Anton Stankowski

Die Einheit von freier und angewandter Kunst prägt die Arbeit Stankowskis. In den 20er Jahren beschäftigt sich Stankowski mit der seriellen und programmatischen Gestaltung und entwickelt erste einheitliche Werbemittel, die im heutigen »Coporate Design« nachwirken.

Anton Stankowski wird 1906 in Gelsenkirchen geboren. Nach einer Lehre als Dekorations- und Kirchenmaler studiert er ab 1927 bei Max Burchartz an der Folkwangschule in Essen, wendet sich neben der Grafik und Typografie dort auch der Fotografie zu. Nach zweijähriger freier Mitarbeit in einer Bochumer Agentur zieht Stankowski 1929 nach Zürich, das Zentrum »Neuer Gestaltung« und »Konkreter Kunst«. Er arbeitet dort im Reklameatelier von Max Dalang, in dem er auch ein Fotostudio einrichtet. In Zürich unterhält er überdies Kontakte u.a. zu Paul Lohse und Max Bill. 1934 muss Stankowski die Schweiz verlassen und nimmt schließlich 1938 die Arbeit als selbständiger Grafiker in Stuttgart auf. 1940 wird er zum Militär eingezogen und kann erst 1948 nach Stuttgart zurückkehren, wo er zunächst als Schriftleiter, Grafiker und Fotograf für die »Stuttgarter Illustrierte« arbeitet. 1951 eröffnet er ein eigenes Grafik-Atelier und ist Teil des Stuttgarter Künstler-, Schriftsteller- und Architekten-Kreises um Willi Baumeister, Max Bense, Egon Eiermann und Mia Seeger. Stankowski unterrichtet zunächst als Gastdozent an der Hochschule für Gestaltung in Ulm und erhält 1976 vom Land Baden-Württemberg eine Professur. 1983 gründet er die gemeinnützige Stankowski-Stiftung.

Die Einheit von freier und angewandter Kunst prägt die Arbeit Stankowskis. Die frühen Entwürfe auf Papier, die seit Ende der 1920er Jahre in der Schweiz entstehen, und erkennbar von suprematistischen wie konstruktivistischen Tendenzen geprägt sind, zeigen dies. In den 20er Jahren beschäftigt sich Stankowski mit der seriellen und programmatischen Gestaltung und entwickelt erste einheitliche Werbemittel, die im heutigen »Coporate Design« nachwirken. Diagonale Bildelemente, Positiv-/Negativ-Konstellationen, perspektivische Elemente, Reihe und Serie sind neben der Collage Mittel, die Stankowski auch in seiner 1928 — 30 entstehenden Gestaltungsfibel »60 Arbeiten auf Papier« zu einer eigenen Bildsprache der Begriffsvisualisierung und Informationsvermittlung zusammenfasst. Die Ordnung der Inhalte, die unmittelbar erfassbare Information und die Balance zwischen bildlicher Harmonie und Wirkkraft ist ihm dabei besonderes Anliegen. Er entwickelt auf wenige Bildelemente reduzierte grafische Gestaltungskonzepte: Neben geometischen Formen bezieht Stankowski auch die Fotografie und eigene, mittels Perspektive und Verjüngung dynamisierte Typografien in die Grafiken, Werbeplakate oder Titelblattgestaltungen ein (Sulzer, 1933).

Die ersten Tafelbilder Stankowkis, die während der Zeit im Zürcher Werbeatelier entstehen, fußen auf jenen linearen und flächigen Bildkompositionen, auf dem Umgang mit Fläche und Perspektive, Formen und Symbolen, mit denen er zuvor im gebrauchsgrafischen Kontext umgeht. Die ersten, 1929 für die geplante Ausstellung der Zürcher Gruppe »Die Augen« entstehenden Gemälde stellen zugleich malerische Rezeptionen grafischer Techniken dar. Sie vereinigen u.a. mit transparenten Formübermalungen, architekturbezogenen Perspektiven oder deckenden Flächenkonstellationen die Strategien von Collage, Modell und Papierobjekt im Medium der Malerei (Mutter und Kind, 1929; Dreiklang, 1939; Durchbrochene Wände, 1938). Vorrangig zählt die erstmals 1960 in der Fotografie perspektivisch eingesetzte Diagonale zu den auch in der Malerei verwendeten Strategien, die gleichermaßen zur Dynamisierung der Komposition wie zu räumlichen Effekten beiträgt. Stankowski entwickelt die Schräge aus der Quadratform, die daneben ein weiteres wesentliches Element seiner Arbeit darstellt (Schräges Band, zentral angeordnet, 1960). Bis zu den optisch irritierenden Bildern der 1970er und 80er Jahre bleibt Stankowskis Interesse an einfachen, aus den gebrauchsgrafischen Prinzipien entwickelten Bildkonzepten wach.

Stankowskis grafische Entwürfe prägen in erheblichem Maß die Gebrauchs- und Werbegrafik der zweiten Häfte des 20. Jahrhunderts in Deutschland. Die »Funktionsgrafik«, die er seit den 1950er Jahren u.a. im Auftrag der Unternehmen IBM oder SEL Nachrichtentechnik, für die Stadt Berlin (Berlin-Layout, 1969), mit den Wortmarken für IDUNA oder dem Grafik Design für die Deutsche Bank u.v.a. in den 70er Jahren und auch im Bereich kultureller Veranstaltungsplakate entwickelt, stehen wiederum in engem Bezug zu den Prinzipien seiner grafisch ausgerichteten Malerei. Für Ideen, Begriffe und komplexe Funktionen, die kaum visualisierbar scheinen, findet Stankowskis Gestaltungslehre grundlegende Ausdrucksformen, ein Referenzsystem zwischen Begriff und Zeichen. Gemeinsam mit seinem Partner Karl Duschek, mit dem er in den 70er Jahren auch an architekturbezogenen Gestaltungsprojekten (Stadthaus Bonn) Orientierungs-Stelen (Stankogramme), Hinweisschildern und Leitsystemen (11. Olympischen Kongress, 1981) arbeitet, legt er 1994 die Grundlagen der Markengestaltung und komplexer visueller Informationssysteme auch in der Veröffentlichung »Visuelle Kommunikation« dar.

Im Anschluss an den Vorsitz im Ausschuss für die visuelle Gestaltung der Münchner Olympiade (1969 — 72), wendet sich Stankowski Mitte der 1970er Jahre verstärkt der Malerei zu. Er knüpft an die früheren, konstruktiv-konkreten Ansätze zu Perspektive und bildlicher Dynamik, Symmetrie und Asymmetrie, Farbe und Rhythmus an, durch die komplexe Themen, Zustände oder Formeln vermittelbar werden sollen. Die Auseinandersetzung mit malerischen Farbverläufen in den 1970ern und 80ern (Warm/ Kalt, 1982) und an reliefartigen Formobjekten (Eigenform, 1980 — 90) erweitert schließlich das große Spektrum künstlerischer Arbeit noch einmal.
Neben Grafik und Malerei entsteht ein umfangreiches fotografisches Œuvre, das heute über 40.000 Negative im Fotoarchiv umfasst. Neben experimentellen Fotos, Momentaufnahmen und dokumentarischen Bildern beinhaltet das fotografische »Bildarchiv« Fotografien von Alltagsgegenständen, Fotomontagen und schließlich »Foto-Grafiken«, in denen verschiedene künstlerische Techniken – hier mit der Typografie – erneut aufs engste verbunden sind.

Stankowski beteiligt sich bereits Ende der 1920er Jahre an Ausstellungen, so der Werkbund-Ausstellung »Film und Foto« (1929). Ausstellungen seiner grafischen, fotografischen und malerischen Arbeiten finden u.a. 1973 im Kunstgewerbemuseum Zürich, 1978 im Städtischen Museum Gelsenkirchen oder 1989 im Wilhelm-Hack-Museum, Ludwigshafen statt. Retrospektiven werden dem Werk Stankowskis 1962 im Reuchlinhaus, Pforzheim, 1986 in der Orangerie Kassel und 2006/07 anlässlich des 100. Geburtstags u.a. in der Staatsgalerie Stuttgart, dem Neuen Museum Weserburg Bremen und im Mies van der Rohe Haus Berlin gewidmet.

Anton Stankowsky stirbt 1998 in Esslingen am Neckar

Literaturauswahl

Stankowski 06: Ausst-Kat. hg. v. U. Gauss u. Stankowski-Stiftung, Ostfildern-Ruit 2006

Stankowski – Photos. Unbekannte Bilder aus den 30er Jahren: Ausst.-Kat. hg. v. d. Stankowski-Stiftung, Ostfildern-Ruit 2003

Stankowski, A.: Gucken: ein Kinderbuch, Friedberg 1998

Stankowski, A.: Konstruktion und Intuition. 40 Varianten, Stuttgart 1997

Anton Stankowski. Frei und Angewandt: 1925 — 1995: Ausst.-Kat. hg. v. St. v. Wiese, Berlin 1996

Anton Stankowski, Malerei 1927 — 1991: Ausst.-Kat. Galerie der Stadt Stuttgart, hg. v. J.-K. Schmidt, Stuttgart 1991

Stankowski, Anton: Form Finden, Stuttgart 1991

Anton Stankowski, Aspekte des Gesamtwerks, Retrospektive Anton Stankowski: Ausst.-Kat. Orangerie Kassel-Karlsaue, hg. v. V. Rattemeyer, Kassel 1986

Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014

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