Antonio Calderara

Er schafft auratische, meditativ ruhige, tiefenschichtige Lichtfelder, die immer auf die speziellen Lichtverhältnisse der italienischen Landschaft Bezug nehmen. Es gelingt Calderara, Naturbedingtes in die Abstraktion zu überführen. So entstehen seine Spazio mentale, seine geistigen Räume als Konzentrations- und Rückzugsräume für den Betrachter, der sich anschaulich in einem Kosmos von Leuchträumen wieder findet.

Antonio Calderara wird am 28. Oktober 1903 in Abbiategrasso geboren. Nach Mailand übersiedelt die Familie 1914, verbringt die Sommermonate immer in Vacciago am Lago d’Orta. Die Natur, die Atmosphäre und das Licht des Orta-Sees bestimmen lebenslang das malerische Werk von Calderara. Bereits 1923 zeigt er in einer ersten Ausstellung im Saal des Albergo Maulini in Vacciago seine Bilder. Zunächst studiert er zwar 1923 — 25 Ingenieurswissenschaften am Polytechnikum in Mailand, doch bricht er das Studium bald ab und widmet sich ganz der Malerei.

Calderara rezipiert die monumentale, majestätische und lichthelle Malerei von Piero della Francesca. Er arbeitet in diesen Jahren figürlich unter dem Eindruck der Spätimpressionisten. Für seine Still-Leben spielen die frugalen Formen und das reduzierte Kolorit von Giorgio Morandi eine wichtige Rolle. 1929 kann er an einer Gruppenausstellung in Mailand teilnehmen. 1933 und 1934 kann er dort weitere Einzelausstellungen zeigen. Aus dem Jahr 1935 ist ein stilles, schon weit formreduziertes Familienporträt auf der Terrasse des Sommerhauses am Ortasee erhalten: Ehefrau und Schwiegermutter sitzen handarbeitend an einem zentral platzierten Tisch, vor ihnen die kleine Tochter am Boden sitzend, rechts ein kleiner Hund. Vor der niedrigen Balustrade, die nach links durch ein Vasenpodest begrenzt wird, steht die Rückenfigur eines weißhaarigen Mannes, der vor der den Horizont begrenzenden Hügelformation hinunter zum Ortasee blickt. Die milde, helle und von Feuchtigkeit gesättigte Luft lässt alle Konturen dieser Komposition vibrieren.

Auf den Biennalen in Venedig 1946 und 1956 ist Calderara noch mit figürlicher Malerei vertreten. Doch hat er mittlerweile Piet Mondrian, Josef Albers, Kasimir Malewitsch als Positionen strenger, geometrischer Abstraktion rezipiert. Sicher sind ihm auch die monochromen Concetti Spaziale von Lucio Fontana bekannt. Unter diesen Einflüssen entsteht 1959 seine erste abstrakte Komposition mit tonal variierten, monochromen Kolorit. Immer wieder von der Erfassung der lokalen Lichtverhältnisse am Lago d’Orta geleitet, reduziert Calderara die bildinternen Formen auf Rechtecke und Quadrate, deren Proportionen zueinander oft den Maßverhältnissen des Goldenen Schnittes folgen. Tonal variierte, monochrome Flächen, wie z.B. Pittura-Giallo von 1963/64 – ein Bild, das vier Rechtecke auf einem querrechteckigen Holzgrund vereint – sind nun das zentrale Motiv seiner Malerei und Druckgrafiken.

Durch diese radikale formale Reduktion wird Calderaras Werk mit der Konzeptkunst in Verbindung gebracht. Und auch die Op Art, die auf subtile, durch das malerische Vorgehen erzeugte, flirrende Irritationen des Betrachterauges zielt, wird als möglicher Bezugspunkt benannt. Doch charakterisieren die Beziehungen zu beiden Strömungen das Werk von Calderara nur sehr unzureichend. Dadurch, dass er oft auf bläulich-weiß grundierten Holzplatten seine Buntfarben Schicht für Schicht lasierend aufträgt, sie auf hauchdünne Schichten wieder abschleift und erneut lasierend darüber geht, erzielt er Farblichtschichten, die durch die tonal veränderten, die Bildfläche gliedernden Rechtecke wie zu Farblichträumen werden. Calderara schafft auratische, meditativ ruhige, tiefenschichtige Lichtfelder, die immer auf die speziellen Lichtverhältnisse jener italienischen Landschaft Bezug nehmen. Vergleichbar den suggestiven Lichträumen von James Turrell oder den farbsatten, der Natur abgewonnenen Pollenräumen von Wolfgang Laib gelingt es Calderara, Naturbedingtes in die Abstraktion zu überführen. So entstehen seine Spazio mentale, seine geistigen Räume als Konzentrations- und Rückzugsräume für den Betrachter, der sich anschaulich in einem Kosmos von Leuchträumen wieder findet.

Calderara ist 1968 auf der Documenta IV in Kassel vertreten und hat im gleichen Jahr eine Einzelausstellung in der Kestner-Gesellschaft in Hannover. Sein bis dahin erarbeitetes druckgraphisches Werk geht 1972 als Stiftung in den Besitz des Kupferstichkabinetts des museums kunstpalast in Düsseldorf über. Sein Buch »Pagine« erscheint 1973. Das Atelierhaus in Vacciago am Lado d’Orta birgt heute die Collezione Calderara di arte contemporana.

Am 27. Juni 1978 stirbt Antonio Calderara in Vacciago.

Literaturauswahl

Parachini, F., Rosci, M.: Antonio Calderara. L’opera astratta: Ausst.-Kat. Museo del Pesaggi, Verbania 2007/08, o.O. 2008

Rosci, M.: Antonio Calderara. The Abstract Works, Verbania 2008

Semff, M., Strobl, A.: Antonio Calderara, München 2003

Wittboldt, A.: Figuration – Abstraktion – Konstruktion, Kiel 1998

Jochims, R.: Antonio Calderara in Briefen und Gesprächen, Kiel 1982

Calderara, A.: Pagine, München 1973

Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum

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