Albert Renger-Patzsch

Als fotografischer Autodidakt arbeitet Renger-Patzsch auf allen Ebenen sehr präzise. Die Ausleuchtung oder die natürliche Beleuchtung, die Schärfe der Objektstruktur, die Belichtungsdauer, die Plattenkameraeinstellung und den Entwicklungs- und Abzugprozess steuert Renger-Patzsch zugunsten seines Anspruchs höchster Realitätswiedergabe.

Albert Renger-Patzsch wird am 22. Juni 1897 als dritter und jüngster Sohn von Ernst Karl Robert Renger-Patzsch geboren, der in Würzburg seit 1895 eine Musikalien- und Kunsthandlung führt und begeisterter Amateurlichtbildner ist. 1899 übersiedelt die Familie zunächst nach Dresden, dann nach Sondershausen in Thüringen und zur Gymnasialzeit von Albert erneut nach Dresden. Mit 12 Jahren wird Albert durch den Vater mit der Plattenkamera, Belichtungs- und Entwicklungsprozessen vertraut gemacht. 1916 macht er Abitur, bei Kriegsausbruch werden Albert und seine Brüder eingezogen. Wegen seiner photochemischen Kenntnisse kommt Albert Renger-Patzsch bald als Chemiehelfer in eine Versorgungstruppe. Entgegen seiner beiden Brüder und seines Vaters, der 1918 den Freitod wählt, überlebt er den Krieg.

Renger-Patzsch beginnt 1919 an der TU Dresden ein Chemiestudium legt es aber bereits 1921 wieder nieder. Inzwischen hat er Waldemar Osthaus, den jüngsten Sohn von Karl Ernst Osthaus (1874 — 1921) kennen gelernt. Durch diesen Kontakt kann Renger-Patzsch die Leitung des Folkwang-Archivs und des Auriga-Verlages in Hagen übernehmen. 1923 arbeitet er als Fotograf an der Buchserie »Die Welt der Pflanze« mit, in der die wissenschaftlichen Illustrationen durch »objektive« Fotografien ersetzt werden sollen. Hier liegt der Grundstein für Renger-Patzschs lebenslange Auseinandersetzung mit der Abbildlichkeit der Fotografie. Im gleichen Jahr lässt er sich als freier Pressefotograf in Berlin nieder und heiratet Agnes von Braunschweig.

Als fotografischer Autodidakt arbeitet Renger-Patzsch auf allen Ebenen sehr präzise. Die Ausleuchtung oder die natürliche Beleuchtung, die Schärfe der Objektstruktur, die Belichtungsdauer, die Plattenkameraeinstellung und den Entwicklungs- und Abzugprozess steuert Renger-Patzsch zugunsten seines Anspruchs höchster Realitätswiedergabe. Dass damit natürliche Strukturen und Objekte eine eigene Dimension des Mimetischen erhalten, nimmt Renger-Patzsch in Kauf bzw. sucht es gerade zu, was ihm später eine Zuweisung zum Stilbegriff der Neuen Sachlichkeit einträgt.

1925 als Mitglied des Deutschen Werkbundes lässt er sich als freier Fotograf in Bad Harzburg nieder. Zugleich erscheint sein erster Fotoband »Das Chorgestühl von Cappenberg«. Er stellt seine Aufnahmen im eigenen Atelier aus und verkauft Bilder zu enormen Summen. Seine zweite Ausstellung findet im Folkwang-Archiv in Hagen statt. Durch die Vermittlung des Kunsthistorikers und späteren Leiters der Hamburger Kunsthalle, Carl Georg Heise (1890 — 1979) kann Renger-Patzsch seine Fotos auch in Lübeck zeigen. Inzwischen in Essen ansässig, beginnt er ab 1927 konsequent das Ruhrgebiet zu fotografieren, dokumentiert alle Facetten einer durch Tagebau und Schwerindustrie zersiedelten Flusslandschaft entlang des Rheins. Später interessieren ihn auch landschaftliche Idyllen an Ruhr und Möhne.

Für die Familie des Kunst- und Kulturwissenschaftlers Aby Warburg (1866 — 1929) fotografiert Renger-Patzsch vor 1928 den Park der Villa am Kösterberg in Hamburg-Blankenese. Sechszig Silbergelatineabzüge dokumentieren die prominente, großbürgerliche Lage der Villa Warburg. Renger-Patzschs Publikation »Die Welt ist schön«, die 1928 im Kurt Wolff-Verlag in München erscheint, enthält einige dieser Warburg-Aufnahmen. Das Vorwort des Fotobandes schreibt Carl Georg Heise. Seit 1921 pflegt Renger-Patzsch den Kontakt zu Architekten wie Rudolf Schwarz, dessen Aachener Bauten er dokumentiert oder Fritz Schupp, dessen Industriearchitektur er fotografiert. An Literatur interessiert, steht Renger-Patzsch auch in Kontakt zu Hermann Hesse, Ricarda Huch und Elisabeth Treskow, nach dem II. Weltkrieg treten Heinrich Böll und Ernst Jünger hinzu.

Obwohl er in intellektuelles Leben und Kunstszene eingebunden ist, verfolgt Renger-Patzsch mit seiner Fotografie lebenslang weniger künstlerische, denn vielmehr fotodokumentarische Interessen, die sich vielfach auf industrielle Fertigungsstätten und Anlagen beziehen. Aufträge aus der Industrie sind die Folge: Für Schubert & Salzer bildet er deren Spinnereimaschinen als Abenteuer der Moderne ab. Für die Jenaer Glaswerke Schott arbeitet er sowohl vor wie nach dem Krieg, dann in Mainz. Kaffee Hag in Bremen, Pelikan und seit 1938 Boehringer in Ingelheim beauftragen Renger-Patzsch mit Produkt-, Werbe- und Industrie-Fotografie.

1933/34 lehrt Renger-Patzsch »bildmäßige Fotografie« an der Folkwang Schule in Essen. Sein analytischer Blick, seine Sehpräzision, die Objektivierung des Kameraeinsatzes und die inhaltlich gleichrangige Gewichtung von Technik/ Industrie und Natur führen ihn zu einer spezifischen Bildästhetik, die sich durch Klarheit auszeichnet und die in ihrer Egalitätsstruktur stilbildend für eine jüngere Fotografengeneration. Renger-Patzschs künstlerisches Zentrum ist zugleich das Gesetz der Serie, wie die Themen seiner Fotobände zeigen: Wegweisungen der Technik, 1928, Norddeutsche Backsteindome, 1940, Bäume, 1962 und Gestein von 1966 zeigen die Bedeutung seiner systematisch formbezogenen Serien für nachfolgende Fotografen, wie beispielsweise Bernd und Hilla Becher. Für die beiden Bände Bäumeund Gestein schreibt Ernst Jünger, dessen lebenslanges Interesse für Natur und Petrifakte dem von Renger-Patzsch nicht unähnlich ist, jeweils ein Essay.

Nach dem II. Weltkrieg, in dem 1944 durch einen Luftangriff auf Essen Renger-Patzschs gesamtes Negativarchiv vernichtet wird, wendet der Fotograf sich vornehmlich dem Thema der Natur und Landschaft zu. Er behält jedoch seinen formbezogenen Ansatz bei und deckt auch in diesen Bildern naturräumliche Symmetrien und naturgegebene Achsialitäten auf. Diese Betonung des Strukturellen, Rhythmisierten verleiht Renger-Patzschs Fotografien einen hohen Abstraktionsgrad. Gesellschaftlich arriviert und mäzenatisch von Dr. Ernst Boehringer unterstützt, lebt Renger-Patzsch seit Kriegsende in Wamel am Möhnsee bei Soest. Renger-Patzsch wird mehrfach ausgezeichnet, 1965 erhält er den Staatspreis für Kunsthandwerk des Landes Nordrhein-Westfalen in der Sparte Papier.

1967 stirbt Renger-Patzsch in Wamel am Möhnsee.

Literaturauswahl

Schöning, M. (Hg).: Ernst Jünger und Albert Renger-Patzsch: Briefwechsel 1943 — 1966 und weitere Dokumente, München 2009

Albert Renger-Patzsch zum 111. Geburtstag: Pflanzen, Dinge, Ruhrgebiet: Ausst.-Kat. Städtische Galerie am Abdinghof, hg. v. J. Wilde, Paderborn 2008

Schwarz, M; Wilde, A. u. J. (Hg.): Albert Renger-Partzsch »Wegweisung der Technik«. Faksimile Neuausgabe, Renger-Patzsch-Archiv, Köln 2008

Starling, S. (Hg.): Nachbau: Museum Folkwang Essen, Göttingen 2007

Breitfeld, O. (Hg.): 60 Fotos für die Warburgs, Hamburg 2005

Albert Renger-Patzsch zum 100. Geburtstag. Frühe Fotografie: Ausst.-Kat. Städtische Galerie Würzburg, Renger-Patzsch-Archiv, hg. v. B. Reese, Köln 1997

Albert Renger-Patzsch. Das Spätwerk. Bäume. Landschaften. Gestein: Ausst.-Kat. Kunstmuseum Bonn, Ostfildern-Ruit 1993

Wilde, J. (Hg.): Albert Renger-Patzsch, Ruhrgebiet-Landschaften 1927 — 1935, Köln 1982

Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum

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