Wolfgang Feelisch

Seine Idee, zur Verbreitung der gegenwärtigen Objektkunst mittels Publikationen beizutragen, führt zum eigenen Vertrieb künstlerischer Objekte (Multiples). Mit dem Kunstversand und seiner Beteiligung an künstlerischen Aktionen entsteht die umfangreiche Kunstsammlung Wolfgang Feelischs, ein Spektrum von Spuren und Relikten der Objekt- und Aktionskunst der 60er Jahre, an deren Verbreitung und Außenwahrnehmung er selbst entscheidenden Anteil hat.

Der in Remscheid geborene Feelisch absolviert eine Ausbildung zum Industriekaufmann und arbeitet in der väterlichen Werkzeugfabrik. Seit den 50er Jahren widmet er sich zugleich der Gegenwartskunst, vor allem den noch unbeachteten Gegenwartskünstlern der Region, deren Werke er publik machen möchte. In der Kunstlandschaft der Nachkriegszeit wird die legendäre Dada-Ausstellung von 1958 zum wichtigen Ausstellungserlebnis für Feelisch. Wie bei vielen anderen Kunstinteressierten und Künstlern der Zeit befördert sie den Wunsch, an die Avantgarde der Vorkriegszeit und die Verbindung verschiedener künstlerischer Gattungen, Musik, Literatur, Theater und Bildender Kunst, anzuknüpfen.

1965 macht Feelisch sich selbständig und knüpft Kontakte zu jungen Künstlern aus dem Köln-Düsseldorfer Raum und dem Umkreis der Düsseldorfer Akademie, die keine Galerieverbindungen haben, nicht Teil des etablierten Kunstmarkts sind. Früh hat er Verbindung zu Joseph Beuys. »In diese Zeit, in die Jahre zwischen 1965 und 1970, fällt ein kleines, aber aufregendes Kapitel deutscher Kunstgeschichte. Wie in der Politik die Gewichte zugunsten von Demokratisierung ausschlagen, so gibt es nun in der bildenden Kunst und auf dem Kunstmarkt ausgesprochen egalitäre Tendenzen« (Schmieder 1998).

Feelisch sieht sich in Opposition zum herrschenden Kunstbetrieb und propagiert den Wert kleiner Dinge und Objekte in der Kunst, die Bedeutung »scheinbarer Nebensächlichkeiten«. Seine Idee, zur Verbreitung der gegenwärtigen Objektkunst mittels Publikationen beizutragen, führt bald zum eigenen Vertrieb künstlerischer Objekte (Multiples). 1966 gründet er die »Zeitkunstgesellschaft« und das Mini-Versandunternehmen »Vice-Versand«, dessen Entstehung selbst einem konzeptuellen Beitrag gleichkommt. Mit den Publikationen und dem Vertrieb von Objekten wird laut Versandprospekt ebenso »Intuition« und »Anregung« wie konkret »ein handgreiflicher Kontakt zu zeitgemäßer Kunst« (Feelisch, Zeitkunst im Haushalt) in Aussicht gestellt. Im Namen der Künstler (deshalb »Vice«) will Feelisch zu einem »befruchtenden Kontakt mit dem für progressive Veränderungen jeder Art aufgeschlossenen Teil der Öffentlichkeit« (Feelisch, in: Die Zeit 1969), vor allem zu Schülern und Studenten vordringen – Kunst für alle verbreiten. Orientiert an den Verkaufsstrategien von Taschenbüchern, erwartet er vom günstigen Bezugspreis der Objekte von anfänglich acht Mark, Gegenwartskunst erschwinglich verbreiten zu können. Derselben Intention entsprechen auch die unbegrenzten Auflagen, in denen die künstlerischen Objekte zunächst hergestellt werden. Mit dem Versand kann Feelisch fern des etablierten Kunstmarkts eine Art demokratisierten »Nebenkunstmarkt« eröffnen, wie dies zeitgleich auch Produzenten, Galerien und Vertriebe wie Daniel Spoerris und Karl Gerstners »MAT«, Klaus Staecks Galerie und »Edition Staeck«, Achim Hundertmarks »Edition Hundertmark« oder die vorwiegend von George Maciunas’ autorisierten »Fluxus-Editionen« versuchen.

1967 beteiligt sich Feelisch selbst an künstlerischen Aktionen am Rheinkai in Düsseldorf. 1968 vertreibt er Beuys’ bleistiftbezeichnete Holzkästen Intuition, die parallel zur Kölner Kunstmesse in einer Filiale des »Deutschen Supermarkts« verkauft werden. 1969 steuert Feelisch mit seinem »Buch« in’ sait ein eigenes, aus einem Holzbrett mit Buchumschlag gefertigtes Objekt zu seinem Versandrepertoire bei. Bald werden bekannte Künstler durch den Vice-Versand vertrieben: Joseph Beuys, Wolf Vostell, Diter Roth oder Daniel Spoerri sind neben Nino Babieri, Ursula Burghardt, Claus Paeffgen, Timm Ulrichs, André Thomkins, Klaus Staeck, Gabor Altorjay oder Mauricio Kagel vertreten. Beuys’ Arbeit Intuition, aber auch die goldfarben bemalten Weizenmischbrote mit eingelegtem Badethermometer, die Wolf Vostell mit »Prager Brote« betitelt und die sich auf die russische Okkupation der Tschecheslowakei beziehen, zählen zu den erfolgreichsten Verkaufsobjekten des Vice-Versands. Ein Exemplar der Brote wird im Rahmen der »Ersten Essener Songtage« 1968 vom Dortmunder Museum am Ostwall erworben.

1970 werden Feelischs Versandobjekte bzw. Multiples erstmals in einer Ausstellung – gleichsam zu einem »Tagebuch« der Aktionen und Auftritte im Umfeld des Vice-Versands formiert – gezeigt (Museum am Ostwall, Dortmund). Geziert von dem (Andreas-) Kreuz, mit dem Feelisch auch seine Druckwerke kennzeichnet und das später auch in einem Beuys-Multiple auftaucht, erscheint ein Katalog, der nun auch Dokumente zu den Versand-Objekten beinhaltet. 1972 signiert der gerade entlassene Beuys gemeinsam mit Wolfgang Feelisch Exemplare von Intuition vor der Düsseldorfer Akademie. Seine Lehre für eine neue Funktion der Kunst wird mit den Intuitions-Kisten vor der Türe der Akademie fortgesetzt.

Mit dem Kunstversand und seiner Beteiligung an künstlerischen Aktionen entsteht zugleich eine umfangreiche Kunstsammlung Wolfgang Feelischs, ein Spektrum von Spuren und Relikten der Objekt- und Aktionskunst der 60er Jahre, an deren Verbreitung und Außenwahrnehmung Feelisch entscheidenden Anteil hat.

Literaturauswahl

Schmieder, Peter: Unlimitiert, Der VICE-Versand von Wolfgang Feelisch, Unlimitierte Multiples in Deutschland, Kommentiertes Editionsverzeichnis der Multiples von 1967 bis in die Gegenwart, Köln 1998

Sammlung Feelisch: Kat. hg. v. Museum am Ostwall, Bochum 1993

Fluxus, Eine lange Geschichte mit vielen Knoten, Fluxus in Deutschland 1962 — 1994: Ausst.-Kat. Institut für Auslandsbeziehungen, Stuttgart 1994

 

Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger

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