Carl Andre

Einfache, serielle Anordnungen vorgefertigter Einzelelemente aus homogenen Materialien dienen der Festlegung eines Betrachterstandortes. Mit der Gruppenausstellung »Primary Structures. Younger American and British Sculptors« von 1966 im Jewish Museum New York wird Carl Andres Zugehörigkeit zur Minimal Art besiegelt.

Der amerikanische Objektkünstler Carl Andre wird 1935 in Quincey/Mass. geboren. Von 1951 nimmt er das Kunststudium bei Patrick Morgan an der Philipps Academy in Andover/Mass. auf. Bereits früh lernt er durch Nebenverdienste in Fertigungsbetrieben der Bostoner Schwerindustrie Abläufe und Materialien industrieller Herstellung kennen. Zugleich ermöglichen ihm diese Quereinstiege 1954 seine ersten Reisen nach England und Frankreich.

Nach dem Umzug nach New York arbeitet er zunächst ab 1957 als Redaktionsassistent bei New Yorker Verlagen. Hier lernt er über Hollis Frampton, der ebenfalls an der Philipps Academy studiert hatte, den Mitstudenten Frank Stella kennen und beginnt ab 1958 in dessen Atelier zu arbeiten. Es entstehen aus identischen Holzbalken zusammengefügte, pyramidenartige Objekte (Pyramid 1959) und stelenartige tief eingekerbte Holzbalken (Last Ladder, 1959), die an Brancusis Endlose Säule von 1937/38 erinnern. Andre orientiert sich vor allem an dessen Anweisung, Skulpturen ohne Vorentwurf in direkter Materialbearbeitung zu gestalten. Dem hintergründig symbolischen Werkverständnis und den anthropomorphen Bezügen Brancusis steht er jedoch reserviert gegenüber.

Andres Arbeit als Bremser und Rangierer von Güterzügen bei der Pennsylvania Railroad in New Jersey (1960 — 64) scheint sein bereits vorhandenes Interesse an Prozessen und Materialien der Industriekultur zu befördern. In diesen Jahren verfestigt sich auch seine Idee einer an Orte und Wege gebundenen Skulptur. Andre widmet sich nun stärker der seriellen Skulptur, die er in Werken des konstruktivistischen Künstlers Alexander Rodschenko, so z.B. dessen Raumkonstruktion Nr. 23von 1921 vorgebildet sieht. Diese Gedanken entwickelt Andre 1960 in einer Reihe von Zeichnungen, den sogenannten Element Series weiter, die er allerdings aus Kostengründen erst in den 70er Jahren realisieren kann. Prototyp dieser Serie ist die Arbeit Herm von 1960/1976 – ein einzelner vertikaler Holzbalken. Andre erarbeitet ein Gestaltungsprinzip, das er in der Folgezeit in zahlreichen Variationen erprobt: Einfache, serielle Anordnungen vorgefertigter Einzelelemente aus homogenen Materialien dienen der Festlegung eines Betrachterstandortes.

Für die weitere künstlerische Entwicklung Andres werden insbesondere zwei Einzelausstellungen maßgeblich: Im Jahr 1966 zeigt er in der Tibor de Nagy Gallery in New York erstmals eine Gruppe flacher Bodenarbeiten, die sogenannten Equivalent Series. Damit bricht er mit der traditionellen Vorstellung einer vertikal angeordneten Skulptur, indem er unterschiedliche rechteckige Kuben aus jeweils zwei Steinlagen auf dem Boden der Galerie auslegt. Mit der Gruppenausstellung »Primary Structures. Younger American and British Sculptors« von 1966 im Jewish Museum New York wird gewissermaßen auch Andres Zugehörigkeit zur Minimal Art besiegelt. Er teilt mit Donald Judd, Robert Morris Sol Lewitt und Tony Smith das Interesse an Prinzipien des Industriestandards und die Reduktion skulpturaler Ausdrucksfähigkeit auf die Darstellung grundlegender Wahrnehmungsgesetze. Die zweite wichtige Einzelausstellung Andres findet im Folgejahr in der Dwan Gallery, Los Angeles statt. Auch hier zeigt er eine Bodenarbeit, die sich unmittelbarer auf den Galerieraum bezieht, die 8 Cuts. Ein weitläufiger Raum wird bis auf wenige Aussparungen fast vollständig mit betongegossenen Schlusssteinen ausgelegt. Die jeweiligen »Leerstellen« ordnen sich parallel zu den Kanten des Innenraumes.

Diese Konzepte der seriellen, horizontalen und raumbespielenden Skulptur liefern die gedanklichen Voraussetzungen für Andres ungewöhnliche Werke, die nun aus Holzblöcken, Ziegelsteinen und quadratischen Metallplatten entstehen. Sinnfällig wird hier bereits der dann bis in die Gegenwart fortbestehende Wunsch, Skulpturen weniger als Objekte, sondern vielmehr als Orte zu definieren. Getreu seiner 1968 gefassten Vorstellung von einer Entwicklung der »Skulptur als Form, Skulptur als Struktur und Skulptur als Ort«, gestaltet er in der Folge museale »Plätze«. So entsteht u.a. 144 Steel Square von 1967 aus 64 quadratischen Metallplatten und die Arbeit 35 Timberline aus 35 Holzbalken von 1968.

Seit 1968 ist Andre auf zahlreichen wichtigen Ausstellungen in Europa vertreten, u.a. auf der Ausstellung in Haags Gemeentemuseum »Minimal Art« 1968, im gleichen Jahr auf der documenta 4 in Kassel. 1969 nimmt er an der entscheidenden Ausstellung »When Attitudes Become Form« in Bern teil, die anschließend nach Krefeld und London reist. In den 70er Jahren entstehen zahlreiche große Installationen, u.a. Blocks and Stones für das Portland Center for the Visual Arts, Oregon 1973 und Stone Field Sculpture in 1977 in Hartford.

Carl Andre lebt in New York.

Literaturauswahl

Carl Andre. Sculptor 1996. Krefeld at home, Wolfsburg at large: Ausst.-Kat. Krefelder Kunstmuseen, hg. v. Eva Meyer-Hermann, Stuttgart 1996

Carl Andre. Extraneous Roots: Ausst.-Kat. Museum für Moderne Kunst, hg. v. Rolf Lauter, Frankfurt/M. 1991

Carl Andre: Ausst.-Kat. Haags Gemeentemuseum u.a., hg. v. Piet de Jonge, Den Haag 1987

Carl Andre. Sculpture 1959 — 78: Ausst.-Kat. Whitechapel Art Gallery London, hg. v. Nicholas Serota, London 1978

Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum

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