Al Hansen

Mit seinen Mixed-Media Environments zählt er zu den Pionieren der Performance Art und des Happenings. Die Arbeit als Bühnenbildner und Schauspieler, die Vereinigung verschiedener Medien in Aktionen und Happenings, aber auch die Entdeckung von Abfallprodukten auf den Wanderungen durch die Straßen und die Verwendung von Abfallprodukten dokumentieren Al Hansons multimediales Lebens- und Kunstverständnis.

Al (Alfred Earl) Hansen wird 1927 in New York City geboren. Während der Schulzeit wird er im Zeichnen und Malen gefördert, beteiligt sich früh an Theateraufführungen. 1945 wird er zum Militärdienst in Deutschland eingezogen und 1946 in Frankfurt/M. stationiert. Hier macht Hansen mit einer ersten, später unter dem Titel Piano Drop weiter entwickelten Aktion von sich reden, in dem er ein Klavier aus einem ausgebombten fünfstöckigen Gebäude wirft. 1948 zurück in den USA, zieht Hansen in die New Yorker Bowery und nimmt zunächst das Studium an der Hans Hoffmann School auf. Daneben arbeitet er als Bühnenbildner, experimentiert mit Ton, Geräusch und Sprache. 1949 setzt er sein Studium an der Art Students League fort und wendet sich in der Zeichenklasse John Groths überwiegend traditionellen künstlerischen Gestaltungsformen zu. Finanzielle Schwierigkeiten führen ihn 1951 in die Armee zurück, wobei er seine künstlerischen Interessen, zunächst orientiert an Braques Kubismus weiter verfolgt. 1955 zurück in New York, arbeitet Hansen als Grafiker und Illustrator. Auf der Suche nach neuen künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten schreibt er sich zunächst für den Bereich Grafik am Pratt Institute ein, wechselt jedoch schließlich in die Pädagogik. Daneben bleiben Theater, Film und eigene literarische Entwürfe seine Interessensschwerpunkte, die den musikalisch unausgebildeten Hansen 1958 zum Studium an der legendären New School For Social Research führen, an der er bei John Cage experimentelle Musik studiert. Hier werden veränderte Ausdruckformen, Intuition und Zufall zu wichtigen Gestaltungselementen für Hansen, hier kommt er auch in Kontakt zu Künstlern, die wie Jackson MacLow, La Monte Young, George Brecht, Dick Higgins oder Allan Kaprow in den 1960er Jahren gemeinsam entscheidend die internationale Fluxus-Bewegung prägen. Immer wieder arbeitet Hansen Ende der 1950er in künstlerischen Sozialprojekten, ab 1967 unterrichtet er an der Rutgers University in New Jersey, 1970 an der Parsons School of Design. 1980 ist er Artist in Residence an der Munch-Stiftung in Oslo, lehrt 1988 an der Hochschule fur Bildende Kunst in Hamburg.

Mit seinen Mixed-Media Environments zählt Hansen zu den Pionieren der Performance Art und des Happenings, der von der experimentellen Arbeitsweise John Cages geprägt ist: »Zum Experiment gehört, dass man bestimmte Arbeitsschriftte festlegt und ausführt, ohne vorher zu wissen, wohin sie führen werden oder wie das Ergebnis ausfallen wird. In meinen Happenings gibt es grob skizzierte Anleitungen für die Performer, aber ich nehme keinen Einfluss auf die Ausführung. Das Produkt ist dann was auch immer passiert – eben das Happening. Ich bereite also nur ein Skelett vor und lade dann Leute ein, um Fleisch daran zu hängen und zu sehen, wie das Tier am Ende wohl aussieht.« (Hansen in: Ausst.-Kat. Introspective,1994). Mit dem 1958 noch an der New School For Social Research konzipiertem Stück Alice Denham, das Hansen kurz darauf neben Cages und Higgins Stücken in der Kaufmann Concert Hall zeigt, beginnt seine Auseinandersetzung mit dem multimedialen Happening. Events im Rahmen der mit Higgins, Brecht und McLow gegründeten »New York Audiovisual Group«, bei denen Hansen auch überblendete Diaprojektionen, die Multi Films zeigt, folgen. Weiterhin arbeitet Hansen auch z.B. im Living Theatre an Theaterprojekten, übernimmt Bühnenbild oder Schauspielrollen. Zunehmend entwickeln sich seine künstlerischen Arbeiten Ende der 1950er Jahre von plastisch-geometrischen Arbeiten auf Leinwand hin zu Assemblage und Collage – Techniken, die wie z.B. das kinetische Objekt Hep Amazone (1959) im engeren Zusammenhang mit den Aktionen stehen. Bald stehen Hansens Happenings gleichsam für den Neuaufbruch der Kunstszene, für die Unvorhersehbarkeit und Provokation einer Bewegung, die sich ebenso von traditionellen Gattungsgrenzen wie von Geniebegriff und etabliertem Kunstbetrieb befreien will.

Der experimentelle Umgang mit den Materialien der Kunst führt Hansen ab Mitte der 50er ebenso zu sprachorientierten wie zum Teil an der Pop Art ausgerichteten Collagen (Hi-Flyer #1, 1965), in denen er gefundene Text- und Materialelemente – z.B. weggeworfene Papierverpackungen der Hershey-Schokolade – zu lautmalerischen Phrasen kombiniert, wie auch zu den 3.650 bilderbuchartig zusammengestellten Collagen für jeden Tag der 1960er Jahre. Die weiterhin im Rahmen der »Monday Night Letters« oder in Hansens »Third Rail Gallery« entstehenden Happenings, so The Gunboat Panay, Oogadooga oder Poon’s Moon, führen die Fluxus-Szene, Yoko Ono, Andy Warhol, Nam June Paik, Wolf Vostell, Robert Filliou u.a. zusammen. Gemeinsam mit Charlotte Moorman arbeitet Hansen 1965 am »Festival of the Avantgarde«, nimmt 1966 am »Destruction in Art Symposion« in London teil, über das sich seine Kontakte u.a. zu Hermann Nitsch oder Günter Brus international ausweiten.

Im Anschluss an die von Harald Szeemann kuratierte Kölner Ausstellung »Happening und Fluxus« (1970), auf der Hansen Collagen, Happening-Partituren und eine Fotoserie zur Mini-Happening-Event-Performance zusammenfügt, wird er zum Pendler zwischen New York, Köln und Berlin. Hansen beteiligt sich an Happenings und Aktionen im Rhein-/ Ruhrgebiet (»Bochum meets fine arts«, 1972), bereist Italien und gründet schließlich 1975 in Newark das »Institute for Contemporary Arts« als Initiative gegen den etablierten Kunstbetrieb. Sein ausbildungsorientiertes Engagement bindet er eng an seine künstlerischen Strategien und offenen Projekte, mit denen er Alternativen entwickeln, Kunst und Kunstausbildung neu ausrichten will: Die Arbeit als Bühnenbildner und Schauspieler (von Spiel- bis Auklärungsfilm), die Vereinigung verschiedener Medien in Aktionen und Happenings, aber auch die Entdeckung von Abfallprodukten auf den Wanderungen durch die Straßen und die Verwendung von Abfallprodukten – so z.B. Zigarettenstummeln, die er in seiner in Los Angeles entstehenden Junk-Art zu Reliefs und Skulpturen formiert – dokumentieren Hansons multimediales Lebens- und Kunstverständnis.

Das Festhalten an den Happenings, »den Frauenfiguren wie die Hersheys, nur mit Zigarettenkippen« bewegt Hansen 1979 zum Aufbruch nach Europa. Über Amsterdam, mehrere Skandinavien- und eine Grönlandreise, auf der er auch Kontakte zur Kunstakademie in Nuuk Godthab herstellt, findet er schließlich ein neues Arbeitsumfeld: Nach der Fluxus-Schau »1962 Wiesbaden Fluxus« übersiedelt Hansen nach Köln und kann in der Stadt mit Fluxustradition seit den 50er Jahren schnell Fuß fassen. 1983 entsteht hier in der Stollwerck Fabrik – und in Anlehnung an seine erste Aktion 1945 in Frankfurt – der Yoko Ono Piano Drop, bei der er unter Saxophonbegleitung von Lisa Cieslik gleich mehrere Klaviere in die Tiefe stürzt. Auch während eines Stipendiums in Berlin hält Hansen an der Orientierung an Fluxus fest (Viking Dada – Berlin Neodada und Sophistofluxus, 1983) und beteiligt sich dort an neuen Fluxuskompositionen. Stadtwanderungen, Reisen, Ortswechsel und die Idee demokratischer und unhierarchischer Kunst und Ausbildung prägen auch in den 1980er und 90er Jahren seine Arbeit. 1987 gründet Hansen gemeinsam mit Lisa Cieslik in Köln die »Ultimate Akademie«, einen alternativen Kunstort in der Tradition von Fluxus.

Über eigene Aktionen und Ausstellungen u.a. der New Yorker Gallerie Reuben werden Hansens Arbeiten Ende der 50er Jahre zunächst in den USA, seit den frühen 80er Jahren v.a. in Deutschland bekannt. Seitdem werden Hansens Assemblagen, Collagen und Aktionsrelikte vielfach ausgestellt. In jüngerer Zeit geben Ausstellungen wie »Fluxus und Freunde« im Neuen Museum Weserburg in Bremen (2002), »Fluxus in Deutschland« in der Kunsthalle Fridericianum in Kassel (2003) und der National Gallery of Iceland, Reykjavik (2004) oder »Konzept. Aktion. Sprache« im MUMOK, Wien (2008) Aufschluss über Hansens Aktivitäten im Kontext von Fluxus, Happening und Objektkunst.

Al Hansen stirbt 1995 in Köln. Auf seinen Wunsch wird eine Fluxus-Beerdigung veranstaltet, an der sich befreundete Künstler beteiligen.

Literaturauswahl

Fluxus, 40 Jahre: Fluxus und die Folgen: Ausst.-Kat. hg. v. R. Block, R. Bärthel, Wiesbaden 2002

Al Hansen. An Introspective: Ausst.-Kat. Kölnisches Stadt Museum, Köln 1996

Al Hansen Œuvre/ Flashbacks: Ausst.-Kat. Kunstverein Rosenheim, Rosenheim 1995

Fluxus Virus: Ausst.-Kat. Galerie Schüppenhauer u.a., Köln 1992

Block, René (Hg.): 1962 Wiesbaden Fluxus 1982 - Eine kleine Geschichte von Fluxus in drei Teilen, Wiesbaden/ Berlin 1983

Hansen, Al: A Primer of Happenings and Time Space Art, Something Else Press, New York 1965

Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum

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