Alan Sonfist

Strukturen, die mikrooganismische Lebewesen auf Leinwänden hinterlassen, sich verdichtende Schleimspuren lebendiger Schnecken oder auch die linearen Wanderwege von Waldameisen, die als ästhetische Mustergebilde erscheinen. Sonfists Arbeiten zählen zu den frühen ökologisch motivierten Gestaltungen, die auf historische und ästhetische Aspekte einer Natur jenseits kultureller Einwirkung abzielen.

Alan Sonfist wird 1946 in New York geboren und beginnt dort 1963 sein Studium an der Art Students League. Im folgenden Jahr wechselt er an die Western Illinois University und kehrt 1965 nach New York zurück, wo er sich am Pratt Institut einschreibt. Seinen Abschluss macht er schließlich 1969 am Hunter College New York.

Sonfists Arbeiten zählen zu den frühen ökologisch motivierten Gestaltungen, die auf historische und ästhetische Aspekte einer Natur jenseits kultureller Einwirkung abzielen. Er nutzt für seine ersten behutsamen Eingriffe in das natürliche Ökosystem, das auf diese Weise sprechend gemacht wird, vorgefundenes Gestein, vegetabiles Material und Erdreich, das er u.a. in Fotoserien, Bildern, Bronzeabgüssen und Collagen verwendet. In photographisch festgehaltenen Aktionen sucht er sich tierhafter Wahrnehmung anzunähern (Myself Becoming One with the Tree 1969; Territorial Gorilla Invasion 1972 — 73).

Bald wendet Sonfist sich biologischen Experimenten zu, an denen ihn vor allem zyklische Naturvorgänge und morphologische Strukturen reizen und die ihm Erkenntisse über Entwicklung und Geschichte der Natur vermitteln: Strukturen, die mikrooganismische Lebewesen auf Leinwänden hinterlassen, sich verdichtende Schleimspuren lebendiger Schnecken oder auch die linearen Wanderwege von Waldameisen, die als ästhetische Mustergebilde erscheinen (Snail Enclosure 1972; Colony of Army Ants, 1972). Der systemische Charakter der Natur gewinnt für Sonfists Arbeit auch als Kommunikations- und Entschlüsselungsvorgabe, als Veranschaulichungsmöglichkeit unsichtbarer Gesetze und Regulierungsmechanismen besondere Bedeutung. Ähnliche Experimente verfolgt er mit kristallinen Strukturen und ihren Formen der Selbstregulierung in der Arbeit Crystal Globe (1966).

Der naheliegende Wunsch, etablierte Ausstellungs-Orte und Kunstbegriffe zu umgehen, führt bei Sonfist zur Neu-Entdeckung des Kunstraumes von Natur und Landschaft. Zur gleichen Zeit entstehen auch Hans Haackes und Robert Smithsons ungleich monumentalere Formen der Land Art. Doch sieht Sonfist vor allem den kommunikativen und historischen Charakter von Landschaft und Landschaftsformation im Kontext eines Ökosystems. In den folgenden Jahren beschäftigen Sonfist insbesondere jene natürlichen Phänomene und Formgebungen, aus denen sich Zeitlichkeit und Historizität ableiten lässt. Sonfist interessiert die »Isoliertheit einer visuellen Wahrnehmung zu einem bestimmten Augenblick. So dass ein jedes visuelles Bild als ein einzelner Ausschnitt aus einem umfassenden Prozess gesehen werden muss. Jede beliebige Form muss als das Wesentliche in einem Kontinuum gesehen werden, das von anderen, möglicherweise visuell abwesenden Faktoren geformt wird. Landschaften stellen die Zerstückelung eines Kontinuums dar.« (Sonfist 1972). Aus diesem historischen Interesse heraus ist auch Sonfists neuer Denkmalsbegriff zu verstehen, den er als Erinnerungsform nicht allein menschlicher Ereignisgeschichte, sondern vordringlich als Speicherform natürlicher Prozesse bezeichnet, die wesentlich – wenn auch oft unsichtbar – die Geschichte eines Ortes mitbestimmen. Das Repertoire seiner »Denkmale« dehnt sich dementsprechend weit aus und reicht bis zu öffentlichen Monumenten der Naturgeschichte, Geologie und Biologie. Sein Rock Monument in Buffalo (1978) zeigt eine Installation aus Felsgestein, das der Künstler vor Ort gesammelt hat und dessen Anordnung er als Darstellung der regionalen geologischen Geschichte versteht. Diese ortsspezifische historische Verankerung seiner Arbeiten muss als besonderes Merkmal gelten.

Die geschichtsorientierten Aspekte seiner Arbeiten werden deutlich an Sonfists Projekt Time Landscape erkennbar, das in New York zum Teil auf dem Areal des Metropolitain Museum of Modern Art entsteht (1965 — 78). Dort wachsen in drei Entwicklungsstufen geordnet zeitgleich Pflanzen eines vorkolonialen Waldes in die Höhe. Scheinbar ungehindert von Einwirkungen der Zivilisation gedeihen Bäume, Büsche und wilde Blumen und bilden im Rahmen städtischer Bebauung eine »lebendige« Erinnerungskultur aus, die das historische Gedächtnis stimulieren soll.

Die Planung und Durchführung von Sonfists Projekten ist zeitraubend und aufwändig. Sie erfordern die Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern, Politikern und die Beachtung ökologischer Richtlinien, meist sind sie auf Jahre hin angelegt. Aufträge der letzten Jahre konzentrieren sich immer wieder auf neue »Zeit-Landschaften«, die mittels natürlicher Wachstumsprozesse das Bewusstsein für Phänomene historischer Dauer und Kontinuität schärfen sollen. Hierzu gehört auch Sonfists Projekt-Vorschlag für eine Reihe von Parklandschaften im Norden von Paris Natural/Cultural History of Paris: A Narrative Environmental Landscape (1999). Hier rekonstruiert er eine topographische Landschaft französischer Schlösser und Kathedralen, deren Grundrisse er als Vorlage von Bepflanzungsflächen nutzt, die eine im Mittelalter vorherrschende Vegetation enthalten. Ähnliche Verbindungen von Kultur- und Naturgeschichte verwirklicht Sonfist in Projekten der folgenden Jahre (Natural / Cultural Landscape of Jersey City 1994; Natural/Cultural Landscape of Aachen, 1999; The Lost Falcon of Westphalia, Bad Berleburg 2005).

Alan Sonfist lebt und arbeitet in New York.

Literaturauswahl

Nature the End of Art. Environmental Landscapes. Alan Sonfist: Ausst.-Kat. mit Texten von W. Becker, Florenz 2004

Paris – La Défense. L’ art contemporain et l’axe historique. Magdalena Abakanowicz, Piotr Kowalski, Jean-Pierre Raynaud, Alan Sonfist: Ausst.-Kat. hg. v. Jean-Luc Daval, Genf 1992

Sonfist, Alan (Hg.): Art in the land, a critical Anthology of Environmental Art, New York 1983

Common ground. Five Artists in the Florida Landscape. Hamish Fulton, Helen and Newton Harrison, Michael Singer, Alan Sonfist: Ausst.-Kat. The John and Mable Ringling Museum of Art Sarasota, hg. v. Michael Auping, Sarasota 1982

 

Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Foto: Tobias Roch, Hagen

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