Cy Twombly

Er entwickelt in seinen Bildern ein sensibles Geflecht von Graffiti, Zeichen, Worten, Zahlen, Farbspuren, Verwischungen und gegenständlichen Fragmenten, die sich eindeutiger Auslegung entziehen. Vielmehr scheinen die Werke Twomblys auf die Vermittlung abstrakter kultureller Zeichen und Spuren zu zielen.

Cy Twombly wird am 25. April 1928 Lexington / Virginia geboren. Ab 1947 studiert er an der School of the Museum of Fine Arts in Boston, 1949/50 an der Washington and Lee University in Lexington und 1950 an der Art Students League in New York. An das Black Mountain College in North Carolina, wechselt Twombly ein Jahr später und nimmt Unterricht bei Robert Motherwell und Franz Kline. Mit Robert Rauschenberg, den er dort kennenlernt, unternimmt er 1952 größere Reisen nach Südamerika, Nordafrika, Spanien und Italien. Ein Stipendium führt Twombly zum ersten Mal länger nach Europa, u.a. nach Italien und Spanien. 1953/54 lehrt er kurze Zeit in Buena Vista / Virginia, reist 1957 erneut nach Rom und übersiedelt schließlich 1960 ganz dorthin. Im selben Jahr hat er seine erste Ausstellung in der Galerie von Leo Castelli. Ab 1960 bereist er das Mittelmeergebiet, malt auf Ischia und im nordafrikanischen Raum, 1961 auf Mykonos. 1963 arbeitet er kurzzeitig in München, 1970 in New York und Florida.

Twombly entwickelt in seinen Bildern ein sensibles Geflecht von Graffiti, Zeichen, Worten, Zahlen, Farbspuren, Verwischungen und gegenständlichen Fragmenten, die sich eindeutiger Auslegung entziehen. Vielmehr scheinen die Werke auf die Vermittlung abstrakter kultureller Zeichen und Spuren zu zielen. Ausgangspunkt ist die gestische Malerei, mit der Twombly sich Anfang der 1950er Jahre unter dem Eindruck seines Lehrers Kline, des Abstrakten Expressionismus und den Arbeiten Paul Klees in Werken und Reflexionen, u.a. Linie und Bewegung wie zur Verkörperung der Geste als Linie, auseinander setzt. In einem seiner frühesten erhaltenen Bilder (Panorama, 1955), einer Textur aus scheinbar fahrig mit ungelenker Hand aufgebrachten weißen Linienzügen auf schwarzem Grund, zeigt sich bereits das Interesse an dem Gegenüber von einzelnen skripturalen Bewegungsspuren und verdichteten Überlagerungen, der Doppeldeutigkeit der Linie als Zeichen und als von Bewegung gezeichneter gestischer Spur. Mit der Übersiedelung nach Rom zieht auch der Schriftcharakter der Zeichen in seine Arbeiten ein (Roma, 1957).

In der konzeptuellen Auseinandersetzung mit tradierten Bildformulierungen in den 1960er Jahren und dem »system for passing« (»System der Verläufe«) der 1970er Jahre intensivieren sich diese Ansätze. Nun dient Twombly auch das weite historische Spektrum künstlerischer Modelle und Erklärungsversuche von Leonardo bis Malewitsch und Duchamp, die Kunstgeschichte der Verknüpfung und Bedingtheit von Linie, Bewegung und Form, als Fundus. Nach seinen Mittelmeer- und Nordafrikareisen wendet sich Twombly in großformatigen Bildern mythologischen Themen (Leda and the Swan, 1961; Birth of Venus, 1963) zu, versucht mythische Vorstellungswelten wiederzubeleben. Zu den linearen Elementen treten nun stärker materielle malerische Komponenten: mit Händen geknetete Farbsubstanz, Flecken zerriebener Farbe in intensiven Tönen akzentuieren Linien und greifen die weiße Fläche der Leinwand an. Es entstehen ekstatisch anmutende Bildkompositionen, die den physischen Entstehungsprozess des Bildes sichtbar werden lassen.

Twomblys Beschäftigung mit der abendländischen Kultur und der kulturellen Erinnerung, für die er in den Bildern zeichnerische und schriftliche Platzhalter findet, datiert auf den Beginn der 70er Jahre (Virgil, 1973): »Wenn TW [Twombly] dieses eine Wort schreibt und wiederholt: Virgil (…), so ist das bereits ein Kommentar zu Virgil, denn der Name, mit der Hand geschrieben, beschwört nicht nur die ganze (übrigens leere) Idee von der antiken Kultur; er erinnert auch an eine Zeit altmodischer, stiller, müßiger, diskret dekadenter Studien: englische Colleges, lateinische Verse, Pulte, Lampen, feine Bleistiftschriften. Das ist die Kultur für TW: eine Gemächlichkeit, eine Erinnerung, eine Ironie, eine Pose, eine Geste: Dandy.« (Roland Barthes, 1983).

Die zweite Hälfte der 1970er Jahre steht im Zeichen der Reduktion und zunehmenden Entmaterialisierung der Malgründe: Fleckige Malgründe, eincollagiertes Papier, graphische Spuren, Überlagerungen, Farbwirbel treten auseinander (Leda and the Swan, 2. Vers. 1976). Und der »Schein des weißen Grundes mit seiner nuancierten subtilen Raumhaltigkeit, mit seiner sich in opaken und transparenten Zonen wandelnden Körperhaftigkeit und Entgrenzung (…)« bestimmt auch die jüngeren Arbeiten von Cy Twombly »als leuchtender Glanz der Farbe, die als Lichtgestalt aus dem Grund des Bildes steigt und sich der Materie entwindet.« (Karin Stempel, 1988).

Die grafischen Elemente lösen sich sukzessive in heftige Farbwirbel auf und führen schließlich in den 1990er Jahren zu den fauvistisch anmutenden Blumenbildern Twomblys. Neben Malerei und Graphik entstehen seit 1955 zahlreiche plastische, aus Fundstücken, Bronzeguss oder Holz gefertigte und bemalte Skulpturen. In späten Arbeiten wird zudem Twomblys Interesse an der Fotografie deutlich, die sich zumeist ebenfalls Blumenmotiven widmet.

1973 findet die erste Retrospektive von Twomblys Werken in Bern statt, es folgen später große internationale Ausstellungen u.a. im Whitney Museum der Kunsthalle Zürich oder im New Yorker MoMA. Er ist ebenso auf der Documenta 6 und 7 wie auf den Biennalen 1977 und 2001 (12-teiligen Gemäldezyklus Lepanto) in Venedig präsent. 1987 erhält Twombly den 7. Rubenspreis der Stadt Siegen für sein Lebenswerk. 1995 wird die Cy Twombly Gallery in Houston – ein von Renzo Piano und Cy Twombly gemeinsam entworfener Museumsbau – eröffnet.

Cy Twombly lebt und arbeitet in Italien und den USA.

Literaturauswahl

Leeman, Richard: Cy Twombly – Malen, Zeichnen, Schreiben, Die große Monographie, München 2006

Schmidt, Katharina: Cy Twombly – Die Skulptur, Ostfildern-Ruit 2006

Cy Twombly in der Eremitage St. Petersburg, Fünfzig Jahre Arbeiten auf Papier: Ausst.-Kat. hg. v. J. Sylvester, St. Petersburg 2003/04

DelRoscio, Nicola: Writings on Cy Twombly, München 2002

Langenberg, Ruth: Cy Twombly – Eine Chronologie gestalteter Zeit, Hildesheim 1998

Cy Twombly, Paintings, Works on Paper, Sculpture, hg. v. Harald Szeemann, München 1987

Bastian, H.: Twombly, C.: Das Graphische Werk 1953 — 1984, München/New York 1984

Barthes, Roland: Cy Twombly, Berlin 1983

 

Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum

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