Andreas Gursky

Mit seinen seit Mitte der 1980er Jahre oft zwei bis drei Meter großen Fotografien, die Gursky seit 1992 digital bearbeitet, gibt er sich als distanzierter und präziser Chronist von Landschaften, Räumen, von Architekturen und ihren bildgebenden Strukturen aber auch Situationen zu erkennen, die sich an spezifischen Orten ereignen. Gurskys bildliche Interessen richten sich auf die Erfassung visueller Phänomene, auf die Wiedergabe von Wirklichkeit im All-Over eines Bildes.

Andreas Gursky wird 1955 in Leipzig geboren. Vater und Großvater sind Industrie- bzw. Porträtfotografen in Leipzig, die Familie unterhält später, nach der Flucht nach Westdeutschland, Studios für Werbefotografie in Essen und Düsseldorf. Gursky studiert von 1978 bis 1981 zunächst u.a. bei Michael Schmidt künstlerische Fotografie an der Gesamthochschule Essen. Anschließend wechselt er zum Abschluss seines Studiums in die legendäre Meisterklasse Bernd und Hilla Bechers an der Kunstakademie Düsseldorf. Hier entstehen zunächst unter dem Eindruck der Fotografien beider Lehrer seriell angelegte Industrieinterieurs, die den Blick von der Architektur hin zu einem stärker situativ angelegten Bild lenken.

Die vornehmlich kleinformatigeren Landschaftsfotografien am Ende und nach dem Studium (Rhein, Düsseldorf, 1985) sind, so Gursky, »übrigens völlig anders als die heutigen, sind ja mit der Mittelformatkamera gemacht und eher beiläufig und spontan beim Spazierengehen entstanden. Das ist heute ganz anders. Über bestimmte Orte und Dinge, die mir auffallen, reflektiere ich im Hinblick auf ihre Bildhaftigkeit. Ja, jedes Foto ist heute das Ergebnis eines bewussten Prozesses, der mich dazu veranlasst, einen Ort erneut aufzusuchen, um ihn zu fotografieren« (zit. n. H.-N. Jocks 1999).

Mit seinen seit Mitte der 1980er Jahre oft zwei bis drei Meter großen Fotografien, die Gursky seit 1992 digital bearbeitet, gibt er sich als distanzierter und präziser Chronist von Landschaften, Räumen, von Architekturen und ihren bildgebenden Strukturen aber auch Situationen zu erkennen, die sich an spezifischen Orten ereignen. Gurskys bildliche Interessen richten sich auf die Erfassung visueller Phänomene, auf die Wiedergabe von Wirklichkeit im All-Over eines Bildes. Dabei baut er ebenso auf einem exakten ästhetischen Konzept wie auf bestehenden Wahrnehmungskonventionen auf, verrätselt nicht, sondern porträtiert nach eigenen Angaben »konstruierend« (Rhein, 1996).

In den 1990er Jahren fotografiert Gursky Gebäude, die für globalisierte Wohn- und Arbeitszusammenhänge stehen (Hong Kong-Shanhai Bank, 1994; Montparnasse. Paris 1993). Er lenkt den Blick in seinen C-Prints auf die menschenleeren Strukturen von Produktions- und Distributionsstätten (Opel. Bochum 1994; PTT. Rotterdam, 1994) oder auf überfüllte Handelszentren (Hong Kong Stock Exchange, 1994), in denen die einzelne Figur im Ornament bildlicher Strukturen aufgeht. In der Perspektive – der Durch-, Auf-, oder Untersicht auf Ort und Geschehen – offenbart sich Gurskys auch räumlich distanzierte Haltung zum Gegenstand ebenso wie sein abstrakt-analytisches Interesse an der Erfassung der Alltagskultur – am Bild (Supernova, 1999).

In neueren Fotografien, so u.a. den Bildern landschaftlich-architektonischer Strukturen der Bahrain-Serie von 2005, mit denen Gursky offenkundig die gestische Malerei u.a. eines K.O. Goetz rezipiert, tritt bisweilen die Irritation über den Realitätsbezug der Bilder stärker in den Vordergrund. Überschreitungen lassen sich nicht nur dort ausmachen, wo Gursky die Fotografien im Namen eines gesteigerten Wirklichkeitseindrucks von »störenden Elementen« befreit (Gursky, in: Eikon, 21/22, 1997), das Spektrum der Bildquellen erweitert oder durch die Perfektion der Farb- und Formkomposition malerisch-abstrahierende Effekte hervorruft. Auch dort, wo er visuelle Erfahrung weitestgehend unbearbeitet wiedergibt, stellen sich durch die technischen Mittel der Vergrößerung, Verkleinerung, durch Format- und Motivwahl Wahrnehmungsbrüche ein (Fukuyama, 2004), die jenseits der Fotografie zu grundlegenden Fragen an das Bild leiten. Die unbetitelte Fotografie Gurskys eines jener legendären Drip Paintings von Jackson Pollock (Ohne Titel, 1998, 186 × 236 cm) lässt die Wurzeln einer Bildkonzeption erkennen, die neben der Vermittlung »eigener visueller Erfahrung« auch die Entwicklung eines ästhetischen Konzepts der Wirklichkeitsaneignung betreibt und sich dabei zwischen Realität und Abstraktion bewegt.

Gurskys Fotografien werden seit Ende der 1980er Jahre oft ausgestellt (Museum Haus Lange, 1989; Kunsthalle Zürich, 1992) und wecken in den 1990er Jahren zunehmend internationales Interesse. In jüngerer Zeit werden Gursky u.a. 2001 im Museum of Modern Art, New York, 2003 im San Francisco Museum of Modern Art, 2007 im Haus der Kunst München und im Kunstmuseum Basel umfangreiche Einzelausstellungen gewidmet.

Andreas Gursky lebt und arbeitet in Düsseldorf.

Literaturauswahl

Andreas Gursky: Ausst.-Kat. Kunstmuseum Basel, hg. v. B. Söntgen, N. Zimmer, Ostfildern-Ruit 2007

Andreas Gursky: Ausst.-Kat. Haus der Kunst München, hg. v. Thomas Weski, Köln 2007

Grosse Illusionen: Thomas Demand, Andreas Gursky, Edward Ruscha: Ausst.-Kat. Kunstmuseum Bonn, hg. v. St. Gronert, Köln 1999

Andreas Gursky, Bilder: Ausst.-Kat. Tate Gallery Liverpool, hg. v. F. Bradley, Stuttgart 1995

Andreas Gursky. Fotografien 1984 — 1993: Ausst.-Kat. Deichtorhallen Hamburg, hg. v. Z. Felix, München 1994

Andreas Gursky: Ausst.-Kat. Kunsthalle Zürich, hg. v. B. Bürgi, Köln 1992

Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014

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