Chris Reinecke

Sie setzt Garnfäden zum Verhäkeln von Teppichen als produktiven, prozessualen Zeit-Tätigkeitsvorgang ein, oder legt sie, wie einen Ariadnefaden für den Betrachter, über Wand und Boden. Während ihrer Lidl-Phase bestreitet Reinecke sozialkritische Aktionen, die den weiblichen Arbeitsbereich, so beispielsweise mit der Arbeit Zeit und Arbeit (1968) anschaulich machen.

Chris Reinecke wird 1936 als Christliebe Reinecke in Potsdam geboren. Früh als naturalistische Zeichnerin geübt, wie ein zartes Stiftporträt ihrer Schwester von 1955 zeigt, geht Reinecke 1956 an die Ecole Nationale des Beaux-Arts nach Paris. Aus dieser Zeit sind stark konturierte Stiftzeichnungen erhalten, die Brückenbögen über die Seine zeigen und das Naturvorgabe wie mit Konturseilen verspannen. 1961 wechselt Reinecke von Paris an die Staatliche Kunstakademie in Düsseldorf,an der sie bis 1965 Malerei bei Gerhard Hoehme studiert. Dessen Raumarbeiten aus Schnüren, Schläuchen und Seilen bleiben nicht ohne Einfluss auf die weitere Arbeit. Sie setzt bald Garnfäden zum Verhäkeln von Teppichen als produktiven, prozessualen Zeit-Tätigkeitsvorgang ein, oder legt sie, wie einen Ariadnefaden für den Betrachter, über Wand und Boden. Während ihrer Lidl-Phase bestreitet sie damit sozialkritische Aktionen, die den weiblichen Arbeitsbereich, so beispielsweise mit der Arbeit Zeit und Arbeit (1968) anschaulich macht.

An der Akademie lernt Chris Reinecke den damaligen Beuys-Schüler Jörg Immendorf kennen, bald heiraten die beiden Künstler. Gemeinsame Unternehmungen, wie das genannte Lidl-Projekt, das am 15./16. November 1968 gegründet wird, schließen sich an. Der Begriff »Lidl« ist zu dieser Zeit noch nicht von einer europaweiten Supermarktkette vereinnahmt, sondern stellt einen bedeutungsfreien Zweisilber in dadaistischer Tradition dar. Das Projekt umfasst Aktionen, Veranstaltungen, Ausstellungen und Fluxusinteraktionen in dichter Folge bis in den Sommer 1970, die einem veränderten, sozial- wie gesellschaftspolitischausgerichteten Kunstbegriff folgen. Neben Lidl-Raum an verschiedenen Adressen in Düsseldorf entstehen Lidl-Stadt, Lidl-Sport und letztlich die Lidl-Akademie innerhalb der Düsseldorfer Kunstakademie. Diese offensiv oppositionellen Strukturen ziehen heftige Reaktionen nach sich – Polizeieinsätze, Hausverbote, letztlichLidl-Verbote sind die Folge. Im Sommer 1970 löst sich die lose Gruppierung auf, Reinecke betreibt nun alleine das Büro Olympia weiter, das in der Folge zur sozial aktiven Mieternotgemeinschaft in der Neubrückstrasse 14 in Düsseldorf mutiert.

Eine zentrale Arbeit der Lidl-Aktionen, stellt die am 15. bis 17. Oktober 1968 durchgeführte Läufer-Aktion dar, die Reinecke auf der alternativen Veranstaltung Labor fünf Tage Rennen zur bereits etablierten Kunstmesse in Köln durchführt. Zu dieser Arbeit sagt sie: »Mit der Herstellung des Läufers – Technik häkeln, Material weißes Baumwollgarn – (…) – verband sich die Idee der Zeigung eines Arbeitsprozesses, der über fünf Tage geplant war – der kontinuierliche Verlauf, von mir in Gang gesetzt und betrieben, von jedem in den Bereich des Läufers Kommenden verfolgbar und nach einer von mir zur Herstellung genutzten Zeit betretbar…« Weiblichkonnotierte Tätigkeiten werden in ihrem zeitlichem Ablauf verfolgt.
In die Zeit dieser Aktion gehört auch Reineckes Arbeit Golden Delicious von 1969, die eine Persiflage der zeitnah entstandenen konkreten Poesie von Reinhard Döhls Apfel darstellt. Zugleich postuliert Reinecke 1969 mit einem manifestartigen Flugblatt, das jeder Ausstellungsbesucher mitnehmen konnte, »Kunst muss sein«. Ihre wichtigste und zugleich filigran listige Arbeit dieser Jahre ist der 1969 direkt auf der Wand applizierte, wellenförmig zum Boden fließende Blaue Faden.Über den Boden gerollt und in einem Garnknäuel in einer durchsichtigen Plastikkapsel endend, gibt er der zarten Wandarbeit eine Aura, die der Besucher akzeptieren muss, will er sich nicht in diesem Ariadnefaden verfangen. Reinecke versteht sich hier als Wegbereiterin durch moderne, sichtbare Labyrinthe.

1970 bis 1984 zieht sich Reinecke zunächst aus der aktiven Kunstszene zurück und widmet sich ganz sozialen Projekten, bevor sie die künstlerische Arbeit 1984 erneut aufnimmt. Zunächst entstehen zarte, fast surreale Zeichnungen, bevor sie sich in jüngster Zeit einer Art kartographischer Biografie zuwendet: Ihr jüngstes, über Jahre gewachsenes Projekt der Mappa Mundi ist 2009 die zentrale Arbeit in ihrer Retrospektive im JET-Ausstellungsraum in Berlin. Große, weit in der Raum ragende und zeichnerisch überarbeitete Material- und Papiercollagen, sind nun vollständig um- und begehbar. Reinecke führt nicht nur die Materialität des Gesammelten, Collagierten und Montierten vor Augen, sondern fordert gleichermaßen den Tast- und Hörsinn wie die Orientierungsfähigkeit des Betrachters heraus.Mit Mappa Mundi kreiert Reinecke gleichsam eine eigene Künstlerrealität, die aus Versatzstücken der Wirklichkeit gespeist ist und besondere räumliche Rezeptionsbedingungen herstellt.

Chris Reinicke lebt und arbeitet in Düsseldorf und Duisburg.

Literaturauswahl

Chris Reinicke: Kunst muss sein, 1959 bis heute: Ausst.-Kat., JET-Ausstellungsraum, Berlin 2009

Chris Reinicke: 60er Jahre – Lidl-Zeit: Ausst.-Kat. Kunstmuseum Düsseldorf, u.a.O., hg. v. B. John, S. Rennert, Köln 1999

Um 1968. Konkrete Utopien und Gesellschaft: Ausst.-Kat. Städtische Kunsthalle Düsseldorf, hg. v. M.R. Syring, Köln 1990

Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Foto: Tobias Roch, Hagen

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