Dan Flavin

Seine elektrischen Licht-Installationen zählen zu den Ikonen der Minimal Art. Für die Untersuchungen der Wechselwirkungen zwischen Objekt, Licht und Raum in seinen so bezeichneten Licht-Objekten nutzt Flavin bewusst industriell gefertigte Materialien und normierte Leuchtkörper in festgelegten Farben, die sich als »neutral« verstandene Werkstoffe von den traditionellen Materialien der Kunst und den Illusionsräumen der Malerei entfernen.

Dan (Daniel Nicholas) Flavin wird 1933 in New York City geboren. Er besucht 1947 — 1952 das Cathedral College in Douglastown / New York, wechselt 1953 auf die Metereological Technician Training School der U.S. Air Force in Illinois. Nach seinem Abschluss ist Flavin 1954 — 1955 als Luft- und Wetterdienstbeobachter im Rahmen des University of Maryland Extension Programs in Korea. Von der New School for Social Research in New York, an der er 1956 ist, wechselt er 1957 an die Columbia University / New York, an der er Kunstgeschichte studieren will, verlässt 1959 jedoch die Universität, um sich ganz der künstlerischen Arbeit zu widmen. 1967 ist Flavin Gastdozent für Design an der University of New Carolina, seit 1973 lehrt er als Gastprofessor an der University of Bridgeport. 1983 wird das »Dan Flavin Art Institute« als permanente Ausstellung in der Dia Art Foundation in Bridgehampton, New York, eröffnet.

Zunächst widmet sich Flavin der Grafik, Zeichnungen, Tusche- und Aquarellbildern. Landschaftdarstellungen mit Licht- und Farbeffekten entstehen ebenso wie aus Fundstücken erstellte Collagen. Beeinflusst durch die künstlerischen Tendenzen der 1960er Jahre, vor allem Jackson Pollock und Jasper Johns, wendet sich Flavin neuen abstrakt-gestischen Gestaltungsmöglichkeiten zu. Auf diese Arbeiten folgt jedoch bald die ausschließliche Beschäftigung mit elektrischem Licht und den Möglichkeiten raumbezogener Installationen von Leuchtstoffröhren. Diese »technologischen Fetische«, die, so Flavin, nichts symbolisieren und nur das sind, was sie zeigen, markieren zugleich den gewollten Bruch mit den eigenen künstlerischen Anfängen.
1960 quittiert Flavin seine Tätigkeit als Wärter des Museums of Natural History und beginnt eine Serie elektrischer Licht-Installationen, die heute zu den Ikonen der Minimal Art zählen. Zwischen 1961 und 64 entstehen die icons, einfarbig bemalte Holzkisten, an die Flavin farbige Glühlampen und Leuchtstoffröhren montiert. Als Ausgangspunkt seiner Beschäftigung mit den Bildstrukturen und Raumwirkungen von Leuchtstoffröhren gilt die einzelne, 244 Zentimeter lange und gelb-/goldfarben nobilitierte Röhre the diagonal of May 25 (the diagonal of personal ecstasy) von 1963, die Flavin an einer Wand seines Ateliers anbringt, und die von nun an in zahlreichen Form- und Farbversionen variiert wird.

Für die Untersuchungen der Wechselwirkungen zwischen Objekt, Licht und Raum in seinen so bezeichneten Licht-Objekten nutzt Flavin bewusst industriell gefertigte Materialien und normierte Leuchtkörper in festgelegten Farben, die sich als »neutral« verstandene Werkstoffe – und vergleichbar den Ansätzen seiner Kollegen Donald Judd, Robert Morris oder Sol LeWitt – von den traditionellen Materialien der Kunst und den Illusionsräumen der Malerei entfernen sollen. Der Bezug zum Bild wird bisweilen noch kommentiert (a primary picture, 1964), doch werden Farbe bzw. Farbwahrnehmung, Art und Ort der räumlichen Platzierung zu entscheidenden Aspekten, die der Künstler in seinen working drawings und schematic drawings skizziert. In immer neuen Formen systematisch verändert, greifen die Lichtobjekte als geometrisch-streng gerichtete Einzelröhren, gleichsam als Lichtlinien oder auch als serielle Strukturen und Kreis- und Gitterformationen von Leuchtkörpern (an artificial barrier of green fluorescent light (to Trudie and Enno Develing), 1968/69) wirksam in den Raumkontext ein.

In frühen Arbeiten ist – zum Teil auch durch die Widmungen – der Bezug der Leuchtstoffröhrenobjekte zu Konstruktion und Architektur unverkennbar (monuments, for V. Tatlin, 1964 — 82). In ihren vertikal versetzen oder gestaffelten einfachen Röhrenkonstellationen muten die Objekte bisweilen entfernt wie nachtbeleuchtete Hochhäuser, wie Schranken, Treppen oder Tunnel an und nehmen auf diese Weise im Innenraum Bezug auf Architektur und Lichtsignale im urbanen Kontext. Zugleich verändern sie jedoch als markant platzierte geometrische Objekte mit bestimmender luzider Präsenz ihren Präsentationsort. Je nach Röhrenkonstellation und Farbe verändert sich durch die Licht-, Farbreflexion und Schattenbildung der Raumkontext erheblich, stellen sich chromatische Farbverläufe oder Schlagschattenbildung an Wänden, Boden und Decke ein, die weit über die Objektgrenzen hinausreichen, ja Licht, Farbe und Raum zu einer Einheit verschmelzen. Blendeffekte, die sich des intensiven Lampenlichts der unverkleideten Röhren verdanken, Farbkontraste und Farbüberblendungen nebeneinander installierter Röhren in kalten und warmen, intensiven und abgeschwächten Farben sowie begehbare Lichträume rufen Wahrnehmungstäuschungen und Nachbilder hevor, die sich bei Passage oder längerer Beobachtung einstellen. Sie zeigen gleichermaßen die Raumwirkung wie Wahrnehmungsorientierung der Lichtobjekte, die Flavin nicht in kontemplativer Haltung, sondern aus der Bewegung rezipiert sehen möchte.

In den 1970er Jahren greift Flavin u.a. mit ebenso raumbegrenzenden wie die stereometrischen Raumgrenzen angreifenden Röhrenreihen (Untitled (for Emily),1973; Varese Corridor, 1974) und großen Gitterstrukturen noch entscheidender in den räumlichen Kontext ein. Jetzt sind es nicht mehr einzelne Markierungen an Wand, in Ecken, die Flavin als raumbezogene Signifikaten einsetzt, sondern große entmaterialisiert erscheinende Lichtwände und Netzstrukturen, die den gesamten Präsentationsraum verändern, begrenzen, teilen, ihn energetisch aufladen (Untitled (in honor of Harold Joachim), 1974; Untitled, 1989). Auch Raumsegmente, ganze durch die wechselvolle Lichtsituation strukturierte Raumfluchten (Untitled, 1989) oder verteilt platzierte, durch die Materialbeschaffenheit von Wänden und Böden wirkungsvoll reflektierende Röhrenmarkierungen entstehen (Untitled (for Hans Coper), 1990).

Seit Ende der 1980er Jahre dehnen sich Flavins Röhrenobjekte bisweilen auch selbst in den Raum aus und ragen beispielsweise von Wänden (Untitled (for Lucie Rie), 1990), aus Fensteröffnungen oder formieren sich in neuen Varianten luzider Pfeilerbündel zu säulenartigen Raumelementen (Untitled (for Prof. Gallwitz), 1993). Größere Raumkontexte und Architekturensembles bespielt Flavin in den 1990er Jahren u.a. mit seiner Arbeit Untitled (for Ksenija), die 1994 zur Eröffnung des Kunstbaus im Münchner Lehnbachhaus entsteht, 1996 realisiert er im Berliner Museum für Gegenwart im Hamburger Bahnhof eine Innen- und Außenraum verbindende Lichtinstallation.

Nach zahlreichen internationalen Ausstellungen der 1960er, 70er und 80er Jahre (u.a. 1967 im Museum of Contemporary Art, Chicago, 1974 in der Kölner, 1975 in der Basler Kunsthalle, 1982 im Guggenheim Museum, N.Y. oder 1986 im Stedelijk Museum, Amsterdam) werden Flavins Installationen in den letzten Jahren u.a. 2007 in der Münchner Pinakothek der Moderne wichtige Ausstellungen gewidmet.

63-jährig stirbt Dan Flavin 1996 in Riverhead bei New York.

Literaturauswahl

Thierolf, C.; Vogt, J.: Dan Flavin, Icons, München 2009

Dan Flavin. Eine Retrospektive: Ausst.-Kat. Pinakothek der Moderne, u.a. München 2007

Weiss, Jeffrey: Flavin: New Light, London 2006

Heid, Britta: Dan Flavin installations in fluorescent light im Kontext der Minimal Art und der Kunstlicht-Kunst, Diss. phil. Heidelberg 2004: www.ub.uni-heidelberg.de/archiv/4940

Dan Flavin, Architektur des Lichts: Ausst.-Kat. Deutsche Guggenheim Berlin, Ostfildern-Ruit 1999

Dan Flavin: Ausst.Kat. Lenbachhaus München, hg. v. H. Friedel, München 1994

Flavin: monumets for V. Tatlin, 1964 — 82, Chicago 1989

Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014

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