Yaacov Agam

Er erweitert stetig seine medialen Möglichkeiten, immer mit dem Ziel, das Objekt zu »befreien«. Das zeigt Agam Yaacov mit ferngesteuerten Seifenblasen (Télé-art) ebenso wie bei synästhetischen Projekten im Außenraum, für die er Klang-, Licht- und Wasserelemente kombiniert.

Yaakov Agam wird 1928 in Rishon-le-Zion im heutigen Israel geboren. Der Sohn eines Rabbiners entscheidet sich 1944, in einem Kibbuz zu leben, muss jedoch
1945 wegen Widerstands 18 Monate in britischer Haft verbringen. Bereits 1940 beginnt er zu malen und neun Jahre später studiert an der Bezalel Akademie für Kunst und Design in Jerusalem, bevor er nach Zürich wechselt. Dort studiert er an der Kunstgewerbeschule bei Johannes Itten. Außerdem besucht er an der Eidgenössischen Technische Hochschule Architekturveranstaltungen bei Siegfried Giedion und schreibt sich an der Universität für Musik und Kunstgeschichte ein. Es sind vor allem die Begegnungen mit Itten und mit den mathematischen Theorien Max Bills, durch die er früh an den Konstruktivismus herangeführt wird. Agam übersiedelt dann 1951 nach Paris, wo er Fernand Léger kennen lernt und in surrealistische Kreise eingeführt wird. Seine erste Einzelausstellung 1953 in der Galerie Craven ist zugleich die erste Schau, die sich explizit der Kinetik widmet.

In diesem Jahr entsteht sein erstes »polyphones« Bild. Den aus der Musik entlehnten Begriff, der das Zusammenspiel mehrerer Themen bezeichnet, aus denen ein drittes entwickelt wird, überträgt Agam programmatisch auf sein visuelles Arbeitsprinzip. Zwei je eigenständige Ansichten ergeben durch Überlagerung eine neue Komposition. Diese optischen Irritationen ruft er meist dadurch hervor, dass die Oberfläche eines Bildes aus einem vertikal verlaufenden, lamellenartigen und zugleich prismatischen Relief besteht. Es erlaubt links eine andere Farb- und Formgebung als rechts – und ergibt auch aus einer mittleren Position betrachtet, ein drittes Vexierbild. Das Prinzip variiert er in seinen Metamorphosen genannten Arbeiten von nun an vielfach (vgl. S. Lemoine, in: Ausst.-Kat. Düsseldorf 1973, 22).

1955 nimmt Agam an der für ihn wegweisenden Ausstellung »Le mouvement« in der für geometrische Kunst bedeutenden Galerie Denise René teil, an der auch Alexander Calder, Jean Tingely und Viktor Vasarely partizipieren. Agam hat zu diesem Zeitpunkt bereits ein eigene Sprache (Ecriture simultanée) für sein künstlerisches Konzept entwickelt, das vielerlei Gestaltungsmittel und Medien umfasst: von kinetischen Skulpturen, über Grafiken und Klangkompositionen zu filmischen Experimenten.

Hat Agam bisher eine Bewegung genutzt, die von außen hervorgerufen wird, die also der Betrachter vor dem Werk vollführen muss, um eine visuelle Veränderung zu erfahren, entwickelt er in den 1960er Jahren taktile und polymorphe Arbeiten (Transformables oder Tactiles), in denen die Betrachter das Bild real bewegen, indem sie es berühren und Elemente interaktiv verändern. Sie können Teile in Schwingung bringen oder sie und damit vorübergehende Bewegungsansichten schaffen, an deren Bildstruktur sie teilhaben. Analog dazu kommt es bei seinen Klanginstallationen erst zu einem audiovisuellen Erleben, wenn der Rezipient sich im Raum bewegt. Mit der zeitlichen Differenz-Erfahrung zwischen Handlung und Wahrnehmung sind die Arbeiten der 1960er stellvertretend für seine Untersuchungen zur Zeit – als der vierten Dimension zu betrachten. Damit entfernt sich Agam vom gestischen Bildbegriff; vielmehr weitet er ihn aus auf ein Konzept interaktiver und simultaner Erfahrung von Bildern. »Ich brauche (…) das tröstliche Gefühl, dass sich ein Dialog zwischen mir und dem Publikum entsponnen hat und dass meine Arbeiten, indem sie die Form zerstören, einen Sinn vermitteln« (Agam, in: Preuves 1971, Nr.7, 129, zit. n. Ausst.-Kat. Düsseldorf 1973, 3).

Zeitgleich mit den spielerischen Partizipationsstücken entwickelt er Modelle für experimentelle Theaterräume, es entsteht die Jakobsleiter im israelischen Parlament. Auch auf zahlreichen Ausstellungen ist Agam vertreten, so 1964 bei der Biennale Venedig und auf der Documenta 3 in Kassel.
Agam erweitert stetig seine medialen Möglichkeiten, immer mit dem Ziel, das Objekt zu »befreien«. Das zeigt er mit ferngesteuerten Seifenblasen (Télé-art) ebenso wie bei synästhetischen Projekten im Außenraum, für die er Klang-, Licht- und Wasserelemente kombiniert, etwa in der Arbeit für das Pariser Viertel La Défense(1976, 1991 ergänzt). In den 1970er Jahren realisiert er viele weitere Projekte im öffentlichen Raum, oft große Stahlskulpturen, mit denen er internationalen Ruhm erlangt. Ihr Prinzip beruht auf der Wiederholung elementarer geometrischer Formen, die meist beweglich sind. Zu den bekanntesten Arbeiten dieser Zeit gehörenHundred Gates in Jerusalem, die Installation Peace – Life für das Straßburger Europaparlament, aber auch der kinetische Agam-Raum im Elysée-Palast, der auch in ähnlicher Form für die Konzerthalle im Forum Leverkusen errichtet wurde.

Yaacov Agam ist in all seinen Arbeiten bestrebt, den hebräischen Wirklichkeitsvorstellungen einen bildnerischen Ausdruck zu geben, wonach Einzigkeit in der unendlichen Ganzheit aufgeht. »Meine Arbeit ist somit mehr Realität als Abstraktion, denn der Betrachter sieht sich vor eine Welt gestellt, die ›Einzig und nicht-eins‹ ist« (Agam, Glaubensbekenntnis, 1964).
Neben neuen Ausdrucksformen in der Umwelt- und Computerkunst (wie die Installation Wings of the Heart im John F. Kennedy Airport in New York) entwickelt Agam seine spezifische grafische Technik, die »agamografie« – ein dreischichtiger Siebdruck auf Plexiglas, der einen hologrammähnlichen Eindruck erweckt. Seine Lehrmethoden werden seit 1979 in Venezuela und seit 1994 in Israel für den Grundschulunterricht eingeführt, wofür er 1996 er die Jan Amos Comenius Medaille der UNESCO verliehen bekommt. Zuletzt wird er 1989 mit dem Grand Prize ARTECH der 1. Internationalen Biennale im japanischen Nagoya ausgezeichnet.

Literaturauswahl

Yaacov Agam: Ausst.-Kat. Fundación Arte y Tecnología, hg. v. S. Aragaki u. F. Castro Flórez, Madrid 1998

Köhnen, R.: »Weltkunst, Glaube, Technik. Über Yaacov Agam«, in: Kritisches Lexikon für Gegenwartskunst 42, 9/2, 1998

Yaacov Agam: Ausst.-Kat. Fundación Arte y Techología, Madrid 1997

Metken, G.:Agam, Stuttgart 1977

Yaacov Agam. Bilder und Skulpturen: Ausst.-Kat. Städtische Kunsthalle Düsseldorf 1973

Yaacov Agam, The Artist and His Credo, in: Ariel, 9, Winter 1964

Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Foto: Tobias Roch, Hagen

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