Boris Kleint

Obwohl er theoretisch einen Personalstil ablehnt, ihn regelrecht zu vermeiden sucht, eint Boris Kleints konstruktivistischer und gestischer Ansatz ein Merkmal: sowohl auf der Ebene der Formkomposition wie auf der der Farbrhythmisierung erreicht er einen ästhetisch ausgewogenen, in sich ruhenden Bildkosmos.

Boris Kleint wird 1903 im elsässischen Masmünster geboren. In Baden-Baden macht er 1921 Abitur. Sein Studium der Psychologie, Philosophie, Medizin, Sprach- und Kunstwissenschaften führt ihn im Anschluss an die Universitäten Heidelberg, Leipzig, Berlin und Würzburg, an der er 1925 mit einer Arbeit über Wahrnehmungspsychologie – »Über den Einfluss der Einstellung auf die Wahrnehmung« – promoviert. Im gleichen Jahr wird diese Promotionsschrift im Archiv für die Gesamte Psychologie (Bd. L I) veröffentlicht. Nun ist Kleint für fünf Jahre Assistent des Wahrnehmungspsychologen Max Wertheimer an der Frankfurter Universität. Zugleich nimmt Kleint Zeichenunterricht bei Peter Röhl an der Städelschule. Über seine erste Kunstpraxis schreibt Kleint: » … wir machten den laufenden aufgaben zum trotz in Gemeinschaftsarbeit und fastfieberhaft materialkompositionen aus stroh, papier, nägel und allem was sich fand, ohne etwas derartiges gesehen zu haben. Lisker, der später an Wicherts stelle in brauener uniform als direktor saß, riet mir in längeren gesprächen über kunst zu itten« (zit. n.: Boris Kleint: Von Frankfurt nach Berlin, in: Symbol. Zeitschrift für bildende Kunst und Lyrik 33, Köln 1979).

Kleint befolgt den Rat, verlässt den Posten an der Universität und setzt ab 1931 in der privaten Berliner Malschule des Schweizer Künstlers Johannes Itten – der 1919 — 1923 am Bauhaus unterrichtet hatte, und dort die von Adolf Hölzel entwickelte Farbtheorie zu einer künstlerischen Grundlehre ausbaute –, seine Studien auf anderem Terrain fort. Die Berliner Malschule war von Itten 1926 gegründet worden, Kleint wird 1933 sein Assistent und vertritt ihn bis 1934 auch als Schulleiter. Für zwei Jahre gründet Kleint in Berlin auch eine eigene Malschule.
Kleint ist mittlerweile nicht nur mit der Itten-schen Kunstpädagogik vertraut, sondern hält auch Kontakt zu Wassily Kandinsky. Dessen zwei grundlegende Publikationen – »Das Geistige in der Kunst« (1912) und »Punkt und Linie zu Fläche« (1926) stellen für Kleint wesentliche Grundlagen seiner künstlerischen Arbeit dar.
1936 muss Kleint nach Luxemburg emigrieren, dort setzen auch seine konstruktivistischen Kompositionen ein. Im gleichen Jahr reist er nach London und lernt dort den Bauhausgründer Walter Gropius kennen. Bis 1942 besucht er mehrfach Kandinsky in Paris, steht mit ihm im regen Briefwechsel und lernt 1941 über ihn auch Picasso kennen. 1940 wird Luxemburg durch das NS-Militär besetzt, Kleint ändert seinen Vornamen von Herbert zu Boris. Er geht nach Saarbrücken zurück und moderiert dort Radiosendungen unpolitischen Inhalts.

Seit 1938 entstehen große geometrische Kompositionen und kosmische Bilder, wie auch Beflügelter Kreis (1939 — 43) aus dem Gelsenkirchener Kunstmuseum. Nach einer einmonatigen Internierung 1944 in Saarbrücken erhält Kleint 1946 die Berufung an die dortige staatliche Schule für Kunst und Handwerk – Centre de Métiers d’Art Saarois – mit der Aufgabe, die Meisterklasse für Malerei zu leiten und eine künstlerische Grundlehre einzurichten. Zeitlebens ein engagierter Kunstpädagoge entsteht 1952 das Manuskript der »Bildlehre. Elemente und Ordnung der sichtbaren Welt«, das 1969 in Basel erstmals erscheint und 1980 stark überarbeitet, mit erweitertem Vorwort in zweiter Auflage, erneut publiziert wird.

Kleint wendet sich ab 1943 der gestischen Expression des Tachismus zu, kehrt jedoch zunächst immer wieder zu geometrischen Konstruktionen zurück, die nach 1945 farbreicher und farbintensiver ausfallen. In den 1950er Jahren dominieren die gestischen Abstraktionen. Obwohl Kleint theoretisch einen Personalstil ablehnt, ihn regelrecht zu vermeiden sucht, eint sein konstruktivistischer und gestischer Ansatz ein Merkmal: sowohl auf der Ebene der Formkomposition wie auf der der Farbrhythmisierung erreicht er einen ästhetisch ausgewogenen, in sich ruhenden Bildkosmos. Ende der 50er Jahre setzen seine Reliefbilder ein und er rezipiert die Farbflächenmalerei von Piet Mondrian, indem er mit montierten Farbstegreliefs aus Kanthölzern über Holzgründen die Kompositionen Mondrians ins Dreidimensionale überführt.

Im Spätwerk der 1980er Jahre knüpft Kleint wieder an die früheren klaren, jetzt aber unüberschnitten gereihten geometrischen Figuren von Kreis, Kugel, Rechteck und Rechteck-Gerüsten an. Seit 1954 zum Professor ernannt, bleibt er bis zu seiner Emeritierung 1969 in der Lehre. Obwohl Kleint als Künstler immer rezipierend arbeitet, kann er, gestützt durch eine tiefe Kenntnis der psychologischen Wahrnehmungstheorie, die Anschaulichkeit des Konstruktivistischen ebenso wie die der gestischen Expression perfektionieren. Vielfach und weit über den regionalen Raum hinaus vernetzt, kann er seit 1948 in regelmäßiger Folge ausstellen und wird zahlreich geehrt. U.a. zu seinem 70. (1973) und 80. Geburtstag (1983) finden große, wandernde Retrospektiven statt.

Boris Kleint stirbt 1996 in Völklingen.

Literaturauswahl

M. Jähne, C. Maas (Bearb.): Boris Kleint, mit einem Text von L. Dittmann, in: Künstlerlexikon Saar, Saarbrücken 2011

L. Dittmann: Boris Kleint, Werkverzeichnis II – Malerei, Glasbilder, plastische Bilder, Stelen, Kunst im öffentlichen Raum: 1933 — 1992, Saarbrücken 2009

J. Enzweiler: Boris Kleint – Zeichnungen, Aquarelle, Gouachen, Farbschnitte 1919 — 1984, Saarbrücken 2003

U. Giessler: Kosmos zwischen Kandinsky und Klee (..), in: Saarbrücker Zeitung, 19.12.1996

E.-G. Güse (Hg.): Boris Kleint, Retrospektive, Köln 1993

L. Dittmann: Boris Kleint: Werke der siebziger Jahre, Lebach 1984

B. Kleint: Bildlehre – der sehende Mensch, 2. Aufl. Basel 1980

Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum

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