Christian Boltanski

Er rekonstruiert Objekte wie handgeformte Erdkugeln, skulptierte Zuckerstücke und Spielzeugwaffen, die er in beschrifteten Biskuitdosen aufbewahrt. Alltagsfotografien aus Nachlässen, Familienalben oder alten Zeitungen werden bis zum abstrahierten Schattenbild vergrößert und zu fingierten Lebensgeschichten zusammengefügt. Christian Boltanski interessiert das Verhältnis von individueller Erinnerung und sozialem Gedächtnis.

Christian Boltanski wird 1944 in Paris geboren. Seine frühe künstlerische Arbeit kreist zunächst um die Darstellung historischer Ereignisse: Großformatige Tafelbilder entstehen zwischen 1958 und 1967, von denen nur wenige erhalten sind (L’Entrée des Turcs, 1961). Nach und nach nähert sich Boltanski Phänomenen der persönlichen Erinnerung an, die er als formales und inhaltliches Material nutzt. Entscheidend wird dabei die Auseinandersetzung mit seiner Kindheit, die zu seinem ersten Film, La vie impossible de Christian Boltanski, führt, den er 1968 in einem Pariser Kino anlässlich seiner ersten Einzelausstellung aufführen lässt. Es folgen weitere Film- und Fotoarbeiten, in denen Boltanski fiktive autobiographische Fragmente inszeniert.

Ab 1969 und zeitgleich mit den filmischen Arbeiten beginnen Boltanskis Recherchen zum Speicher- und Erinnerungswert von Materialien, die sich ebenfalls auf Kindheitserfahrungen beziehen. Er rekonstruiert Objekte wie handgeformte Erdkugeln, skulptierte Zuckerstücke und Spielzeugwaffen, die er in beschrifteten Biskuitdosen aufbewahrt. Einen entscheidenden Schritt vollzieht Boltanski mit der Ausstellung dieser Gegenstände in Glas-Vitrinen, den Vitrines de référence (1970). Im selben Zeitraum arbeitet er an der Werkserie Essais de reconstitution d’objets ayant appartenu à Christian Boltanski entre 1948 et 1954. Er bezieht sich hier auf museale Präsentationsweisen, die ihn auch später als Formen kollektiver Erinnerung und »Spurensicherung« (Metken 1977) maßgeblich beschäftigen werden.

Im Bereich der Fotografie wendet Boltanski sich ähnlichen archivarischen Aspekten zu, deren Vorgaben er nach eigener Aussage ethnographischen Museen entnimmt: Alltagsfotografien aus Nachlässen, Familienalben oder alten Zeitungen werden bis zum abstrahierten Schattenbild vergrößert und zu fingierten Lebensgeschichten zusammengefügt. Hierbei interessiert Boltanski das Verhältnis von individueller Erinnerung und sozialem Gedächtnis. 1972/73 fließt in dasL’Album Photographique de Christian Boltanski Fotomaterial von Freunden und Lieblingsfotos seiner Schulklasse mit ein. Mit einer Serie von Installationen, benanntLes Inventaires, entwickelt er eine neue Form der musealen Präsentation. Er erstellt Nachlässe fiktiver Personen, die er verschiedenen Museen postalisch als kuratierte Ausstellung anbietet. Eines dieser Vorhaben wird u.a. von der Kunsthalle Baden-Baden im Jahr 1973 realisiert.

Zu selbstinszenatorischen Seitensprüngen in das Gebiet der grotesken Clownerie kommt es ab 1974, als Boltanski Fotosequenzen und kleine Szenen nachstellt und begleitende Serien farbiger Zeichnungen Saynètes comiques (Einakter) anlegt. 1975 wendet Boltanski sich erneut der Fotografie in formal experimenteller Hinsicht zu. Neben der Beschäftigung mit dem kulturellen Bedeutungsgehalt der Alltagsfotografie, der er in der Serie Images modèles nachgeht, mehren sich die formalen Experimente in den Compositions. So sucht Boltanski in den Compositions murales mit Hilfe von Beleuchtungseffekten abstrakte Bild- und Raumwirkungen seiner Fotografien zu erreichen. Ab 1984 finden die vielfältigen Experimente mit Licht- und Schattengebung im musealen Raum ihren Höhepunkt in den Théâtre d’Ombres.

Gleichzeitig entwickelt Boltanski einen Werkbereich, der ihn wieder deutlicher zu seiner Erinnerungsarbeit zurückführt: Mit den Monuments entstehen eigenwillige Installationen, deren reliquienähnlicher Gedächtniskult sich mit beleuchteten und altarähnlichen Installationen fotografischer Porträts auf spezifische öffentliche Orte des Andenkens bezieht (Monuments: Les enfants de Dijon, Chapelle de la Salpêtrière, Paris 1986). Vergänglichkeit wird symbolhaft, nicht dokumentarisch vor Augen geführt.
Mit seiner Installation Les Archives auf der Documenta 7 im Jahr 1987 werden Boltanskis Konzeptionen zur Topographie und Bildlichkeit der Erinnerung in der Auseinandersetzung mit dem Holocaust nochmal konkreter. Weitere Werke in diesem Zusammenhang entstehen mit seiner Installation Léçons de ténèbres, die er bereits 1986 im Kunstverein München zeigt. Auch die Ausstellung Réserves – la fête de Pourim in Bern 1989, in der er abgelegte Kleidungsstücke als makabre Reliquien ausstellt, kennzeichnet ebenfalls jenen Werkkomplex.

Im Jahr 1988 wird Boltanski erstmalig eine große Retrospektive in den USA, Kanada gewidmet. Mit der Berliner Arbeit The Missing House aus dem Jahr 1990 realisiert er erstmals ein Werk mit skulpturalen und architektonischen Mitteln im städtischen Raum.

Christian Boltanski lebt und arbeitet in Malakoff bei Paris.

Literaturauswahl

Jussen, Bernhard (Hg.): Von der künstlerischen Produktion der Geschichte 5. Signal – Christian Boltanski, Göttingen 2004

Semin, Didier u.a.: Christian Boltanski, London 1997

Confusion – Selection. Gespräche und Texte über Bibliotheken, Archive, Depots, von und mit Christian Boltanski: hg. v. Gerhard Theewen, Köln 1996

Gumpert, Lynn: Christian Boltanski. Paris 1994

Christian Boltanski. Inventar: Ausst.-Kat. Hamburger Kunsthalle, hg. v. Uwe M. Schneede, Hamburg 1991

Christian Boltanski. Réserves, la fête de Pourim: Ausst.-Kat. Museum für Gegenwartskunst Basel, Basel 1989

Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum

Zu Sammlung hinzufügen…

×
×
×

Liebe Besucherinnen und Besucher,

seit 2006 gibt die museumsplattform nrw einen umfassenden Einblick in die Sammlungen und Aktivitäten ausgewählter NRW-Museen – und regt damit zugleich auch ein neues Publikum zum Museumsbesuch an. Monatlich 13.000 Besucher*innen belegen das Interesse an diesem einzigartigen Instrument zum interaktiven und kommunikativen Umgang mit Kunst im Netz.

Ein intensiv gepflegter und konstant ausgebauter Newsbereich mit Hinweisen zu Ausstellungen und Veranstaltungen oder Features aus der Kunstszene NRWs gehört ebenfalls dazu. 2013 erhielt die bereits seit zehn Jahren aktive Online-Plattform den bedeutenden Grimme Online Award.

Für den Ausbau dieses Online-Angebots sind wir auf den dauerhaften Beteiligungswillen der Museen angewiesen. Auch wenn die aktive Ausgestaltung derzeit nicht erfolgen kann, laden wir Sie doch herzlich ein, unser breites Angebot zum interaktiven und kreativen Umgang mit der Bildenden Kunst und ihren vielfältigen Formen medialer Vermittlung spielerisch zu erkunden.

Ihr NRW KULTURsekretariat