Candida Höfer

Es sind sehr spezielle Orte, Räume der Wissensspeicherung und Wissensaneignung, Räume, deren strenge systematisch-funktionale Ordnung auch zum entscheidenden bildkonstituierenden Merkmal wird. In den Gebäuden und Räumen, die Höfer seit den 1980er Jahren in ihren zunehmend großformatigeren, stets distanziert erscheinenden Bildern zeigt, bleiben Menschen und Geschichte in Architektur und Interieur, über Orte der Erinnerung und ihre räumlichen Ordnungen fassbar.

Candida Höfer wird 1944 in Eberswalde geboren. 1963 — 64 volontiert sie im Kölner Fotoatelier Schmölz-Huth, studiert bis 1968 an den Kölner Werkschulen. Höfer arbeitet zunächst als freie Fotografin und beginnt 1973 Film, dann in der Fotografieklasse von Bernd und Hilla Becher an der Düsseldorfer Kunstakademie zu studieren. 1982 schließt sie ihr Studium ab. 1997 — 2000 hat Höfer eine Professur für Fotografie an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe.

Zunächst sind es Menschen in alltäglichen Situationen und bei gewöhnlichen Tätigkeiten, die Höfer in ihren frühen, Ende der 1960er entstehenden Liverpool-Bildern, dann mit der Fotoserie Türken in Deutschland (1975) mit der Kleinbildkamera und meist schwarz-weiß ins Bild setzt. Mittels Diaprojektion, später Doppelprojektion stärkt sie bei diesen Fotografien den seriellen Charakter (80 Bilder). Auch mit der folgenden Serie Türken in der Türkei (1973 — 79) bleibt Höfer der Darstellung von Einzelfiguren oder Gruppen in ihrem kulturellen Kontext und alltäglichen sozialen Umfeld, in Cafe oder Park, verpflichtet.

Bald reduziert Höfer jedoch das Figurenpersonal in den Fotografien, verzichtet schließlich vollständig darauf. Die vormals eher privat wirkenden fotografischen Blicke auf Menschen weichen Aufnahmen von überwiegend menschenleeren Architekturen, Innenansichten von Räumen, ohne dass sich Höfers forschendes Interesse am einzelnen Bildgegenstand und der bildinhärenten Ordnungsstruktur verliert. »Was mich auch an Räumen interessiert, ist die Mischung verschiedener Epochen, wie verschiedene Zeiten sich abbilden. Wo sichtbar wird, dass verschiedene Generationen dort gelebt haben, und wie sie damit umgehen.« (Höfer, in: tain, 6/1998, 35). In den Gebäuden und Räumen, die Höfer seit den 1980er Jahren in ihren zunehmend großformatigeren, stets distanziert erscheinenden Bildern zeigt, bleiben Menschen und Geschichte in Architektur und Interieur, über Orte der Erinnerung und ihre räumlichen Ordnungen fassbar. Die bis heute entstehenden Bildserien von öffentlichen oder halböffentlichen Einrichtungen – Bibliotheken, Schulen, Sitzungssälen, Kantinen, Krankenhäusern, Museen oder Theatern – scheinen auf den ersten Blick geradezu enzyklopädischen Interessen am Interieur zu entspringen. Es sind jedoch sehr spezielle Orte, Räume der Wissensspeicherung und Wissensaneignung, Räume, deren strenge systematisch-funktionale Ordnung auch zum entscheidenden bildkonstituierenden Merkmal wird (Bibliothèque Nationale de France Paris, 1998). Höfers Fotografien dieser großteils schon durch eigene räumliche und serielle Strukturen vorgegliederten Räume nehmen sich wie grundlegende bildkompositorische Entwürfe zur Raumstruktur aus. Einblicke werden meist in Augenhöhe oder von erhöhtem Standort aus gewährt und schaffen eine nüchtern-distanzierte Perspektive, die die Erfassung größerer Raumzusammenhänge ermöglicht und immer große Distanz zum Erfassten hält. In den Fotografien erscheinen die Räume, die oft sowohl über natürliche wie künstliche Lichtquellen verfügen, in ganz spezifischen, einerseits neutral, dann aber auch wieder neu und fremdartig erscheinenden Lichtsituationen. Licht, Formen- und Farbrhythmus erzeugen eine ausgewogene Komposition, die alle Bilddetails erfasst (Lycée Gustave Monod Enghien-les-Bains, 1999).

Mit der Serie der Zoologischen Gärten wendet sich Höfer seit den 1990er Jahren auch Räumen zu, die das Fremde auf veränderte Weise inszenieren. Die Fotografien stellen die exotischen Tiere aus den von Höfer erfassten 16 zoologischen Einrichtungen still, sie erscheinen wie Statisten in künstlichen Raumzusammenhängen (Karlsruhe; Zoo I, 1992). Ein kleiner Schritt vollzieht sich von diesen Fotografien nurmehr zu der Serie, die Höfer in den Schauräumen und Depots von naturhistorischen Museen (Natural History Museum London II, 1990) oder auch ethnologischen Sammlungen (Pitt Rivers Museum Oxford IV, 2004) gewinnt. Nun wird die Fremdartigkeit der Exponate in unmittelbarem Bezug zu jenen Ordnungs- und Wissensmodellen wahrnehmbar, die in Raum und Raumordnung, schließlich aber auch in den pespektivisch geschärften und klar geordneten Fotografien Höfers ihren Niederschlag finden.

Seit Beginn der 1990er Jahre werden Höfers Arbeiten auf wichtigen Fotografie-Ausstellungen gezeigt (Kunstsammlung NRW, 1991; Museum Ludwig, 1993). 2002 nimmt sie an der Documenta XI in Kassel teil, auf der sie sich mit Fotografien der an 12 Orten erfassten Bürger von Calais Rodins noch einmal orts- und rezeptionsspezifischen Raumkontexten – nun am Beispiel einer einzelnen Figurengruppe – zuwendet. Im folgenden Jahr ist Höfer auf der 50. Biennale in Venedig vertreten. Einzelausstellungen finden in den vergangenen Jahren u.a. 2005 im Museo di Fotografia Contemporanea, Mailand und 2006 im Pariser Louvre statt. 2007 werden Höfers Fotografien im Neuen Museum Weimar und Kunsthaus Hamburg ausgestellt.

Candida Höfer lebt und arbeitet in Köln.

Literaturauswahl

Candida Höfer. Monografie, München 2003

Candida Höfer. Hamburg, Köln 2002

Candida Höfer: Orte Jahre Photographien 1968 — 1999: Ausst.-Kat. Die Photographische Sammlung / SK Stiftung Kultur Köln u.a.O., hg. v. S. Lange, München 1999

Candida Höfer. Leseräume. Ausst.-Kat. Kunsthalle Basel 1999

Candida Höfer. Zoologische Gärten. Fotografien: Ausst.-Kat. Hamburger Kunsthalle, hg. v. H. Hohl, U. Loock, München 1993

Candida Höfer. Räume / Spaces: Ausst.-Kat. Portikus Frankfurt/M. Köln 1992

Candida Höfer: Türken in Deutschland. Köln 1980

Candida Höfer: Alltag in der Türkei. Köln 1977

Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum

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