zum Bild werden.

Spoerris erste Einzelausstellung findet 1961 in der Galleria d’arte von Arturo Schwarz in Mailand statt. In dieser Zeit entstehen die ersten Collections (Sammlungen). Auf einem bemalten Untergrund versammelt beispielsweise die Collection de Heröpfelschälerli über hundert unterschiedliche Kartoffelschälmesser (1963 — 79). Dabei interessiert sich Spoerri nicht für das systematisch-serielle Nebeneinander gleicher Formen, sondern v.a. für die Progression und Variationsbreite eines Objektes.
Ebenfalls 1961 deklariert Spoerri mit dem Stempel Attention, Oeuvre d’art die ersten Lebensmittel zur Kunst und zum Begriff der Eat Art, den er ab 1967 für diese Art der Assemblage findet. Dabei lässt er sich durch grundlegende Fragen zum Verhältnis von Ernährung, Rezeptur und Kunst leiten: Wann ist ein Objekt ein Lebensmittel? Welche Zubereitungen sind möglich? Von Konditormeistern lässt Spoerri nun Objekte des täglichen Lebens wie umgestürzte Abfalleimer u.a. in Marzipan abformen (Poubelle, letzter Gang des Palindromischen Diners). Auch Brotteig dient ihm als Füllmaterial seiner Objekte, das er beispielsweise in Schuhe einbacken lässt, so dass der Teig aus dem Objekt herauszuquellen scheint (Brotteigobjekt, 1972).
1968 eröffnet das »Restaurant Spoerri« in Düsseldorf, das noch bis 1980 von einem Geschäftsführer weiter betrieben wird und mit dem Spoerri seine verschiedenen künstlerischen Anliegen verbinden kann: Gäste des Lokals können nach dem Mahl ihre oft derangierten Essplätze samt hinterlassener Utensilien als Fallenbild fixieren lassen und mitnehmen. In der Eat Art Galerie, die 1970 in der ersten Etage des Restaurants eröffnet, zeigt Spoerri zugleich Objekte befreundeter Künstler, wie Joseph Beuys, César, Ugo Dossi, Roy Lichtenstein oder André Thomkins.
Mehrere Kochbücher, die Spoerri in der Folge veröffentlicht, stellen sich überdies in den Dienst der Nivellierung der Grenzen zwischen Kunst und Leben, zwischen Objekt und Kochgut, Rezeptur und künstlerischer Taktik. Das erste Buch entsteht schon 1967 (Gastronomisches Tagebuch. Itinerarium für zwei Personen auf einer ägäischen Insel nebst Anekdoten und anderem Kram sowie einer Abhandlung über die Boulette) während eines einjährigen Aufenthalts auf der griechischen Insel Symi, wo Spoerri auch an Objekten arbeitet, die unter dem Titel »Zimtzauber-Periode« bekannt werden.

Ende der 1970er Jahre mündet Spoerris Auseinandersetzung mit Alltagsobjekten und ihrer ephemeren und situativen Erscheinung in einer künstlerischen Museums- und Ausstellungsidee: Zunächst gemeinsam mit Marie-Louise von Plessen in Paris anlässlich der Eröffnung des Centre Pompidou, dann in Köln im Rahmen einer Ausstellung oder auch später, 1982/83 in Salzburg, 1989 in Basel entwickelt Spoerri aus dem Fallenbild einen musealen Ort der Erinnerung. Der sentimentale Bezug spezifischer Objekte zu einem Themenkomplex, zu Geschichte oder Ort ist hier Gegenstand der enzyklopädischen und alphabetischen Objektsammlung Spoerris im Musée Sentimental.
Auch an der Theaterarbeit hält Spoerri fest und entwirft u.a. 1974 das Bühnenbild für Heinrich Manns »Professor Unrat« unter der Regie von Peter Zadek am Schauspielhaus Bochum.

Spoerris Arbeiten widmet sich 1971 eine erste Retrospektive im Stedelijk Museum Amsterdam, 1972 im Centre National d’Art Contemporain, Paris. Zahlreiche Einzel- und internationale Gruppenausstellungen folgen. So ist Spoerri u.a. auf der Documenta 6 im Jahr 1977 und den Biennalen von Sydney und Lyon vertreten. Seine Arbeiten werden u.a. im Centre Pompidou in Paris (1992), im Museu de Arte Contemporaneo, Barcelona und MOCA, Los Angeles (beide 1998) oder in jüngerer Zeit im Museum für Moderne Kunst Wien, dem Museum Kunst Palast Düsseldorf (beide 2006) und in der Kunsthalle Mannheim (2007) ausgestellt. 1992 übernimmt Spoerri die Gestaltung des Restaurants für den Schweizer Pavillon der Expo in Sevilla.

1990 lässt sich Spoerri in der Toskana in der Nähe des Monte Amiata auf einem 16ha großen Grundstück in Seggiano nieder. Mit Künstlerkollegen und Freunden, die er zu gemeinsamen Projekten und Ausstellungen einlädt, gestaltet und erweitert er hier einen öffentlich zugänglichen Skulpturengarten, Il Giardino di Daniel Spoerri. Seit 2007 lebt und arbeitet Daniel Spoerri in Wien und Seggiano.

Literaturauswahl

Daniel Spoerri, Assemblagen und Skulpturen: Ausst.-Kat. Galerie Willy Schoots, Eindhoven 2007

Daniel Spoerri – Prillwitzer Idole. Kunst nach Kunst nach Kunst: Ausst.-Kat. Staatliches Museum Schwerin, Schwerin 2006

Nouveau Realisme – Revolution des Alltäglichen: Ausst.-Kat. Sprengel Museum Hannover, Ostfildern-Ruit 2006

Daniel Spoerri: Ausst.-Kat. Jüdisches Museum Rendsburg, Stiftung Schleswig-Holsteinisches Landesmuseen Schloss Gottorf, Rendsburg 2005

Das große Fressen. Von Pop bis heute: Ausst.-Kat. Kunsthalle Bielefeld, Bielefeld 2004

Restaurant Spoerri: Ausst.-Kat. Galerie Nationale du Jeu de Paume, Paris 2002

Daniel Spoerri, Anekdotomania – Daniel Spoerri über Daniel Spoerri, Wichtrach/ Bern 2001

Macht der Dinge – Nouveau Réalisme, Pop Art, Hyperrealismus, Ausst.-Kat. Stadtgalerie, Wien 2001

Violand-Hobi, Heidi: Daniel Spoerri, München 1998

Daniel Spoerri, Arbeiten 1966 — 1997: Ausst.-Kat. Kunsthalle Burgdorf, 1997

Hahn, Otto: Daniel Spoerri, Paris 1990

 

Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum

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