Wols

Menschliche und tierische Organformen, Fischgestalten, Blasen, Balkenzüge wie Einzeller unter dem Mikroskop, Büschel, Bündel, aber auch Segelschiffe sind die zentralen Motive. Die erste Ausstellung seiner Malerei 1947 schockiert selbst das Pariser Publikum. Wols experimentiert mit Farbauftrag und Formenrepertoire.

Alfred Otto Wolfgang Schulze (Wols) wird am 27. Mai 1913 in Berlin geboren. Seine musikalischen und naturwissenschaftlichen Interessen werden früh durch Geigenunterricht und Gesang gefördert. Die Familie zieht 1918 nach Dresden, wo der hochbegabte Schulze bereits nach drei Jahren Volksschule auf das humanistische Staatsgymnasium wechseln kann. 1924 bekommt er seinen ersten einfachen Fotoapparat geschenkt. In der Folge entstehen auch erste Zeichnungen, schließlich Negativritzungen. Mit zeitgenössischer Kunst wird der junge Schulze 1926 in Dresden durch eine große, internationale Kunstausstellung in Kontakt gebracht. Die blauen Pferde von Franz Marc bleiben ihm ebenso in Erinnerung wie die Arbeiten von Paul Klee, die zu dessen 50. Geburtstag ausgestellt werden. Das Gymnasium verlässt Schulze vor dem Abitur, lernt anschließend bei der Porträtfotografin Genia Jonas in Dresden. Schulze versucht Kontakt zu Bauhauslehrern zu finden und trifft auf Laszlo Moholy-Nagy, der ihm rät nach Paris zu gehen und ihn mit Empfehlungsbriefen an Amédée Ozenfant sowie Fernand Léger ausstattet.

Schulze folgt dem Rat und reist am 14. Juli 1932 nach Paris, arbeitet dort wohl zunächst im Atelier von Léger. In Paris lernt er auch die Modeschneiderin Hélène Marguerite Dabija und seine spätere Frau Gréty kennen. Im Sommer 1933 noch einmal kurz in Deutschland, bestärkt die Machtergreifung der Nazis schließlich Schulzes Entschluss, in Paris zu leben. Mangels Arbeitserlaubnis gehen Schulze und seine Frau jedoch erst einmal nach Barcelona, 1934 weiter nach Ibiza und werden schließlich 1935 des Landes verwiesen. In diesen Jahren entstehen Schwarzweißfotografien, die Schulzes extremen Blick auf Banales, Weggeworfenes wie scheinbar beiläufige Hell-Dunkel-Strukturen dokumentieren. Seine Alltagsansichten, Porträts und Stillleben, Licht-, Schatten, Flächen- und Linienbilder sind ebenso vom Wunsch nach Erfassung des Ungewöhnlichen gezeichnet, wie diesem Aspekt in Motivwahl und Komposition nachkommen.

Zurück in Paris, erhält Schulze durch Vermittlung von Léger und Georges-Henri Riviére 1936 eine Arbeitserlaubnis als Fotograf. Bereits 1937 ist Schulze – der sich nun den Künstlernamen »Wols« gibt – offizieller Fotograf des französischen Modepavillons auf der Weltausstellung. Er dokumentiert auch die Aufbauarbeiten in fast surrealistischen Szenenbildern, bis 1939 entstehen zugleich zahlreiche Porträtfotografien der Pariser Avantgarde.

Mit Ausbruch des II. Weltkrieges wird Wols als Fotograf deutscher Herkunft bis 1940 in verschiedenen Lagern interniert. Nun entstehen Aquarelle, deren Spontaneität und Emotionalität sich in einer dynamisierten Linienführung abzeichnet, fein gezeichnete und dicht verwobene, aquarellierte Phantasieszenen, die er den Circus Wols nennt. Nach seiner Entlassung lebt Wols kurze Zeit bei Marseille und zieht 1942 bis Kriegsende nach Dieulefit bei Montélimar. Neben Fotos, Zeichnungen und Aquarellen wendet er sich hier auch erstmals kleinformatigen Gemälden zu.

1945 kehrt Wols erneut nach Paris zurück, wo nun auch zahlreiche Radierungen und Illustrationen – so u.a. für Texte von Artaud, Kafka oder Jean-Paul Sartre – entstehen. Veranlasst durch den Galeristen René Drouin, werden auch Wols’ Aquarelle erstmals ausgestellt. Drouin ist es auch, der Wols Leinwände und Ölfarben zu Verfügung stellt und so das eigentliche malerische Werk initiiert, das bis 1947 bereits vierzig Gemälde umfasst. Die erste Ausstellung der Malerei 1947 bei Drouin schockiert selbst das Pariser Publikum. Wols experimentiert mit Farbauftrag und Formenrepertoire. Er arbeitet mit extrem dünnflüssigen Farben, die er über die Leinwand verlaufen lässt, oder die mit dem Spachtel aufgebracht, ein regelrechtes Farbrelief bilden, in das er mit spitzen Gegenständen Linien, Kreise und Zacken ritzt. Andere Bildorte der Kompositionen sind teils direkt aus der Farbtube gedrückt. Oft stempelt Wols auch mit der Tubenöffnung direkt in die Farbmasse, so dass sich kreisrunde Farbstege bilden, die sich wie Krater über die stets flächenmittigen und zentrierten Komposition verteilen. Die Bilder erhalten so etwas unmittelbar Eruptives, erscheinen gleichsam wie offen gelegt oder verwundet. Menschliche und tierische Organformen, Fischgestalten, Blasen, Balkenzüge wie Einzeller unter dem Mikroskop, Büschel, Bündel, aber auch Segelschiffe sind die zentralen Motive.

Für Wols’ Druckgrafik ist die nervöse, feinlinige, zackig sich verdichtende Arbeitsweise in den Radierungen beispielhaft. Mit seiner schnellen, handschriftlichen Geste aus dem Handgelenk orientiert er sich hier ebenso motivisch an eigenen Fotografien wie an der Ecriture Automatique der Surrealisten.

Stark belastet durch gesundheitliche Probleme verschlechtert sich Wols’ Zustand bis 1951 erheblich. Dennoch entstehen auch in der letzten Zeit zahlreiche Gemälde, die bis zu Wols’ Tod am 31. August 1951auf ein malerisches Œuvre von 102 erhaltenen Bildern anwachsen. Die meisten werden posthum durch Gréty, die Galeristen oder Sammlern betitelt.

Nach Wols’ Tod werden seine Werke bald in Ausstellungen gezeigt und sind 1955, 1959 und 1964 auf der Kasseler Documenta I bis III präsent. Einzelnen Aspekten seiner Arbeit widmen sich Einzelschauen wie u.a. 1973 in der Berliner Nationalgalerie, 1989 in der Kunstsammlung NRW oder im Jahr 2000 im Kupferstickkabinett der Kunstsammlungen Dresden.

Literaturauswahl

Le grand geste! 1946 — 1964. Informel und Abstrakter Expressionismus: Ausst.-Kat. Museum Kunstpalast, hg. v. U. Widmer, Düsseldorf 2010

Eichhorn, H.: Circus Wols, Salzburg 2000

Wols. Aquarelle, Zeichnungen, Notizblätter aus dem Besitz von Marc Johannes: Ausst.-Kat. Kunsthaus Hamburg, Staatliche Kunstsammlungen Dresden u.a.O., Hamburg 2000

Wols. Photographien, Aquarelle, Druckgraphik: Ausst.-Kat. Institut für Auslandsbeziehungen, Ostfildern 1999

Wols. Bilder, Aquarelle, Zeichnungen, Photographien, Druckgraphik: Ausst.-Kat. Kunsthaus Zürich, Kunstsammlung NRW, hg. v. G. Magnaguagno, Düsseldorf 1990, Bern 1989

Glozer, L.: Wols. Photograph, München 1988

Wols. 1913 — 1951 Gemälde Aquarelle Zeichnungen. Ausst.-Kat. Neue Nationalgalerie, hg. v. W. Haftmann, Berlin 1973

Sartre, J.P.: Finger und Nicht-Finger, in: Haftmann, W.: Wols. Aufzeichnungen, Aquarelle, Aphorismen, Zeichnungen, Köln 1963, 32 — 43

Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014

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