Performance

»Mir ging es stets um den Transport sinnlicher Bilder und sinnlichen Empfindens in Sprache mittels einer dramatischen Handlung. Dabei geriet die Sprache mit Anklängen an Arno Holz zunehmends barocker. Als sie mehr und mehr aufquellte und ausuferte, fragte ich mich um 1958, warum ich überhaupt schreibe, statt den Zuschauer tatsächlich sinnlichen Empfindungen auszusetzen. Dadurch wurde eine große Wende ausgelöst, und damit war die Idee meines jetzigen Aktionstheaters geboren. Zunächst darum bemüht, nur durch Konzepte und Texte dem Publikum sinnliche Empfindungen zu verabreichen, waren die frühesten Versuche noch an das Gesprochene gekoppelt, und gleichzeitig hatten die Zuschauer gewisse Geschmacks-, Geruchs- und Tastempfindungen zu registrieren. So gab ich ihnen beispielsweise Sacharinwasser, Zucker, Früchte, Salz oder saure Milch zu schmecken, Blumengerüche zu riechen, und es wurde Urin, Blut und Benzin verschüttet. Das war der Übersprung von jener an sinnliche Empfindungen appellierenden Sprachform zum Erleben tatsächlicher Empfindungen. Mit jedem traditionellen Gedicht, sei es von Rilke, Goethe oder Hölderlin, wird durch die Sprache eine sinnliche Empfindung zitiert. Sie fordert die Erinnerung an den Duft von Lilien oder an den Geruch von lauem Wasser. Statt durch meine Aktionen an etwas zu erinnern, will ich die tatsächliche Wahrnehmung sinnlicher Empfindungen erreichen. Wie gesagt, erzählt die Sprache stets von Gewesenem, und bei der Charakterisierung sinnlicher Wahrnehmungen wird über die Sprache die Erinnerung daran zitiert. Ist vom Zitronenbaumgeruch die Rede, so entsteht mit der Erinnerung an den Geruch im Gehirn Poesie. Bei mir hat dagegen das Jetzterlebnis, also das Aufwachen im Jetzt Vorrang.«

Hermann Nitsch, 1998

Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Foto: Tobias Roch, Hagen

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