Anatol

Den Künstlernamen Anatol gibt sich der als Karl-Heinz Herzfeld Geborene selber nach einer Romanfigur von Tolstoi. Seinem Lehrer Joseph Beuys folgend, fasst er unter dem Motto »Kunst ist Arbeit – Arbeit ist Kunst« das Handeln des Menschen als kreativen Akt.

Anatol wird 1931 in Insterburg/ Ostpreußen als Karl-Heinz Herzfeld geboren. Die Familie flüchtet im Zweiten Weltkrieg vor den polnischen und sowjetischen Truppen und zieht nach Westdeutschland. Herzfeld beginnt zunächst eine Lehre als Schmied und studiert später, von 1964 bis 1972 an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf bei Joseph Beuys mit dem Schwerpunkt Bildhauerei und einige Semester bei dem Architekten Karl Wimmenauer. Dort nimmt Anatol auch an den kunsttheoretisch ausgerichteten »Ringgesprächen« um Beuys teil. Von 1979 bis 1981 hat er einen Lehrauftrag an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf. Neben seiner Tätigkeit als freier Künstler verdient er seinen Lebensunterhalt bis zu seiner Pensionierung beim Verkehrsdienst der Polizei. Seit 1998 ist Anatol Professor an der University of South Dakota in Vermillion. Den Künstlernamen Anatol gibt er sich selber nach einer Romanfigur von Tolstoi.

Seinem Lehrer Joseph Beuys folgend, fasst er unter dem Motto »Kunst ist Arbeit – Arbeit ist Kunst« das Handeln des Menschen als kreativen Akt. Die künstlerische Beziehung zu seinem Lehrer manifestiert sich auch in einer spektakulären Aktion im Jahre 1973, der Heimholung des Joseph Beuys. In einem von ihm gebauten Einbaum rudert er seinen Lehrer nach dessen Entlassung von der Düsseldorfer Kunstakademie über den Rhein bis zur Düsseldorfer Kunstakademie. 1975 gründet Anatol zusammen mit Ummo Francksen, dem Vorsitzenden des Oldenburger Kunstvereins, Don Lenzen und dem Oldenburger Bildhauer Eckart Grenzer die »Freie Akademie Oldenburg«. Einen festen Sitz erhält die Akademie nicht, vielmehr arbeiten die beteiligten Künstler im öffentlichen Raum und provozieren, der Idee von Beuys’ FIU (Free International University) nahe stehend, die Auseinandersetzung mit einer neuen Kunst. In verschiedenen Städten veranstalten die KünstlerArbeitszeiten, bei denen das Publikum immer integriert wird.

Seit 1982 Jahre lebt und arbeitet Anatol auf der Museumsinsel Hombroich, die der Düsseldorfer Immobilienhändler Karl-Heinrich Müller für seine Kunstsammlung mit einem neuen Präsentationssystem »Kunst parallel zur Natur« gründet. Auf Einladung Müllers eröffnet Anatol dort sein Haus und Atelier – das sich neben den skulpturenartigen Ausstellungspavillons europäischer und asiatischer Kunst zu dem heutigen parkähnlichen Museumsareal formiert – und arbeitet seither an seinem Gesamtkunstwerk Mensch und Plastik. Seine Skulpturen werden vor Ort im Freien erstellt und ausgestellt, stehen in engem Bezug zum Landschaftskontext des Museumsareals. So entwickelt er dort unter anderem die Kirche, eine Installation verschieden großer, im Kreis angeordneter Steine, die mit ihren eingeritzten Symbolen und Zeichen einen ebenso archaisch wie sakral wirkenden begehbaren Ort markiert. Auch das Parlament, ein Kreis aus zwölf Eisenthronen, die um einen Baum gruppiert sind, versteht sich als Markierung im bestehenden Landschaftskontext der Insel, die Kultur und Natur zusammenführt.

Anatols bevorzugte Materialien sind Eisen, Holz, Steine – Naturmaterialien und häufig auch Fundstücke, wie zum Beispiel ausrangierte Fensterläden, Scheunentore, Metallschrott und Bauschutt. Willkommene Diskussionen mit Besuchern während der Arbeitszeit auf der Museumsinsel sind für den Künstler sichtbarer Ausdruck der geforderten Aufhebung der Grenzen zwischen Kunst und Leben, zwischen Künstler und Publikum. So inszeniert Anatol auch außerhalb der Museumsinsel im Jubiläumsjahr 1989 unter dem Titel Die Französische Revolution eine zehn Tage währende Arbeitszeit vor dem Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg. In ständigem Dialog mit Passanten bearbeitet er hier drei große Granitfindlinge, die auf einer 3,8 Meter großen Stahlplatte liegen, markiert den Stein der Brüderlichkeit, den Tanz der Freiheit und den Stein der Gleichheit erneut mit Ritzzeichen.

In den Jahren 1972, 1977 und 1982 nimmt Anatol an der Documenta in Kassel teil. Besonderes Aufsehen erregt er bei der Documenta 6 (1977) mit der AktionTraumschiff Tante Olga, in der er sich auf einem überdimensionalen Polyesterobjekt in Form eines Papierschiffchens, von der Nordsee über die Weser und kleinere Kanäle bis nach Kassel ziehen lässt, um pünktlich zur Eröffnung der Ausstellung sein Ziel zu erreichen. Einzelausstellungen werden Anatols Arbeiten u.a. 1979 im Karl-Ernst-Osthaus-Museum in Hagen, 1989 im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg, 1992 im Wilhelm-Hack-Museum in Ludwigshafen gewidmet.

Anatol lebt und arbeitet auf der Museumsinsel Hombroich.

Literaturauswahl

Spuren suchen – legen – lesen, Anatol: Ausst.-Kat. Museum Bochum, hg. v. H. Brinkmann, Neuss 2001

Anatol – Lebenszeiten, Arbeitszeiten: Ausst.-Kat. Stiftung Insel Hombroich, hg. v. H. Brinkmann, Neuss 2001

Lovis-Corinth-Preis 1992 der Künstlergilde: Karl Heinz Herzfeld – Anatol: Ausst.-Kat. Museum Ostdeutsche Galerie Regensburg, Regensburg 1992

Anatol: Arbeitszeit Das Bleihaus: Ausst.-Kat. Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg 1987

Anatol, Bilder und Plastiken 1965 — 1985, Arbeitszeit: Ausst.-Kat. Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, Düsseldorf 1985

Anatol, Ergebnisse 64 — 78: Ausst.-Kat. Karl-Ernst-Osthaus-Museum, Hagen 1979

Anatol, Besuch bei Tante Olga in Dangast: Ausst.-Kat. Oldenburger Kunstverein, Oldenburg 1975

Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum

Zu Sammlung hinzufügen…

×
×
×

Liebe Besucherinnen und Besucher,

seit 2006 gibt die museumsplattform nrw einen umfassenden Einblick in die Sammlungen und Aktivitäten ausgewählter NRW-Museen – und regt damit zugleich auch ein neues Publikum zum Museumsbesuch an. Monatlich 13.000 Besucher*innen belegen das Interesse an diesem einzigartigen Instrument zum interaktiven und kommunikativen Umgang mit Kunst im Netz.

Ein intensiv gepflegter und konstant ausgebauter Newsbereich mit Hinweisen zu Ausstellungen und Veranstaltungen oder Features aus der Kunstszene NRWs gehört ebenfalls dazu. 2013 erhielt die bereits seit zehn Jahren aktive Online-Plattform den bedeutenden Grimme Online Award.

Für den Ausbau dieses Online-Angebots sind wir auf den dauerhaften Beteiligungswillen der Museen angewiesen. Auch wenn die aktive Ausgestaltung derzeit nicht erfolgen kann, laden wir Sie doch herzlich ein, unser breites Angebot zum interaktiven und kreativen Umgang mit der Bildenden Kunst und ihren vielfältigen Formen medialer Vermittlung spielerisch zu erkunden.

Ihr NRW KULTURsekretariat