Alberto Giacometti

In der Beschäftigung mit der Zeichnung und Malerei gelangt Giacometti zu seiner charakteristischen Figurenauffassung der gelängten Proportionen, in der er die größtmögliche Ähnlichkeit zu seiner Vorstellung von der menschlichen Figur verwirklicht sieht. Räumliche Distanzierung und silhouettenartiger Charakter zeichnen die entstehenden Figuren aus, die stets im Kräftefeld eines konstruierten Binnenraumes agieren.

Alberto Giacometti wird 1901 in Borgonovo/Schweiz geboren. 1919 nimmt er das Studium an der École des Beaux-Arts in Genf auf. Nach seiner Übersiedelung nach Paris schreibt er sich jedoch 1922 – ähnlich wie die befreundete Bildhauerin Germaine Richier – an der Académie de la Grande Chaumière bei Émile-Antoine Bourdelle ein. Die akademische Ausbildung beeinflusst bereits früh sein Interesse an der Gestaltung figuraler Erscheinung und körperlicher Ähnlichkeit.

Auf Giacomettis Auseinandersetzung mit dem Kubismus und außereuropäischen Kunstwerken (Femme-cuillère, 1926/27) folgt seine Annäherung an surrealistische Körper- und Geschlechtskonzeptionen, denen er sich 1929 — 34 – animiert durch die Bekanntschaft mit André Breton, André Masson und Georges Bataille – zuwendet. Er gestaltet körperhafte Objekte, deren kinetisches Potential Ausdruck aggressiver sexueller Phantasien wird (Homme et femme 1928/29, Boule suspendue 1930). Bald wendet er sich jedoch erneut figürlichen Vorbildern zu, wobei ihm vor allem sein Bruder Diego als Modell zur Verfügung steht. Die Frage des Größenmaßes der menschlichen Figur weckt sein besonderes Interesse. Er gelangt zu unkonventionellen Lösungen, zunächst im kleinen Format (Petit buste sur double socle, 1940/41), die seinen Wunsch nach Reduktion der Körperdarstellung auf wesenhafte Seinszustände fassen. 1942 — 45 verbringt Giacometti in Genf und kehrt erst 1945 wieder nach Paris zurück.

In der Beschäftigung mit der Zeichnung und Malerei gelangt Giacometti zu seiner charakteristischen Figurenauffassung der gelängten Proportionen, in der er die größtmögliche Ähnlichkeit zu seiner Vorstellung von der menschlichen Figur verwirklicht sieht. Räumliche Distanzierung und silhouettenartiger Charakter zeichnen die nun entstehenden Figuren aus, die stets im Kräftefeld eines konstruierten Binnenraumes agieren (Femme debout, 1948; Trois hommes qui marchent, 1948). Blicke, Haltungen, Bewegungen werden zu reduzierten und intensiven Formen transitorischen Körper-Ausdrucks. Selbst die Konkretion des Körperumrisses wandelt er zu räumlichen Bezugsgröße, indem er die Oberfläche seiner Bronzeskulpturen zerklüftet und aufrauht.

Aus der Einschränkung seines Werkes auf wenige Themen figuraler Plastik, vornehmlich Büsten, schreitende männliche und frontal stehende weibliche Figuren, die jeweils in Gruppen oder Gehäusen räumlich inszeniert werden, bezieht Giacometti vielfältige existenzielle Ausdrucksvariationen. Es gelingt ihm, die körperliche Präsenz sozialer Interaktion, psychischer Vereinzelung und traumhafter Abwesenheit wahrnehmbar zu machen. Dabei arbeitet er mit subtilsten Mitteln und entwickelt ein eigenes Zeichenrepertoire. In diesem Zeitraum macht er auch Bekanntschaft mit Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir.

Ab den 50er Jahren bemalt Giacometti auch einzelne seiner Bronzefiguren, während er sich gleichzeitig erneut der Malerei zuwendet. Hier erprobt er in ständig neuen Herngehensweisen die Gestaltung des Porträts und der Büste, deren räumliches Bezugssystem er in ähnlicher Weise wie in den plastischen Arbeiten anlegt (Grand Tête noir, 1961; Portrait d’Annette à la blouse jaune, 1964). Sein Werk wird seit 1955 in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen in New York, Bern, Paris, Zürich u.v.a. präsentiert. Im Jahr 1965 wird die Giacometti-Stiftung im Kunsthaus Zürich gegründet.

Alberto Giacometti stirbt 1966 in Chur.

Literaturauswahl

Wilson, Laurie: Alberto Giacometti, Myth, Magic and the Man, New Haven u.a. 2003

Die neuen Räume. Alberto Giacometti im Kunsthaus Zürich: Ausst.-Kat. hg. von der Zürcher Kunstgesellschaft, Zürich 2002

Alberto Giacometti. Porträts: Ausst.-Kat. Museum Kurhaus Kleve, hg. v. Martin Faass und Frauke Mankartz, Kleve 2001

Alberto Giacometti. Werke und Schriften: Ausst.-Kat. Schirn Kunsthalle Frankfurt, hg. v. Christoph Vitali, Zürich 1998

Alberto Giacometti: Ausst.-Kat. Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung, mit Beiträgen von R. Koella, W. Schmied und J.-L. Prat, München 1997

Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Foto: Tobias Roch, Hagen

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