Christo

Bereits Christos frühe Pariser Arbeiten zeigen ein künstlerisches Anliegen, das er bis heute verfolgt. Durch das Prinzip der Verpackung bzw. Verhüllung entwickelt er ab 1958 neue Bedeutungsschichten zu den Fundstücken, Alltagsgegenständen und Waren, die er blickdicht in Stoff oder später auch durchsichtigeren Kunststoff kleidet, mit Schnur fixiert und oft mit Leim und sandigem Material behandelt.

Christo, alias Christo Vladimirov Javacheff, wird 1935 im bulgarischen Gabrowo geboren. 1953 — 56 studiert er Malerei, Bildhauerei und Bühnenbildgestaltung an der Akademie in Sofia, verlässt aber 1956 Bulgarien über die Tschechoslowakei, um in Wien das Studium an der Akademie der Künste bei Fritz Wotruba fortzusetzen. 1958 übersiedelt Christo nach Paris, wo er zunächst als Porträtist seinen Lebensunterhalt verdient. Er lernt Jeanne-Claude (J.-C. Denat de Guillebon, geb. 1935 in Casablanca) kennen. In Paris steht Christo der 1960 von Pierre Restany, Yves Klein, Jean Tinguely und Niki de Saint Phalle gegründeten Künstlerbewegung des Nouveau Réalisme nahe. Deren in der Tradition des Dadaismus stehende Infragestellung des tradierten Kunstbegriffs beeinflusst Christo ebenso wie das Objekt- und Materialrepertoire von Alltagsgegenständen und Abfallprodukten.

Bereits Christos frühe Pariser Arbeiten zeigen ein künstlerisches Anliegen, das er bis heute verfolgt. Durch das Prinzip der Verpackung bzw. Verhüllung entwickelt er ab 1958 neue Bedeutungsschichten zu den Fundstücken, Alltagsgegenständen und Waren, die er blickdicht in Stoff oder später auch durchsichtigeren Kunststoff kleidet, mit Schnur fixiert und oft mit Leim und sandigem Material behandelt. Mit der Verpackung fixiert und erhält, verändert und enthüllt er die ursprüngliche Erscheinung, die Funktion und Identität der Objekte, die durch dieses Verfahren zugleich eine Aufwertung erfahren. Zunächst sind es einzelne weggeworfene oder wertlose Gegenstände wie Dosen, Ölfässer, Flaschen, die Christo in seiner Pariser Wohnung arrangiert und verpackt, bevor der Künstler sich stärker gebrauchsorientierten Gegenständen (Wrapped Night Table, 1960) und schließlich umfangreicheren Verpackungsaktionen zuwendet.

Pierre Restany erkennt in Christos Arbeiten zwei Verfahren, die die Ideen des Nouveau Réalisme auf spezielle, architektonisch-visionäre Weise fortführten – die Verpackung und die Akkumulation. In der Verpackung sieht er ebenso eine Verfremdung wie einen verordneten Perspektivwechsel, durch den die Objektpräsenz gesteigert werde. Die Serialität, die sich an Christos Arbeiten u.a. durch die Stapelung von Ölfässern jetzt zunehmend abzeichnet (Wrapped Oil Barrels, 1958 — 59; Iron Curtain, 1962), versteht Restany als Steigerung des Warencharakters der verwendeten Alltagsgegenstände, zugleich aber auch als eine Gegenposition zu architektonischen Entwicklungen und funktionsbestimmten urbanen Strukturen der Gegenwart (Restany, in: Domus, 402, 1963).
Größere Dimensionen und seriellen Charakter erhalten Christos verhüllte bzw. verpackte Gegenstände u.a. in den Dockside Packages, die er 1961 im Kölner Hafen installiert. Tatsächlich erhalten diese Objektformationen durch Volumen, serielle Struktur und Platzierung an speziellen Orten im Außenraum einen stärker architektur- wie stadtbezogenen Charakter, der für die weiteren Arbeiten Christos bedeutsam ist.

1964 übersiedeln Christo und Jeanne-Claude, seit 1962 verheiratet, in die USA. Hier entstehen die Store fronts – große Environments von nachgebauten Geschäftseingängen, Fassaden und Schaufenstern in Originalgröße, die nichts oder fast nichts zeigen: Ihre Funktion ist erneut durch die Stoff-, Farb- oder Packpapier-Verhüllung infrage gestellt, wenn sie auch, ähnlich den verpackten Gegenständen, visuelle Begehrlichkeiten hervorrufen. Mit diesen Arbeiten an der Schnittstelle zwischen Innen- und Außenraum (Four Store Fronts Corner, 1964 — 65; Corridor Store Front, 1967) deuten sich bereits Verpackungsgegenstände, Raum- und Verpackungsdimensionen an, die Christo in der Folgezeit in architektonischen, landschaftlichen und urbanen Großprojekten realisiert.

Die Gebäude-Verhüllungen der 1960 Jahre können an die ersten Projekte im öffentlichen Raum zu Beginn der 1960er Jahre anknüpfen. In Spoleto realisiert Christo die Projekte Wrapped Fountain und Wrapped Medieval Tower (1968). Er wendet sich einem barocken Brunnen und mittelalterlichen Turm und damit städtebaulich wie stadthistorisch exponierten Orten und Denkmälern zu, die ebenfalls gleichermaßen den Blicken entzogen wie preisgegeben werden. In Basel verhüllt er im Rahmen des Museumsjubiläums das Kunstmuseum. Die nun stärker aktionsartig und temporär präsentierten Arbeiten erscheinen als skulpturale Markierungen im Stadtbild, gleichsam als Landmarken, die mit ihrer neuen textil-verpackten Erscheinung auch den Licht- und Beleuchtungsverhältnissen des Außenraums ausgesetzt sind und damit ein flexibleres Erscheinungsbild gewinnen (vgl. Wrapped Pont Neuf, 1985; Wrapped Reichstag, 1995). Ein weiteres, überdimensioniertes nicht minder skulpturales Paket entsteht im gleichen Jahr auf der Documenta IV in Kassel (5600 Cubicmeter Package, 1968). Nun jedoch entbehrt das verpackte Objekt Inhalt und tragender Konstruktion, ist allein mit Luft gefüllt. Als Landmarke auf dem Grün des Ausstellungsgeländes platziert, zeichnet sich hier ein neuer Aspekt der Verpackungsstrategie, ein verändertes Verhältnis von Hülle zu Verhülltem sowie zum Außenraum ab.

Mit dem Projekt Wrapped Coast an der australischen Little Bay nahe Sydney (1968/69) erreichen die Verhüllungen Christos nun im Außen- wie Landschaftsraum neue Dimensionen. Mit seiner weißen, mittels Seilen verschnürten Hülle mutiert der Küstenabschnitt zu einer eisbergartigen Formation. Wie auch bei den anderen Großprojekten verlagert sich die künstlerische Darstellung und Dokumentation des aufwändig vorbereiteten, tief in die Landschaftswahrnehmung eingreifenden ephemeren Projekts auf andere Medien: großformatige Zeichnungen und Collagen, Stoffmuster, Planungsskizzen, Kartenausschnitte und die seit 1972 von Wolfgang Volz erstellten Fotodokumentationen, die Christo in Kohle, Wachskreide schriftlich kommentiert. Vergleichbare Landschafts-Projekte realisiert Christo u.a. 1972 mit dem orangefarbenen Vorhang in den Rocky Mountains, den Surrounded Islands in Florida (1983) oder auch dem Projekt The Umbrellas, Joint Project forJapan and USA (1991). Deutlich verlagern diese Arbeiten den ursprünglichen Gedanken umfassender Verpackung auf die Entwicklung partiell verhüllender bzw. markierender Strukturen in der Landschaft.
Die Errichtung einer Wand aus Öltonnen im Gasometer Oberhausen (The Wall, 1999) knüpft, wenn u.a. durch die Verwendung neuwertiger, unverhüllter Fässer variiert, noch einmal an die frühen Objekte und den urbanen Kontext der Verpackungen in den 1960er Jahren an. Die Arbeit zeugt, ähnlich den Landmarken Christos, nun jedoch von einem gesteigertem Interesse an der Farb- und Formstruktur des blickdichten architektonischen Objekts.

Seit 1994 firmiert das öffentlichkeitsbewusste Künstlerpaar unter dem Namen »Christo und Jeanne-Claude« und gibt damit der nach eigenen Angaben bereits 1961 mit der Ausstellung der stoffverhüllten Dockside Packages im Kölner Hafen begonnenen Zusammenarbeit verspätet Ausdruck. Das bis heute entstandene Gesamtwerk unterscheidet das Künstlerpaar in einerseits die seit 1958 unter dem Künstlernamen »Christo« entwickelten Objekte, Verpackungen, Collagen, Zeichnungen, Modelle und Lithografien und andererseits jene Großprojekte im Außenraum, die unter beider Namen entstehen.

1972, 1978, 1980 und 1990 ist Christo auf der Biennale von Venedig vertreten, 1977 stellt er auf der Documenta VI in Kassel aus. Seitdem werden die Verhüllungen von Christo und Jeanne-Claude immer wieder in eigenen Aktionen temporär zur Schau gestellt und seit 1961 in Galerien und musealen Ausstellungen dokumentiert, so u.a. in den letzten Jahren 2004 im New Yorker Metropolitan Museum of Art, 2006 im Museum für Angewandte Kunst in Wien und im Pariser Centre Pompidou, 2007 im Wilhelm Lehmbruck Museum, Duisburg oder im Museum Würth, Turnhout.

Christo und Jeanne-Claude leben und arbeiten in New York.

Literaturauswahl

Christo & Jeanne-Claude – internationale Projekte. Die Sammlung des Museum Würth: Ausst.-Kat. National Academy of Design New York u.a., hg. v. D. Ronte, New York u.a. 2004

Fineberg, J.: Christo and Jeanne-Claude: On the way to »The Gates«, Central Park, New York City, New Haven u.a. (Yale University Press) 2004

Christo and Jeanne-Claude, prints and objects, 1963 — 95: Ausst.-Kat. hg. v. J. Schellmann, J. Benecke, München 1995

Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger

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