Camille Graeser

»konkret ist streng logisches schaffen und gestalten von kunstwerken, die eigengesetzlichkeit haben. konkret ist das spiel mit mass und wert von farbe, form und linie.« Graeser ist, neben Max Bill und Richard Paul Lohse, der wichtigste Vertreter der Konkreten Kunst in der Schweiz. Zugleich gilt sein Werk als Vorläufer der Op Art, der Minimal Art und der Hard-Edge-Malerei.

Camille Graeser wird am 27. Februar 1892 in Carouge im Kanton Genf geboren. Sein Vater besitzt eine Papierwarenfabrik. Nach dessen Tod übersiedelt die Mutter nach Stuttgart, wo Camille Graeser seine Schul- und Lehrzeit und seine erste Studienzeit verbringt. Zunächst absolviert Graeser eine Schreinerlehre. Ab 1911 studiert er an der Königlichen Akademie in Stuttgart in den Fachklassen Möbelbau und Innenarchitektur. Meisterschüler ist Graeser bei Bernhard Pankok dort seit 1913. Nebenher malt er orientiert an Kubismus und Fauvismus.
Den Winter 1915/16 verbringt Graeser in Berlin, wo er mit Herwarth Walden und dessen Galerie und Künstlergruppe Der Sturm bekannt wird. 1917 zurück in Stuttgart gründet er als Designer sein eigenes Atelier für Innenarchitektur, Werbegraphik und Produktgestaltung. 1918 stellt er erstmals seine Arbeiten im Kunsthaus Schaller in Stuttgart unter dem Titel »modernistische Wohnideen und ungegenständliche Zeichnungen« aus und ist nun auch Mitglied des Deutschen Werkbundes. Im gleichen Jahr besucht Graeser die Malklasse von Adolf Hölzel an der Stuttgarter Akademie. Unter Hölzels Einfluss beschäftigt sich Graeser mit Abstraktion und Farbtheorien und gelangt zum abstrakten Expressionismus, den er zu seinem speziellen »Kubofuturismus« entwickelt.

1924 ist Graeser in der Werkbundausstellung »Form ohne Ornament« vertreten und hat zum flächigen Purismus und strenger, konstruktiver Gestaltungsweise gefunden, die jeden Hinweis auf einen handschriftlichen Pinselduktus vermeidet. Konsequent legt er mehrere Farbschichten übereinander, um den Farbauftrag zu anonymisieren. Diese Farbauftragstechnik bestimmt Graeser gesamtes malerisches Werk, so ist er zur Zusammenarbeit mit Mies van der Rohe prädestiniert. In dessen Stuttgarter Weissenhof-Siedlung stattet Graeser dann auch als Innenarchitekt 1927 eine der dortigen Musterwohnungen aus. Mittlerweile ist Graeser im süddeutschen Raum ein arrivierter Atelierunternehmer und ein auch finanziell erfolgreicher Vertreter des »Neuen Bauens« und »Neuen Wohnens«.

Mit dem Machtantritt Adolf Hitlers 1933 verlässt Graeser Stuttgart und lässt sich in Zürich nieder. Dort findet er als Designer weder Aufgaben noch Aufträge. Von Emmy Rauch unterstützt, die er 1936 heiratet, widmet er sich ganz seiner freien, abstrakten Malerei. 1937 tritt er dem Schweizer Künstlerbund allianz bei, an dessen Ausstellungen Graeser von da an regelmäßig beteiligt ist. Ab 1938 entwickelt Graeser eine Malerei, die von mathematischen und geometrischen Formen bestimmt ist und im Kolorit immer die Grundregeln der Farbenlehre berücksichtigt. Er bevorzugt Ponderationen der Komplementärfarben, auch seine Mischfarben sind rechnerisch abgewägt. Graeser ist so neben Max Bill und Richard Paul Lohse der wichtigste Vertreter der Konkreten Kunst in der Schweiz. Zugleich gilt sein Werk als Vorläufer der Op Art, der Minimal Art und der Hard-Edge-Malerei. Seit 1938 gehört Graeser zu den Züricher Konkreten. Themen und Motive seiner Bilder sind seit dieser Zeit Loxodomien, geometrische Flächenkonstruktionen, Winkelreduktionen, rhythmische Form- und Farbadditionen, mathematische Relationen, Dislokationen und »bewegte« Elemente. Im Jahr 1944 definiert Graeser in seiner Schrift abstrakt + konkret sein darstellerisches Ziel. Er sagt dort: »konkret ist streng logisches schaffen und gestalten von kunstwerken, die eigengesetzlichkeit haben. konkret ist das spiel mit mass und wert von farbe, form und linie.« Selten stimmen künstlerische Selbstaussage und Bildform so überein wie bei Camille Graeser. Der Künstler betont auch immer die Nähe seiner Kompositionen zu musikalischen Klangfindungen. Dies gipfelt 1951 in der Züricher Ausstellung »Optische Musik«, die zugleich auch Graesers erste Einzelausstellung in der Galerie 16 darstellt. Gemeinsam mit Johannes Itten hat er 1964 eine große Retrospektive im Kunsthaus Zürich. 1977 ist er auf der Documenta VI in Kassel vertreten. Es ist dies das Jahrzehnt, in dem sein malerischer Ansatz sowohl in der europäischen Werbegraphik als auch von Künstlern der Op Art rezipiert wird. 1979 wird Graesers Gesamtwerk durch eine Retrospektive mit mehreren Stationen gewürdigt.

Am 21. Februar 1980 stirbt Camille Graeser in Wald bei Zürich. 1981 wird die Camille Graeser-Stiftung in Zürich gegründet und hat bis heute dort Bestand.

Literaturauswahl

Gassen, R., Hausdorff, V.: Camille Graeser. Vom Entwurf zum Bild. Entwurfszeichnungen und Ideenskizzen 1938 bis 1978, hg. v. d. Camille Graeser-Stiftung, Zürich 2009

3 x konkret. Max Bill, Camille Graeser, Richard Paul Lohse: Ausst.-Kat. hg. v. J. Knubben, Rottweil 2005

(Hg.): Camille Graeser. Design: Ausst.-Kat. hg. v. R. Koella, Köln/ Hannover u.a. 2002 — 03

Koella, R.: Werkverzeichnis Camille Graeser, 3 Bde., Zürich 1995

Camille Graeser 1892 — 1980: Ausst.-Kat. Winterthur u.a. 1992 — 93, Zürich 1992

Camille Graeser: abstrakt + konkret, Zürich 1944

Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger

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