Anthony Caro

»Caros Plastik enthält schmalere und breitere, massive und hohle, raumverdrängende und raumdurchlässige, gewinkelte und in sich flache, gewissermaßen statische, aber auch dynamische, jeweils sphärisch verzogene und je nach Ansicht des Beschauers konvexe und konkave Elemente. Und zwar ist das Gesetz ihrer Zuordnung möglichste Opposition« (zit. n.: M. Imdahl; N. Kunisch, Plastik, Bonn 1979, 149).

Anthony Caro wird 1924 in New Malden, Surrey geboren. Seine Schulzeit absolviert er 1937 — 42 an der Charterhouse School in Goldalming/ Surrey. Bereits in diesen Jahren lernt er den Bildhauer James Wheeler kennen und erlernt durch ihn die elementaren bildhauerischen Techniken. Bis 1944 besucht Caro das Christ’s College in Cambridge und schließt dort ein Ingenieursstudium ab. In den Kriegsjahren 1944 — 46 ist er Unteroffizier in der Royal Navy. Nach dem Krieg studiert er bis 1952 Bildhauerei an der Royal Academy of Arts in London. 1951 — 53 ist Caro Assistent von Henry Moore, durch den sich Caros Materialkenntnisse – über die klassischen Bildhauermaterialien wie Gips und Ton oder Bronze hinaus – noch einmal erweitern. Bis 1959 arbeitet er selbst an überlebensgroßen figurativen Skulpturen wie Woman in Pregnancy des Jahres 1955. Caro unterrichtet an der St. Martin’s School of Art in London von 1953 bis 1967. Seine Schüler in diesen Jahren sind u.a. Richard Long und Gilbert & George.

Den eigentlichen Impuls zur Abstraktion und zum Material Stahl und Eisen vermittelt Caro der amerikanische Kunstkritiker Clement Greenberg, der ihn auch mit dem Bildhauer David Smith (1906 — 1965) bekannt macht. Als erster amerikanischer Bildhauer hatte dieser begonnen, in der Tradition Picassos und Julio González’ mit Metallabfällen und Fundstücken zu arbeiten. Durch ein Reisestipendium für die USA im Jahr 1959/60 trifft Caro dort auch auf Künstler wie Helen Frankenthaler, Adolph Gottlieb, Motherwell und Noland. Er sieht die Dripping Paintings von Jackson Pollock im Museum of Modern Art in New York und begeistert sich dafür. Durch die gewonnenen Eindrücke führt Caro bei seiner Rückkehr aus den USA neue Techniken, wie das Oxacetylen-Schweißen in sein Werk ein und eröffnet auch an der St. Martin’s School eine Schweißklasse für die angehenden Bildhauer.

1960 entsteht Caros erste abstrakte Stahlplastik Twenty-four Hours, die mit Haushalts- und Industriefarben bemalt ist, wobei ihm seine Frau Sheila Girling, mit der er auch gemeinsame Arbeiten realisiert, assistiert. Die Farbe homogenisiert die unterschiedlichen Stahlmaterialien und erleichtert für die Anschauung die Schwere der monumentalen Eisen- und Stahlfiguration. Obwohl nun mit der Abstraktion arbeitend, ist Caro auf internationalen Ausstellungen noch vornehmlich mit seinem figürlichen Werk vertreten.

Caro lehrt 1963 vorübergehend am Bennington College in Vermont, wo er erneut Kontakt zu David Smith aufnimmt und von dessen Montagetechnik begeistert ist. Nach Smiths tödlichem Unfall 1965 lässt Caro dessen gesamtes tonnenschweres Schrottlager von Bolton Landing in Vermont nach London verschiffen und nutzt diesen Fundus lebenslang im Sinne einer Hommage an den Freund.
Durch die Anregung von Kenneth Noland entwickelt Caro nun auch serielle Arbeiten wie seine Flats, Rainfalls oder Titans. Typisch für Caros Großskulpturen sind die kommunizierenden Verbindungen geometrischer Grundformen und deren Negativformen. Kreise, Rechtecke, Trapeze sind über Stahlträger, T-Träger oder frei geschnittene Eisenbänder mit einander verschweißt. Sie erhalten so konkreten Abstand zueinander und übergreifen so, immer ohne Sockel, den Raum, der als Zwischen- und Wirkraum der Skulptur wesentlich zur Anschaulichkeit und Spannung, ja fast Bewegung der Skulptur beiträgt. Die Betrachter können sich nun immer auch in der Skulptur bewegen. So erweitert Caro die klassische Allansichtigkeit der Vollplastik um den plastischen Raum. Max Imdahls präzise Charakteristik der Skulpturen von Caro lautet: »Caros Plastik enthält schmalere und breitere, massive und hohle, raumverdrängende und raumdurchlässige, gewinkelte und in sich flache, gewissermaßen statische, aber auch dynamische, jeweils sphärisch verzogene und je nach Ansicht des Beschauers konvexe und konkave Elemente. Und zwar ist das Gesetz ihrer Zuordnung möglichste Opposition« (zit. n.: M. Imdahl; N. Kunisch, Plastik, Bonn 1979, 149).

Piece LXVIII von 1968 entstammt Caros Serie der Table Pieces oder Table Sculptures, die ab 1966 entstehen und zunächst mit römischen Ziffern betitelt werden. Zu dieser Tischskulptur äußert Imdahl an gleicher Stelle: »Das Wichtigste ist die Figuration als solche, die Überführung eines vorgefundenen und greifbaren Formenmaterials in eine kühn ausbalancierte Konstruktion. Im Rahmen der gegenstandslosen, konkreten Plastik ist Caros Piece LXVIII das Beispiel einer figurativen Kunst.« (ebd., 152).

1964 nimmt Caro an der Documenta III in Kassel teil. Sein bildhauerischer Erfolg ist da bereits international. In der Folge erweitert Caro seine Serien um die Writing Pieces 1978, er entdeckt mit Blei und Holz neue Materialien für sich und malt 1982 in New Yorker Atelier von Helen Frankenthaler erste Bilder. Im Jahr 1984 zu seinem 60. Geburtstag finden europaweit große Retrospektiven statt. Caro erarbeitet mit Architekten wie I.M. Pei und Frank Gehry neue Kunst am Bau-Projekte. Zusammen mit seiner Frau entwirft er Schmuckobjekte. Das Material Papier verarbeitet er ab 1990 zu Skulpturen. Als ersten lebenden Künstler widmet ihm 1998 die Londoner National Gallery eine Ausstellung.
Ab 2000 integriert Caro in seinen Concerto series Musik und Klang. Die Raum füllende martialische Figurengruppe The Barbarians – eine wilde, schwer bewaffnete Reitertruppe – entsteht in den Jahren 2000 — 02 als Zeitkommentar. Die Tate Britain zeigt 2005 retrospektiv Caros Schaffen seit den 1950er Jahren. 2008 wird dieChapel of Light von Anthony Caro in der Kirche St. Jean Baptiste in Bourbourg, Nordfrankreich geweiht.

Anthony Caro lebt und arbeitet in London.

Literaturauswahl

Moorhouse, P.: Anthony Caro. Sculpture towards architecture, London 1991

Wilking, K.: Caro, München 1991

Summers, J.: The Caros, a creative partnership: Sheila Girling and Anthony Caro, Portland 1996

Dempsey, A.: Sculptures Talking: Anthony Caro and Eduardo Chillida, Paris 2000

Anthony Caro: Ausst.-Kat. Tate Gallery London, hg. v. P. Moorhouse, London 2005

Blume, D.: Anthony Caro. A Catalogue Raisonné. Skulpturen von 1942 — 2005, 14 Bde., Köln u.a.O. 1981 — 2007

 

Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger

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