Anne und Patrick Poirier

Die Auseinandersetzung mit der kulturellen Prägung von Erinnerung und Geschichte bestimmt bereits ihre frühen gemeinsamen Arbeiten. Dabei folgen Anne und Patrick Poirier gerade nicht der durch Daten und Fakten abgesicherten erzählerischen Perspektive der Geschichtwissenschaften, sondern wenden sich der objektgebundenen Archäologie zu.

Sowohl Anne als auch Patrick Poirier werden 1942 geboren, Anne in Marseille, Patrick in Nantes. Nach ihrem Studium an der École Nationale des Arts Décoratifs in Paris von 1963 — 66 sind sie gemeinsam künstlerisch tätig und nehmen ein Stipendium an der Villa Medici in Rom wahr.
Die Auseinandersetzung mit der kulturellen Prägung von Erinnerung und Geschichte bestimmt bereits ihre frühen gemeinsamen Arbeiten. Dabei folgen sie gerade nicht der durch Daten und Fakten abgesicherten erzählerischen Perspektive der Geschichtwissenschaften, sondern wenden sich der objektgebundenen Archäologie zu. Deren Verfahren, aus scheinbar stummen materiellen Relikten und Überresten auf zivilisatorische Prozesse zu schließen, wird Ausgangspunkt ihrer künstlerischen Arbeit. Den Anstoß für diese ungewöhnliche künstlerische Arbeitsweise gibt im Jahr 1970 ihre gemeinsame Reise nach Kambodscha und die Besichtigung der Tempelanlagen in Angkor. Die im Verfall begriffenen und überwucherten steinernen Ruinen erblicken sie als eine kollektive Erinnerungsstätte, deren Erhalt und Dokumentation jeweils erneuerbaren imaginären Techniken verdankt ist. Doch ebenso betrachten sie den drohenden Verfall und die Zerbrechlichkeit des hier formierten Gedächtnisses als Herausforderung. Die Archäologie erscheint ihnen erstmals als eine, wenn auch zweifelhafte Form kultureller Erinnerung, deren Arbeitsweisen sie sich in der Folge mit großem Engagement zuwenden.

Mit Ostia Antica (1971 — 1972) lassen die Poiriers die antike Grabungsstätte bei Rom in der Nachformung ihrer ruinösen Überreste erneut aufleben. Neben Planzeichnungen entwickeln sie ein erneuertes Modell der nur noch in Mauerresten erfahrbaren römischen Hafenstadt, in dem persönliche Erinnerungen und Sichtweisen den objektiven Charakter üblicher archäologischer Modelle durchkreuzen. Mit Abdrücken von Hauswänden und persönlichen fiktiven Aufzeichnungen vervollständigen sie ihre parodierende Geschichts-Rekonstruktion. Das Vergangene wird in der Perspektive aktueller Gegenwart zum Sprechen gebracht und kommentiert. Die hier angewandten Mittel archäologischer Rekonstruktion, so Miniaturmodelle mit natürlichen Werkstoffen wie Tonziegeln, Holzkohle, Wasser, Erde und Stein, sowie Bild-Text-Tafeln, Beschreibungen und Fotografien, nutzen sie und verfremden deren gewohnte Wirkungen. Bald entsteht mit Domus Aurea (1975 — 77) eine ähnliche fiktive Ruinenlandschaft, in der geschwärzte und menschenleere Mauerreste die Verwüstung eines ehemals monumentalen Architekturensembles vorführen. Auch in den folgenden Installationen spielt stets die von aktuellen politischen Ereignissen geprägte Erfahrung von der Endlichkeit menschlicher Großmachtphantasien eine entscheidende Rolle.

Im Zusammenhang einer von Günter Metken kuratierten Ausstellung in Hamburg werden die Arbeiten der Poiriers 1974 erstmals mit dem Konzept der »Spurensicherung« zusammengebracht – einer künstlerischen Ausrichtung, der hier u.a. auch Jochen Gerz und Christian Boltanski zurechnet werden. Die Konstruktion interkultureller kollektiver Erinnerung aus materiellen Überresten, d.h. »Spuren«, und die Parodie wissenschaftlicher Verfahren wird als Grundüberzeugung der ausgestellten Arbeiten verstanden. Anne und Patrick Poirier entwickeln in der Folge eine Reihe weiterer Installationen, die sich in diesem Zusammenhang verstehen lassen, so Der Tempel der 100 Säulen (1980) – ein fiktives antikes Ausgrabungsmodell mit bewusst stilistisch falschen Rekonstruktionen.

Seit Beginn der 1980er Jahre berühren die Arbeiten der Poiriers zunehmend literarisch-mythologische Kontexte, operieren mit einer effektvolleren Dramaturgie, indem sie u.a. antik wirkende Stein-Fragmente verstreut in Landschaftsräumen inszenieren. Skulpturabgüsse und Marmorfragmente werden hierbei zu neuen Werkstoffen. Angelehnt an das manieristische Vorbild des Gartens von Bomarzo gestalten sie auf diese Weise den megalomanen Charakter antiker Erinnerungsstätten nach. Al Beispiele lässt sich eine Serie mit dem Titel Jupiter et les géants (1982), in der geschleuderte Blitze mit ungeschlachten Körper- und Architekturteilen interagieren, aber auch die Gestaltung einer kolossalen liegenden zerbrochenen Säule (La grande colonne noire du Suchères, 1984 — 1985) und schließlich die Arbeit De la Fragilité du pouvoir (1989 — 92) benennen.

Mit dem Projekt Mnemosyne (1990 — 91) verfolgen die Poiriers den fiktiven Nachlass eines Archäologen, der aus sorgsam bewahrtem Archivmaterial, Ausgrabungsmodellen und einer in Gehirnform konstruierten Stadt besteht. Den autobiographischen Aufzeichnungen des hier zum Leben erweckten Archäologen ist auch die ästhetische Maxime des Künstlerpaares zu entnehmen, dass Archäologie und ebenso Kunst als Konstruktionen des Imaginären und Unbewussten anzusehen seien: »Dieser Archäologe ist ein hartnäckiger Psychiater, der in Fragmenten, in Etappen mit vorsichtigem und langsamen Herantasten die Erinnerung auszugraben sucht. Er untersucht die Erde, um sie zum Sprechen zum bringen. Und sie spricht, und enthüllt in ihren Spuren, in ihren Wunden ihre ganze vergrabene Geschichte.« (zit. nach Flaig, in: Jussen 1999, 33).

Jüngere Arbeiten von Anne und Patrick Poirier wenden sich vermehrt aktuellen politischen Ereignissen und deren geschichtlicher Wirkung zu. Dabei beziehen sie aktuelle Stadtlandschaften (Danger Zone 2001) und politische Ereignisse (War Game 2002) ein. »Unsere Ruinen sind nicht nur rückwärtsgewandt, alles, was uns umgibt, kann morgen zerstört sein. Unsere Wirklichkeitsbeobachtung verschob sich also auf eine metaphorische Ebene« – so Patrick Poiriers Erklärung zu diesen Arbeiten (Poirier, in: Kunstforum International, 167/2003).

Einzelausstellungen führten Anne und Patrick Poirier bereits 1978 in das Centre Pompidou in Paris, 1984 in das Brooklyn Museum in New York. 1994 erhalten sie eine umfangreiche Ausstellung im Museum Moderner Kunst in Wien, 1999 im Getty Center, Los Angeles. Sie nehmen an der Documenta VI (1977) und ebenso an zahlreichen Biennalen teil, u.a. an der Biennale von Venedig von 1980 und 1984 sowie an der Biennale von Lyon im Jahr 2000. 2002 sind ihre Werke in der Ausstellung der Schirn Kunsthalle in Frankfurt »Das Gedächtnis der Kunst« zu sehen.

Die Künstler leben und arbeiten in Paris und Trevi.

Literaturauswahl:

Anne and Patrick Poirier, the Shadow of Gradiva: Ausst.-Kat. Getty Center Los Angeles, Los Angeles 1999

Jussen, B. (Hg.): Archäologie zwischen Imagination und Wissenschaft: Anne und Patrick Poirier, Göttingen 1999

Metken G.: Spurensicherung – Eine Revision. Texte 1977 — 1995, Dresden 1996

Anne et Patrick Poirier: Ausst.-Kat. Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, u.a., Mailand 1994

Metken, G.: Spurensicherung. Kunst als Anthropologie und Selbsterforschung. Fiktive Wissenschaft in der heutigen Kunst. Köln 1977

Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum

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