Bernd und Hilla Becher

Zu einem Zeitpunkt, an dem die Fotografie vor allem in Europa noch keinen gleichrangigen Platz neben anderen künstlerischen Medien einnimmt, beginnen Bernd und Hilla Becher mit den Aufnahmen der Grube Eisenhardter Tiefbau in Südwestfalen ihr Fotografie-Projekt von Wassertürmen, Hochöfen, Getreidesilos, Fördertürmen, Gasbehältern, Kühltürmen und Kalkwerken.

Bernd Becher wird 1931 in Siegen, Hilla Becher, geb. Wobeser, im Jahr 1934 in Potsdam geboren. Er studiert von 1953 — 56 Malerei an der Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, wechselt 1959 an die Düsseldorfer Kunstakademie und schließt 1961 sein Studium bei Karl Rössing ab. Sie erfährt in Potsdam eine Ausbildung als Fotografin, arbeitet ab 1957 in einer Werbeagentur in Düsseldorf und nimmt dort 1958 ebenfalls an der Kunstakademie das Studium der Fotografie auf, das sie 1961 abschließt. Hilla und Bernd Becher lernen sich in Düsseldorf kennen, nehmen 1959 die gemeinsame Arbeit auf und heiraten 1961. Bernd Becher übernimmt 1976 — 1996 eine Professur für Fotografie an der Kunstakademie Düsseldorf. Die Klasse von Bernd und Hilla Becher wird zu einem Zentrum der künstlerischen Fotografie, mehrere Generationen von Künstlern (Andreas Gursky, Candida Höfer, Thomas Ruff, Jörg Sasse u.a.) werden entscheidend durch sie geprägt.

Zunächst ist es Bernd Becher, der den Blick auf die Industriebauten richtet: »Es war für mich das auslösende Erlebnis, im Siegerland, wo ich aufgewachsen bin, zu sehen, dass die Anlagen, welche die Mentalität der Gegend prägten und dort die Basis für die Wirtschaft bildeten, allmählich verschwanden. Die Erzbergwerke und Hochöfen waren das Herz der Gegend. Zunächst machte ich mich daran, die Dinge zu zeichnen und in Lithographien und Radierungen umzusetzen. Manchmal malte ich sie auch. Dann kam der Augenblick, da ich zwangsläufig zur Fotografie griff. Es gab eine Anlage, wo ich wochenlang gesessen und gezeichnet hatte. Aber die Zeit lief gegen mich, als mit dem Abbruch begonnen wurde. Um die malerisch-zeichnerische Interpretation später zu unterstützen, fing ich zu fotografieren an, um die Anlage kurz vor ihrem Abriss schnell noch als Vorlage für die spätere Zeichnung festzuhalten. Dieses Erlebnis des Verschwindens war der Auslöser für alles Weitere.« (B. Becher, in: Kunstforum International, 171/2004).
Anfang der 1960er Jahre wendet sich dann das Künstlerpaar gemeinschaftlich einem rein fotografischen Projekt zu, das ihr gesamtes Œuvre entscheidend bestimmt. Zu einem Zeitpunkt, an dem die Fotografie vor allem in Europa noch keinen gleichrangigen Platz neben anderen künstlerischen Medien einnimmt, beginnen sie mit den Aufnahmen der Grube Eisenhardter Tiefbau in Südwestfalen ihr Fotografie-Projekt von Wassertürmen, Hochöfen, Getreidesilos, Fördertürmen, Gasbehältern, Kühltürmen und Kalkwerken. Die Fotos werden systematisiert und in verschiedenen Bildkonstellationen, Tableaus und Folgen strukturiert. Mit Großformatkamera unter gleichmäßigen Lichtverhältnissen aufgenommen und meist von leicht erhöhtem Standpunkt aus frontal wie mittig erfasst, dokumentiert die umfangreiche Sammlung an Schwarz-Weiß-Fotografien die Industriearchitektur: Bauten und architektonische Gesetzmäßigkeiten, Formen und Materialität eines im Laufe der Zeit sukzessive verdrängten Architekturtyps, vor allem in Nordrhein-Westfalen.

Neben dem dokumentarischen Ziel vermittelt das Konzept der Bechers eine betont reduzierte Perspektive, einen fotografischen Blick, der vom Wunsch nach einer authentischen, statischen, von äußeren Einflüssen oder starker Schattenbildung freigehaltenen Objekterfassung getragen ist. Die zu großformatigen Fotofolgen zusammengestellten Bilder formieren sich zu »Typologien« von Architektur (Tipologie, Typologien, Typlogies: Ausst.-Kat. 1990). Bewusst angelehnt an naturwissenschaftliche Wahrnehmungs- und Darstellungsweisen, lenken die vergleichenden Bildsammlungen der Bechers, in denen man auch Taxonomien sehen kann, auf Grundsätzliches – typensignifikante Formen, Varianten, aber zugleich auch darüber hinausgehend auf das Eigenleben der Objekte. »Sie vermitteln den Eindruck einer künstlichen Natur, obgleich sie, was ihre Ausmaße und den Bezug zum Untergrund angeht, mehr mit Architektur zu tun haben. Der Natureindruck stellt sich deshalb ein, weil die Architektur der Schwerindustrie aus Organen und Leitungsadern besteht. Es erscheint wie ein aus verschiedenen Teilen zusammengesetzter Körper, der etwas verdaut oder umsetzt.« (H. Becher, in: Kunstforum International, 171/2004). In der beschriebenen Objektwahrnehmung hin zum Körperhaften lassen die Bilderkonstellationen sich mit dem Verfahren des bekannten Fotografien Karl Blossfeldts vergleichen, ja kehren es in gewisser Weise um. In der Pionierzeit der Fotografie präsentierte Blossfeldt Pflanzenaufnahmen, die in Nahansicht und durch ihre betont statisch-architekturhaften wie ornamentalen Eigenschaften der Architekturfotografie naherückten.

Auch in der Gruppierung bzw. Konstellation mehrerer Fotografien gehen die Bilder der Bechers über die dokumentarische Konzeption hinaus. In den Abwicklungenbeispielsweise werden mehrere Fotografien des selben Objekts aus differierenden Betrachtungswinkeln gezeigt (Abwicklung Wuppertaler Schwebebahn Haltestelle, 1972). Die Gesamtansicht formiert sich erst im Zusammenspiel der kombinierten Einzelperspektiven – ein entfernt an den Analytischen Kubismus erinnerndes Verfahren. Das Künstlerpaar erschließt zugleich durch solche umfassenden Perspektiven auf das Objekt der Erfassung veränderte Wahrnehmungskontexte, die sich der Begehung des Industriestandorts, aber auch dem akribischen Blick auf Objekteigenschaften, Formen wie Oberflächenstrukturen verdankt. »Mir liegt daran, dass ein Hochofen in der Fotografie mittels Licht und Schatten wie Eisen erscheint. Es kommt darauf an, dass eine Ölraffinerie, die viel heller und silbriger ist, im Bild ihren ganz bestimmten Glanz erhält. Hier spielt auch die Arbeit in der Dunkelkammer eine wichtige Rolle.« (H. Becher, ebd.)

Bernd und Hilla Becher erschließen mit ihren Fotografien die Objektästhetik, lenken die Blicke erstmalig auf eine Denkmalskultur, einen industriell geprägten Architekturtypus, der bis dahin eher unbeachtet ist und – beispielsweise im Zuge der Ende der 1960er Jahre aufkommenden Stahl- und Kohlekrisen – zunehmend und zum Teil auch unter Protest des Künstlerpaars verschwindet. Indirekt lenken sie die Betrachter auch die »hinter« den Objekten liegenden Tatsachen, die sich über Formen und Funktionen der Bauten erahnen lassen: die Lebens- und Arbeitswelt in den dokumentierten Regionen. Neben Fachwerkhäusern im Siegerland oder Industrieanlagen im Ruhrgebiet zeigen ihre »archäologischen« Fotografien auch Industriebauten in den Niederlanden, Belgien, Großbritannien, Frankreich und Wassertürme und Gasbehälter in den USA.

Bernd und Hilla Bechers Werke sind in zahlreichen europäischen wie amerikanischen Museen und vielen privaten Sammlungen vertreten. Von Beginn der künstlerischen Arbeit an, sucht das Künstlerpaar in Ausstellungen die Nähe zum Kontext der Konzept Art, so u.a. in der Ausstellung »Prospect 69« in der Düsseldorfer Kunsthalle (1969), aber auch mit eigenen Buchpublikationen (Anonyme Skulpturen. Eine Typologie technischer Bauten, Düsseldorf 1970). Seitdem werden die Fotografien regelmäßig in Ausstellungen in Europa (»Von hier aus«, Düsseldorf 1984) und den USA (Sonnabend Gallery, 1973) gezeigt. An der Documenta nehmen die Bechers 1971, 1977, 1982 und 2002 teil, auf der Biennale in Venedig sind sie 1990 vertreten. Eine Retrospektive wird ihnen u.a. 2004/05 in der Kunstsammlung NRW, Düsseldorf / Centre Georges Pompidou, Paris u.a. gewidmet.

Im Juni 2007 stirbt Bernd Becher in Rostock. Hilla Becher lebt und arbeitet in Düsseldorf.

Literaturauswahl

Bernd & Hilla Becher, Typologien industrieller Bauten: Ausst.-Kat. Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, hg. v. A. Zweite, München 2004

Bernd und Hilla Becher, Grundformen industrieller Bauten, München 2004

Steinhauser, M.; Hemken, K.-U.: Bernd und Hilla Becher, Industriephotographie, Düsseldorf 1994

Bernd und Hilla Becher, Fördertürme, Chevalements, Mineheads, München 1985

Bernd und Hilla Becher, Arbeiten 1957 — 1981: Ausst.-Kat. Stedelijk van Abbemuseum, Eindhoven 1981

Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum

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