Aristide Maillol

Seit 1924 Mitglied der belgischen Surrealisten, strebt er ausdrücklich danach, im Sinne des schweizer Sprachforschers Ferdinand de Saussure, die kulturell gewachsene Übereinstimmung von Form als Signifikant und Inhalt als Signifikat zu irritieren, zu hinterfragen, zu pathetisieren oder sogar zu leugnen. René Magrittes Bilder sind reine Fragen an den Betrachter.

Der Bildhauer Aristide Maillol wird 1861 in Banyuls, Südfrankreich geboren. 1882 beginnt er seine Ausbildung in Paris, er besucht zunächst als freier Zeichenschüler die dortige École des Beaux-Arts, seine offizielle Aufnahme scheitert jedoch an der Ablehnung des Akademielehrers Jean-Léon Gérôme. Daher schreibt Maillol sich zunächst 1883 in der Kunstgwerbeschule ein und besucht die dortige Bildhauerklasse. Ein erneuter Versuch auf der Kunstschule gelingt schließlich 1885 mit Unterstützung des Malers Alexandre Cabanel. Maillol bleibt bis 1893 als Student eingeschrieben.

Maillols künstlerische Ambitionen liegen zunächst klar in der Malerei. Landschaft und Porträt sind seine bevorzugten Sujets, die er im Stil Puvis de Chavannes und orientiert an seinem Lehrer Cabanel gestaltet (La couronne des fleurs, 1889; Jeanne Faraill 1890; Profil de jeune femme, 1890). Gleichzeitig fühlt Maillol sich jedoch bereits früh zur französischen Kunstgewerbe-Bewegung hingezogen, die in den 1890er Jahren vor allem infolge staatlicher Unterstützung ein enormes Aufleben erfährt. Sowohl mit seinen Tapisserien, deren Ausführung nach Maillols Entwürfen mit selbstgefärbter Wolle durch Stickerinnen in einer Werkstatt in Banulys erfolgt, als auch mit Zinkographien und Holzschnitten, gewinnt er erste Anerkennung. Ab 1893 stellt er im kunstgewerblich orientierten Salon der Societé Nationale des Beaux-Arts aus. 1895 zieht Maillol endgültig nach Paris.

Über die Freundschaft mit dem Maler Georges-Daniel de Monfreid erhält Maillol erste Kontakte zu Paul Gauguin und lernt nachfolgend 1895 die Künstlergruppe der Nabis kennen. Wohl um 1895 beginnt er auch mit kleineren plastischen Arbeiten und Holzreliefs, die er schon 1896 im Salon ausstellen kann. Bald konzentriert sich Maillol auf die Gestaltung kleinformatiger Tanagra-Figuren, die die Aufmerksamkeit der symbolistischen Kunstkritik auf sich ziehen (Deux femmes assises, Femme vêtue, marchant ou La Parisienne, 1895/96). Dazu trägt vor allem 1902 seine erste Ausstellung in der Galerie des Kunsthändlers Ambroise Vollard bei, in der er Keramiken (Léda, ca. 1900) und Holzskulpturen (Jeune fille debout, 1899) zeigt. Unterstützt durch Kunstkritiker wie Maurice Denis, André Gide und Octave Mirbeau in Paris, aber auch bald bekannt bei deutschen Kunstförderern und -kritikern wie Julius Meier-Graefe, Harry Graf Kessler und Karl Ernst Osthaus wird Maillol bald zur Hoffnung für eine Intellektuellengruppe, die in seinem Werk neue, empathische Züge entdeckt und in ihm eine Gegenfigur zum expressionistischen Duktus Auguste Rodins findet. Darüberhinaus wird Maillols Nähe zum Werk Paul Gauguins zum Eingangstor für seine Stilisierung zum »klassischen Primitiven«. Im Auftrag Kesslers entsteht Maillols erste Monumentalskulptur, die Femme, die er 1905 im Herbstsalon ausstellt. Die auf dem Boden kauernde Nackte entwickelt mit den Mitteln introvertierter Psychologisierung, dem Regelmaß der Körpergliederung und der massiven Präsenz ihres schweren Leibes allegorische Lesarten des »Primitiven«, die Maillols kommende Karriere begleiten werden. Sein Bekanntheitsgrad lässt sich bereits an den frühen musealen Ankäufen bemessen, die zu dieser Zeit erfolgen, u.a. 1904 vom Folkwangmuseum Hagen, 1905/6 von der Nationalgalerie Berlin, 1906/10 von der Kunsthalle Bremen, 1907 von der Ny Carlserg Glyptotek Kopenhagen.

Mit der vielbeachteten Action enchaînée (1908) entsteht eine für Maillol ungewöhnlich expressive weibliche Allegorie im Auftrag der französischen Menschenrechtsliga, der u.a. auch Georges Clemenceau angehört. Die üppige, schreitende Figur, die u.a. Konnotationen einer Afrika-Allegorie aufweist, löst die überkommenen Traditionen der Staatsallegorie ab, verkörpert nun die kolonial geprägte französische Kulturidentität. Weitere Auftragsarbeiten folgen (Le Désir 1907;Le cycliste 1909; Pomona 1910).

Ab 1907 arbeitet Maillol an Entwürfen für ein Cézanne-Denkmal, das 1912 auch mit einer überlebensgroßen weiblichen Liegenden realisiert wird, und mit dem eine Gruppe von Landschaftsallegorien initiiert wird, die sich nach dem Ersten Weltkrieg fortsetzt. Gleichzeitig gestaltet Maillol im Auftrag Graf Kesslers für die Weimarer Cranach-Presse Holzschnitt-Illustrationen, u.a. die Bildfolgen zu Vergils Eklogen und Georgica sowie Ovids Ars amandi (1914 — 26).

Nach dem Ersten Weltkrieg erhält der Künstler eine Reihe öffentlicher Aufträge für Kriegsdenkmäler in Südfrankreich, so 1922 in Céret, 1923 in Port-Vendres, 1925 in Elne und 1933 in Banyuls, für die er auf die Modelle seiner weiblichen Allegorien Femme, Pomona und das Cézanne-Denkmal zurückgreift. Maillols weibliche Figuren können nun als Landschaftsallegorien verstanden werden, die das Interesse der zeitgleichen französischen Geschichtsschreibung am Regionalen und an folkloristischen Traditionen aufgreifen. 1923 erhält Maillol den Staatsauftrag für eine Marmorversion der Femme, die nun in Méditerranée umbenannt wird. Er gilt als wichtigster Vertreter figuraler Skulptur, der im Gegensatz zu den kubistischen Bildhauern die allegorische Figurentradition für ein modernes Staatsverständnis nutzbar macht.

1930 unternimmt Maillol gemeinsam mit Kessler eine Reise nach Deutschland, trifft hier u.a. auf Carl Einstein und Ernst Barlach. Die Weltausstellung in Paris im Jahr 1937 wird auch zum Höhepunkt von Maillols bildhauerischer Anerkennung. Er ist mehrfach dort präsent, u.a. mit einer umfassenden Einzelausstellung bei der groß angelegten Schau »Les maîtres de l’art indépendant« und erhält den Auftrag für seine Montagne (1937), die allerdings erst verspätet vollendet und daher nachträglich aufgestellt wird. In den Folgejahren entwickelt Maillol die Thematik der Landschaftsallegorie weiter und gelangt zu außergewöhnlichen Lösungen, in denen die Interaktion von Figur und imaginierter Naturgewalt vorgeführt wird (L’Air, 1939, La Rivière, 1939).
Als arrivierter Staatskünstler, dem bereits zeitlebens bedeutsame monographische Studien gewidmet werden, verbleibt Maillol während des Vichy-Regimes in hohem Ansehen, wozu auch seine Freundschaft mit Arno Breker beiträgt. 1942 erhält er zur Eröffnung des Musée National de l’Art Moderne eine große Einzelausstellung.

Maillol stirbt 1944. Sein ehemaliges Modell Dina Vierny, seine Erbin und Nachlassverwalterin, stiftet 1965 dem französischen Staat 18 Monumentalskulpturen des Künstlers, die seit 1964 im Jardin des Tuilieries präsentiert werden. Diesem ersten »Freilichtmuseum« Maillolscher Arbeiten folgt 1995 die Eröffnung des Musée Maillol, ebenfalls durch Dina Vierny, in Paris.

Maillols Arbeiten, die bereits zu Lebzeiten in zahlreichen Ausstellungen vertreten sind (u.a. 1930 im Museum of Modern Art New York, 1933 im Kunstmuseum Basel), werden auch auf der Documenta 1955 und 1964 gezeigt. Jüngst wird das Werk des Künstlers u.a. 1996/97 im Rahmen einer umfassenden Wanderausstellung in Berlin, Lausanne, Bremen und Mannheim gezeigt. Überdies sind Maillols Skulpturen in Gruppenausstellungen u.a. in London 1990 (»On the Classical ground«) und im Kunstmuseum Basel (»Canto d’Amore«) 1996 vertreten.

Literaturauswahl:

Genge, G.: Artefakt – Fetisch – Skulptur. Aristide Maillol und die Beschreibung des Fremden in der Moderne. München, Berlin 2008

Maillol peintre: Ausst.-Kat. Fondation Dina Vierny-Musée Maillol, Paris 2001

Aristide Maillol: Ausst.-Kat. Georg-Kolbe-Museum Berlin u.a., hg. v. U. Berger u. J. Zutter, München 1996

Lorquin, B.: Maillol aux Tuileries, Paris 1991

Maillol, la Méditerranée: Ausst.-Kat. Musée d’Orsay, Paris 1986

Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum

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