Andre Thomkins

Thomkins Arbeit umfasst ein enormes Spektrum an künstlerischen Hervorbringungen, überschreitet die Gattungsgrenzen und lässt sich nur schwer gängigen Kategorisierungen zuordnen. Bilder, Sprachbilder, Objekte, Skulpturen, Bühnenbilder, Musik sind die Medien seines spielerischen Umgangs mit Bild und Sprache.

Andreì Thomkins wird 1930 in Luzern geboren. Bereits während der Schulzeit, die von zahlreichen Krankheiten unterbrochen ist, beginnt er zu zeichnen, interessiert sich für geometrische Konstruktionen. 1947 — 49 ist er Schüler der Kunstgewerbeschule Luzern, wechselt 1950 jedoch nach Paris, um die Académie de la Grande Chaumière zu besuchen. Nach seiner Heirat mit der Künstlerin Eva Schnell übersiedelt Thomkins 1952 ins nordrhein-westfälische Rheydt. Hier erfindet er die »Schwebsel«-Figur und setzt sich mit dem Surrealismus auseinander. Hier lernt auch u.a. Paul Gredinger, Peter Storrer; Diter Rot und Daniel Spoerri kennen, mit denen er auch gemeinsam arbeitet und ausstellt. 1971 lehrt Thomkins selbst für zwei Jahre Malerei und Graphik an der Kunstakademie in Düsseldorf. In dieser Zeit reist Thomkins viel, erleidet aber nun und in den kommenden Jahren immer wieder Herzattacken. 1978 übersiedelt er nach Zürich, wird im gleichen Jahr Mitglied der Berliner Akademie der Künste. 1982 erhält er ein DAAD-Stipendium in Berlin und einen Lehrauftrag an der Sommerakademie in Salzburg. 1983 zieht er nach München, wo er aufs neue schwer erkrankt.

Thomkins ironisch phantastische Grafiken, Ölgemälde und Objekte sind ebenso von seiner Auseinandersetzung mit dem Surrealismus und Dadaismus wie auch von einer engen Verbindung zur Sprache gezeichnet (Bergreiter, 1958; Ça tient le cou, 1949; Holzturm, 1959/60). Die Zusammenführung von Bild und Sprache dokumentiert sich schon zu Beginn seiner künstlerischen Arbeit in den oft lautmalerischen Bildtiteln, aber auch in eigenen Texten, Anagrammen und Palindromen, die er seit Mitte der 1950er Jahre verfasst und die u.a. in Emmett Williams »Anthology of Concrete Poetry« publiziert werden.

Thomkins Arbeit umfasst ein enormes Spektrum an künstlerischen Hervorbringungen, überschreitet die Gattungsgrenzen und lässt sich nur schwer gängigen Kategorisierungen zuordnen. Bilder, Sprachbilder, Objekte, Skulpturen, Bühnenbilder, Musik sind die Medien seines spielerischen Umgangs mit Bild und Sprache. Selbst bezeichnet er sich als »retroworter« und findet damit eine Berufsbezeichnung für seinen wiederverwertenden, spielerischen und zum Teil automatisierten Sprachumgang. Ebenso weit gespannt wie sein Œuvre ist sein Freundeskreis und das künstlerische Umfeld, in dem er sich bewegt und arbeitet, und das gleichermaßen Fluxus, Eat Art, Vertreter der Konkreten Poesie oder Objekt- und Konzeptkünstler einschließt.

Thomkins Ausgangspunkt liegt, so Karl Gerstner 1977, im Umgang mit dem Vorgefundenen, mit dem Material. Magazine, Illustrationen, die er zeichnerisch kommentiert, Collagen, Reliefmontagen und bildliche Paraphrasen zählen dazu, aber auch selbstgefundene, im Rapport entwickelte Grundstrukturen, aus denen figürliche Bilder entstehen, Klatschbilder und Fleckengebilde, die Thomkins figürlich deutet oder auch Worte, aus denen er immer wieder neue Formationen und Sprachbilder ableitet. So führen ihn hier die Verfahren der Buchstaben- und Wortverkehrung in Anagramm und Palindrom zur Entwicklung sprachbildhafter Wortformationen (handlesen, 1967) oder spielerisch-assoziativ verwendbarer und teils in Auflage hergestellter Objekte, durch die die Betrachter selbst zur kreativen Sprach- und Bildschöpfung aufgerufen sind (dogmat-mot, 1965).

Während Thomkins zahlreiche Bleistift- und Federzeichnungen sich in ihrer altmeisterlich Schraffierung oft wie surreal-ironische Bearbeitungen der gotischen, romantischen und japanischen Druckgrafik ausnehmen, entwickelt er mit den sogenannten Lackscins seit Mitte der 1950er Jahre ein neues – theoretisch behandeltes und 1962 demonstriertes – Papierabroll-Verfahren mit Lackfarbe, die auf einer Wasseroberfläche schwimmt und marmorhafte Schlieren hervorbringt (Astronauten, 1962). Es erlaubt einen nicht minder experimentellen Umgang mit dem Bildgegenstand. Auch aus diesen fluiden Farbverläufen und -strukturen leitet Thomkins figurale Elemente ab, zellenhaft-organische Strukturen, pflanzliche Formen oder Figurenensembles (Révolution, 1965).

Auch Thomkins Arbeiten der 1970er und 80er Jahre sind von der Beschäftigung mit ganz unterschiedlichen Medien und Gegenständen gezeichnet. Verwandlungen des Vorgefundenen, Doppeldeutiges, Ambivalenz und Vexierbild in Bild und Sprache sind weiterhin die Experimentierfelder des Künstlers, der sich gänzlich undogmatisch immer wieder mit neuen Materialien beschäftigt, immer wieder neue Methoden und Verfahren des Umgangs erfindet. Nun entstehen die ersten Paraphrasen nach Werken von Jacques Callot, Johann Heinrich Füssli, Arnold Böcklin u.a., aber auch Collagen aus Pappe. 1979 beteiligt sich Thomkins an Konzerten wie »Performance 79« und »Selten gehörte Musik« in München und Hamburg. In den 1980er Jahren entstehen sein Lautexperiment »Rauschgeräum« und das mit Christoph Gredinger gebaute 25 Meter lange Xylophon. Nach langer Unterbrechung wendet sich Thomkins aber auch wieder neuen Varianten der Lackskins, nun in Suppentellergröße zu (Kopf, 1982). In der nun ebenfalls wiederentdeckten Ölmalerei realisiert er erneut Rapportmuster und Labyrinth-Motive.

Am 9. November 1985 stirbt Andreì Thomkins an einem Herzanfall in Berlin.

Thomkins’ Werken werden seit den 1970er Jahre viele Museumsausstellungen gewidmet. Im Kunstmuseum Basel werden seine Arbeiten erstmalig 1971 gezeigt, 1988 stellt die Hamburger Kunsthalle seine Federzeichnungen aus. Das Kunstmuseum Liechtenstein, das auch den Nachlass des Künstlers verwaltet, widmet ihm 2003 eine Themenausstellung.

Literaturauswahl

A.T. 3D: die räumliche Welt des Andreì Thomkins: Ausst.-Kat. Kunstmuseum Liechtenstein, hg. v. Fr. Malsch, Vaduz 2003

Andreì Thomkins, Lackskins: Ausst.-Kat. Galerie Hauser & Wirth, Zürich, Köln 2003

Heusser, H.J. (Hg.): Andreì Thomkins, 1930 — 1985 – Umwege, Denkmuster, Leitfäden, Schweizer. Institut für Kunstwissenschaft, Zürich, Köln 1999

Andreì Thomkins. Menschenmöglich, Federzeichnungen 1947 — 1977. Ausst.-Kat. Hamburger Kunsthalle, Köln 1988 //www.thomkins.com

 

Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger

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