Yves Klein

Der Wunsch nach immateriellen Wirkungen der Kunst steht in enger Verbindung zu seiner Idee körperlicher Selbstdisziplin, Körperbeherrschung und Konzentration. Hier liegen wohl auch entscheidende Vorgaben für Kleins Interesse an der monochromen Malerei, der Reduktion der Bildgestaltung auf den Ausdruck reiner Farbe.

Yves Klein wird am 28. April 1928 in Nizza als Kind eines Malerehepaares geboren und bereits früh mit künstlerischen Positionen zwischen Landschaftsmalerei und Informel konfrontiert. Er entwickelt eine besondere Affinität zu spirituellen Themen, die seine gesamte künstlerische Laufbahn wesentlich prägen werden. So werden zunächst die mystischen Schriften und Lehren der Rosenkreuzer für Klein und seine Freunde, den Maler Armand Fernandez und den Lyriker Claude Pascal, zu wichtigen Inspirationsquellen. Neben diesen Studien widmet Klein sich intensiv der Praxis und dem geistigen Kontext des asiatischen Kampfsports Judo. 1949 reist er mit Claude Pascal für ein Jahr nach England, wird dort Lehrling eines Rahmenmachers und erlernt die Grundlagen der malerischen Techniken, der Malmaterie und Pigmente, nicht zuletzt des Blattvergoldens. In London entstehen 1949 erste monochrome Entwürfe in Gouache und Pastell auf Papier- und Kartonoberflächen, die Klein in privatem Rahmen ausstellt. 1952 reist er nach Tokio mit dem Wunsch, seine bereits weit fortgeschrittene Judo-Ausbildung am berühmten Institut Kôdâkan zu perfektionieren. Erste dokumentarische Filme über Judo entstehen, die vom Studium der Bewegungsabläufe ausgehen und zur experimentellen Auseinandersetzung mit dem bewegten Körper im Raum führen. Der Wunsch nach immateriellen Wirkungen der Kunst steht in enger Verbindung zu Kleins Idee körperlicher Selbstdisziplin, Körperbeherrschung und Konzentration. Hier liegen wohl auch entscheidende Vorgaben für Kleins Interesse an der monochromen Malerei, der Reduktion der Bildgestaltung auf den Ausdruck reiner Farbe. Nach seiner Rückkehr aus Japan Ende 1953 veröffentlicht er 1954 zwei Serien seiner monochromen Arbeiten, »Yves: Peintures« und »Haguenault: Peintures«. Im Dezember 1954 lässt er sich schließlich in Paris nieder.

Kleins monochrome Arbeiten stoßen zunächst kaum auf Interesse. Die Situation ändert sich, als er auf Vermittlung Pierre Restanys – mit dem er u.a. 1960 die Gruppe der Nouveaux Réalistes gründet – die Gelegenheit erhält, 1956 seine Werke in der Galerie Allendy zu präsentieren. Dort erläutert er seine Kunst und löst eine Debatte um die monochrome Malerei aus. In verschiedenen Texten der kommenden Jahre benennt Klein seine Vorstellung des Monochromen »Ich versuche, den Betrachter mit der Tatsache zu konfrontieren, dass Farbe ein Individuum, ein Charakter, eine Persönlichkeit ist. Ich biete dem Betrachter meiner Arbeiten eine Sensibilität, die es ihm erlaubt, alles zu erfassen, was das monochrome Gemälde tatsächlich umgibt. So kann er sich selbst mit Farbe erfüllen und Farbe erfüllt sich in ihm. So kann er vielleicht in die Welt der Farbe eintreten.« (Klein, L’aventure monochrome (1958), in: Le Dépassement, Paris 2003). Hier klingen wesentliche Ziele Kleins an, so die Überschreitung der ästhetischen Grenzen des Tafelbildes hin zum pulsierenden Farbfeld und das Interesse am unmittelbar körperlich erfahrbaren Wahrnehmungseindruck. In Unterscheidung zu Kasimir Malewitschs monochromer Arbeit stellt Klein heraus: »Malewitsch hatte tatsächlich das Unendliche vor sich – ich bin im Unendlichen.« (Klein, Mon livre, in: Ausst.-Kat. Klein 1995).
Mit dem Ultramarinblau findet Klein die Farbe, die seinen Vorstellungen von geistiger Abstraktion und Naturorientierung (Meer und Himmel) am genauesten entspricht: Er entwickelt ein spezifisches Pigment mit dem Pariser Farbhändler Edouard Adam und lässt es 1957 international patentieren (IKB, International Klein Blue).

Kleins Suche nach der spirituellen Erfahrbarkeit der Kunst ist zugleich auch mit dem Wunsch einer Synthese von Kunst und Leben verknüpft. Er inszeniert seine Ausstellungen als ritualisierte Veranstaltungen, die zunehmend das Publikum miteinbeziehen. Unter dem Titel »Yves Klein: Proposte monocrome/ epoca blu« zeigt er 1957 elf blaue Monochrome gleichen Formats in der Galerie Apollinaire in Mailand und eröffnet damit die sogenannte »Blaue Epoche«. In Kürze entstehen darauf Schwammskulpturen (Sculpture éponge, 1957). Mit seinem ersten Feuerbild, bei dem er eine Holztafel mit sechzehn Feuerwerkskörpern versieht (Feux de Bengale – Tableau de feu bleu d’une minute, 1957), wendet er sich erstmals ephemeren Bild- und Farbwirkungen zu. Über eine Ausstellung in der Galerie Alfred Schmela in Düsseldorf lernt er die Gruppe ZERO kennen, erhält in der Folge den Auftrag zur Dekoration des Foyers des Musiktheaters Gelsenkirchen (Reliefs éponges, 1958/59). Neben das Blau treten bald die Farben Rosa und Gold, in den Folgejahren entstehen großformatige Monochrome und die ebenfalls an diesem Farbspektrum ausgerichteten Feuerwände, Feuerfontänen und ab 1960 Abdrücke von Feuer, Wasser und Wind (Cosmogonies), die nun auch die Elemente im Abdruck rituell wie materiell verfestigen.

Mit spektakulären Aktionen, u.a. im Jahr 1958 anlässlich seiner Einzelausstellung »Le vide« in der Galerie Iris Clert in Paris, in der Klein im Ausstellungsraum »Die Leere« im wörtlichsten Sinn inszeniert, wirbt er für seine Idee einer »pneumatischen Periode« bzw. einer »blauen Revolution«. Kleins dadaistisch-esoterische Zielsetzungen finden breites Echo und referieren damit zugleich auch auf die Interessen einer massenmedialen Gesellschaft. Mit ähnlichem Impetus entstehen im selben Jahr auch seine Anthropometrien – Abdrücke mit blauer Farbe gefärbter weiblicher Körper auf leerer Leinwand. Der Prozess der Bildwerdung wird öffentlich vorgeführt, Klein setzt ein nacktes weibliches Modell als »lebenden Pinsel« ein. Zu weiteren Aktionen gehört u.a. auch im Jahr 1959 der Verkauf von Zones de sensibilité picturale immateriélle, deren nicht-sichtbare Existenz als Kunstwerk allein durch eine Quittierung verbrieft ist. Sein berühmter »Sprung in die Leere«, der 1960 auf einem Foto festgehalten und anschließend in einer von Klein produzierten Tageszeitung verkauft wird, zeugt von seinem Interesse an der künstlerischen Selbstinszenierung, aber auch an Strategien von Werbungs- und Reproduktionsmedien. Im Jahr 1960 findet in Yves Kleins Wohnung die Gründungserklärung der Gruppe der Nouveaux Réalistes statt, deren Manifest Pierre Restany verfasst.

Aus dem kurzen Schaffenszeitraum zwischen 1955 und 1962 hinterlässt Klein einen beachtlichen Werkkorpus. Seine Arbeiten, die sowohl für die Concept Art wie auch die Happening-/ Aktionskunst wesentliche Impulse geben, werden ausgehend von den frühen Ausstellungen in Mailand und Paris bis heute international in zahlreichen Einzel- und Gruppenschauen gezeigt. Seine Farbentrilogie von großformatigen Monochromen wird 1961 zusammen mit einer Feuersäule und einer Feuerwand Thema der letzten großen Ausstellung Kleins im Haus Lange, Krefeld. Kleins Werk werden seit 1961 Retrospektiven gewidmet, so u.a. 1994/1995 in Köln und Düsseldorf, 2004 in Frankfurt/M., 2005 im Guggenheim Museum Bilbao oder 2007 im Wiener MUMOK.

Yves Klein stirbt 1962 in Paris.

Yves Klein: Ausst.-Kat. Museum Moderner Kunst, Stiftung Ludwig Wien u.a., Wien u.a. 2007

Yves Klein, Klassiker, Träumer und Eiferer: Ausst.-Kat. Schirn Kunsthalle u.a., hg. v. O. Berggruen u. M. Hollein, Ostfildern-Ruit 2004

Restany, P. u.a. (Hg.): Yves Klein, Oslo 1997

Yves Klein: Ausst.-Kat. Museum Ludwig Köln, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen u.a., hg. v. S. Stich, Ostfildern 1995

Weitemeier, H.: Yves Klein, 1928 — 1962. International Klein Blue, Köln 1994

Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum

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