Adolf Fleischmann

Mit seinem nach dem Krieg entstandenen Spätwerk wird er international bekannt und erfolgreich. Fleischmann entwickelt eine eigene Methode der Organisation von Flächen und Farben im Bildraum, dessen Besonderheit die Kombination rationaler Ordnungssysteme mit sinnlicher Wirkung von Farbe ist.

Adolf Fleischmann wird 1892 in Esslingen geboren. Er studiert zunächst an der Königlichen Kunstgewerbeschule und später an der Kunstakademie Stuttgart u. a. bei Adolf Hölzel und Robert Poetzelberger. Fleischmann, der 1915 im ersten Weltkrieg schwer verwundet wird, verdingt sich zunächst als wissenschaftlicher Zeichner und Gestalter, bis er 1919 in München bei Karl Casper Farblehre studiert.
Seine ältesten erhaltenen Arbeiten, Holzschnitte von 1921, zeigen jedoch auch Anregungen durch Franz Marc und den deutschen Expressionismus. Von seiner Auseinandersetzung in den 1920er Jahren mit dem Kubismus übernimmt Fleischmann teilweise das Formenvokabular und die von ihm oft eingesetzte ovale Bildform. Er unterscheidet sich jedoch von dessen Vertretern dahingehend, dass er weniger den Bezug zum Gegenstand thematisiert, wie zudem eine stärker differenzierte Farbskala einsetzt.
Fleischmann entwickelt eine eigene Methode der Organisation von Flächen und Farben im Bildraum, die sich in diesen frühen Jahren zwar noch sehr von seinem Spätwerk unterscheidet, jedoch dessen Besonderheit bereits andeutet: die Kombination rationaler Ordnungssysteme mit sinnlicher Wirkung von Farbe.

1933 emigriert der Maler zunächst nach Mallorca, zwei Jahre später nach Frankreich und Italien, wo er 1937 ein Jahr auf Ischia verbringt – ein Zeitpunkt, ab dem er sich zunehmend der flächenhaften Abstraktion widmet und nach geometrischen Prinzipien vorgeht. Fleischmann beginnt, die Flächenform als reine abstrakte Fläche zu behandeln. Mehr als der Konstruktivismus ist es der Orphismus Robert Delaunays, der seine Bildvorstellung prägt. Während seiner ersten Pariser Zeit (1938 — 40) begegnen sich die beiden Maler, außerdem steht er im Kontakt zur Gruppe »L’Equipe« um Joseph Lacasse.
Da er bei Kriegsausbruch sowohl von deutscher wie französischer Seite aus gesucht wird, muss Fleischmann Paris verlassen. Er geht bis 1945 nach Südfrankreich in den Untergrund, wo er mehrmals gefangen genommen wird, aber fliehen kann. Obwohl Fleischmann auch in dieser Zeit Papierarbeiten erstellt, meist Guachen, beginnt er erst nach Kriegsende wieder zu malen. Er kehrt nach Paris zurück, wird Mitglied der »Réalités Nouvelles« und zeigt 1948 in seiner ersten Einzelausstellung neue Linienbilder.

Zeitlebends in prekären finanziellen Verhältnissen lebend, versucht Fleischmann 1952 einen Neubeginn in New York. In künstlerischer Hinsicht ist es das auch, denn mit seinem nach dem Krieg entstandenen Spätwerk wird er international bekannt und erfolgreich. Denn Anfang der 1950er gelingt es ihm, von der Linie wieder zur Fläche zu gelangen, in dem er horizontale und vertikale Linieblöcke zu einem Ensemble kombiniert und die Flächen von der Kontur löst. So gewinnt neben der Balance zwischen Farbe und Fläche eine zusätzliche dialektische Komponente an Bedeutung: der Ausgleich zwischen Vertikalen und Horizontalen, wofür er auf die gekrümmte Linie gänzlich verzichtet. Hierin zeigt sich die Nähe zu Piet Mondrian, obwohl sie unterschiedlicher Ansicht sind, was den Einsatz der Farben angeht. In New York beschäftigt sich Fleischmann zwar vermehrt mit den Primärfarben, bricht die strenge Reduktion darauf jedoch zugunsten von Zwischentönen wieder auf. Es sind diese beiden Positionen, mit denen Fleischmann sich immer wieder beschäftigt: Mondrians Theorien über stabile rechtwinklige Gefüge, die eine unveränderliche Beziehung der Dinge zueinander symbolisieren, regen sein Werk ebenso an wie Delauneys Ansichten, denen zufolge die aktive wie passive Tätigkeit des Auges zu einer energetischen Gesamterscheinung führt (vgl. Wedewer, 134). Letztlich bezieht Fleischmann jedoch eine eigene Position zwischen beiden, die sich der Flächenstruktur und ihrer Wirkung widmet und schafft in den 1960ern auch Werke wie die Relief Paintings mit Wellpappe.

In den letzten 20 Jahren seines Lebens schafft Adolf Fleischmann ein bedeutsames und stringentes Werk, das jedoch zu Lebzeiten in nur zwei weiteren Einzelausstellungen (1955 und 57) präsentiert wird. Es zeichnet sich durch zahlreiche Variationen eines Themas aus. Vor dem Grund von Ovalen, Quadraten oder Rhomben, schafft er aus Linien bestehende Flächenkompositionen, die leicht zu vibrieren scheinen, wobei diese Farbstrukturen in einen Dialog treten mit einzeln stehenden, farblich oft konträr gefassten horizontalen Linien. Fleischmann verfolgt dabei keine optischen Irritationen, vielmehr bewahrt er den klassischen Bildbegriff. Dementsprechend ist er kein Vertreter der Op-Art, obwohl er sich selbst zu ihren Vorläufern zählt (Fleischmann 1965, zit. n.: Fischer, 85).

Fleischmanns Malerei gehört zu den wichtigen Positionen in Deutschland in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Doch da sein Frühwerk durch Internierung, Flucht und Auswanderung in großen Teilen verloren gegangen ist, wird er erst verspätet im Ausstellungsbetrieb wahrgenommen. Fleischmann stirbt 1968 nach seiner Rückkehr nach Stuttgart. Seine erste Retrospektive im Ulmer Museum und im Westfälischen Landesmuseum Münster wird fünf Jahre später eingerichtet.

Literaturauswahl

Adolf Fleischmann (1892 — 1968). Zum 40. Todesjahr – Erinnerung an eine Stiftung: Ausst.-Kat. Staatsgalerie Stuttgart 2008

Adolf Richard Fleischmann im Arithmeum: Ausst.-Kat. Arithmeum im Forschungsinstitut für Diskrete Mathematik Bonn, hg. v. I. Prinz, Bielefeld 2003

Adolf Fleischmann. Retrospektive zum 100. Geburtstag: Ausst.-Kat. Villa Merkel, hg. v. R. Damsch-Wiehager, Esslingen 1992

Adolf Fleischmann (1892 — 1968). Retrospektive: Ausst.-Kat. Moderne Galerie Saarland-Museum, hg. v. G.W. Költzsch, Saarbrücken/ Dillingen 1987

R. Wedewer, Adolf Fleischmann, Stuttgart 1977

Fischer, A.M.: Adolf Fleischmann (1892 — 1968), Bamberg 1976

Adolf Fleischmann oder die Überwindung des Konstruktivismus durch die Malerei: Ausst.-Kat. Villa Merkel, hg. v. M. Schneckenburger, Esslingen 1975

Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum

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