Wolf Vostell

Vostell formuliert Anfang der 60er Jahre sein ästhetisches und politisches Kunstverständnis von der Entsprechung »Kunst gleich Leben – Leben gleich Kunst«: »Jeder Mensch ist ein Kunstwerk!« (Vostell).

Wolf Vostell wird 1932 in Leverkusen geboren. 1950 — 53 absolviert er eine Lehre als Fotolithograph, ergreift 1954 das Studium an der Werkkunstschule Wuppertal. 1955 — 1957 setzt Vostell seine Studien der Malerei, Graphik und Anatomie an der Pariser École National Supérieure des Beaux-Arts fort, studiert anschließend auch an der Düsseldorfer Kunstkademie. Vostell ist im Jahr 1962 Mitbegründer der Fluxus-Bewegung und Herausgeber der Zeitschrift »Décollage«. Dieses Bulletin »neuer Ideen«, das bis 1969 in sieben Nummern erscheint, wird ein wichtiges Forum für die Intermediakunst der Zeit.

Vostell formuliert Anfang der 60er Jahre sein ästhetisches und politisches Kunstverständnis von der Entsprechung »Kunst gleich Leben – Leben gleich Kunst«: »Jeder Mensch ist ein Kunstwerk!« (Vostell). Sich in der Tradition des Dadaismus sehend, setzt Vostell bei Marcel Duchamps »Objet trouvé« an und erweitert die Idee des vorgefundenen Objekts auf die Erfahrung von Lebensmomenten, in denen er vorgefundene Kunstwerke (»Vie trouvée«) erkennt. Vostells Kunsttheorie der »Décollage« – sein künstlerisches Prinzip, sich mit dem Zeitgeschehen ästhetisch auseinanderzusetzen, das er bereits in den 50er Jahren in Paris formuliert – leitet sich aus diesem Verständnis ab: Im Unterschied zur konstruktiven Collage versteht er »Dé-coll/age« als aggressiven Akt: Mit dem Abreißen, Verwischen und Stören von vorgefundenen Bildstrukturen, der Zerstörung manipulierender Informationen zielt er auf eine bewusstseinskritische Haltung gegenüber der Waren- und Werbewelt.

Seit den frühen 1960er Jahren setzt Vostell in seinen Arbeiten eine Vielzahl von Medien und Materialien ein. Immer wieder bezieht er sich auf das Fernsehen und andere Massenmedien, die er unter politischen Aspekten behandelt. Nach dem Besuch in Paiks »Exposition of Music – Electronic Television« von 1963 macht Vostell in New York seine TV-Dé-coll/age öffentlich. Nach eigenen Angaben sind diesen bereits in den ausgehenen 50er Jahren und mit Einführung des Fernsehens in Deutschland erste Objekte mit Fernsehern vorausgegangen, die durch Karlheinz Stockhausens Arbeit im Elektronischen Studio des WDR angeregt sind. Neben Nam June Paik, der zu diesem Zeitpunkt in Köln lebt, zählt Vostell zu den ersten Künstlern, die sich dem TV als künstlerischem Medium widmen.

Vostell initiiert zahlreiche Happenings, u.a. in New York, Berlin, Köln, Wuppertal und Ulm, wirkt er neben Nam June Paik und Georg Maciunas im gleichen Jahr bei der Planung des legendären Festum Fluxorum in Wiesbaden mit. 1963 realisiert er das Happening 9 Nein Dé-coll/agen, das am 14.9.1963 an neun verschiedenen Orten in Wuppertal stattfindet und von der Galerie Parnass organisiert wird. Er entwickelt damit eine Form der aktionsorientierten Kunst, deren Ablauf und Publikumsbezug zu vorbestimmten Größen werden. Das Happening avanciert zu einer wichtigen gesellschaftskritischen Ausdrucksform der Zeit. Während Vostell bis dahin nur mit der technischen Verfremdung des TV-Programms arbeitet, kann er nun den Zeitablauf gezielt selbst gestalten: Das Prinzip der Décollage wird auf das laufende Bild übertragen. Er lässt verzerrte TV-Bilder von der Mattscheibe abfilmen, neu schneiden und auf Video übertragen. Zu Vostells aufwendigsten Happenings zählt In Ulm, um Ulm und um Ulm herum von 1964, das binnen sechs Stunden an 24 Orten (u.a. in einem Schlachthof, auf einer Müllhalde, in einem Bundeswehrflughafen etc.) stattfindet. Nach seiner Regie wird hier ein Konzert mit drei Düsenjets durchgeführt, wobei das Publikum mit aktuellen Ereignissen der Zeitgeschichte, wie z.B. den Vietnamkrieg, konfrontiert wird. Zerstörende Eingriffe, wie sie auch das Prinzip der Décollage kennzeichnen, werden auch bei den säureverätzten Wischbildern und Schichtenbildern Vostells zum kreativen Impetus. Zugleich beziehen sich auch mehrtägige Happenings – so Dogs and Chinese not allowed von 1966, das das gesamte U- Bahnnetz New Yorks einbezieht – raum- und zeitgreifend auf aktuellen Themen des Zeitgeschehens.

Die Zusammenarbeit mit dem Komponisten Mauricio Kagel führt 1968 zur Gründung des »Labor e.V.«, das der Erforschung akustischer und optischer Ereignisse gilt. Vostell wird international bekannt, seine Werke werden regelmäßig – so 1968 (Elektronischer dé-coll/age Happening Raum) und 1990 auf der Biennale in Venedig, 1974 im Rahmen der ersten große Retrospektive im Musée d’art Moderne de la Ville de Paris, 1977 auf der Documenta 6 – ausgestellt.

Seit 1969 verwendet Vostell auch Beton bei der Arbeit an einzelnen Objekten (u.a. Beton-TV, Paris 1974 — 81), aber auch im Rahmen von spektakulären Aktionen, bei denen u.a. auch komplette Autos in Beton gegossen und öffentlich ausgestellt werden (Ruhender Verkehr, seit 1969). 1971 zieht er in das geteilte Berlin – die Stadt ist ihm Symbol der Gewalt und Brutalität, der Holocaust und die Berliner Mauer gehören zu den zentralen Themen seines Werks. 1976 ergreift Vostell die Initiative für ein eigenes Museum, das »Museo Vostell Malpartida de Cacéres« in der Extremadura.

Vom 1. Mai bis 29. September 1981 fährt Vostells Fluxus Zug als mobiles Museum durch 16 Bahnhöfe in nordrhein-westfälischen Städten. Jeder der sieben Eisenbahnwaggons enthält ein Environment. In einem der Waggons findet – ausgelöst durch das Betreten des Publikums – ein »schwarzes Fluxus-Konzert« statt, ein anderer visualisiert die »Isolation des Menschen ›im Betonwohnzimmer, ein weiterer die ‹Reizüberflutung der Medien« mit einem alten Daimler Benz, der mit 20 TV-Geräten bestückt ist. »Mein Anliegen ist, Objekte und Bilder für einen Zug zu komponieren, die sonst in diesem Zusammenhang in keinem Museum gezeigt werden könnten. (…) Der Zug fährt von Stadt zu Stadt und kann so während seines Aufenhalts in die jeweilige individuelle Kunst- und Kulturszene kurzfristig integriert werden.« (Vostell, 1981).

Auch in den 1980er und 90er Jahren hält Vostell am politischen Engagement und dem Aktualitätsbezug seiner Werke fest. In seinem Ereignisbild, auf das weitere Versionen folgen, reagiert er 1989 auf den Fall der Berliner Mauer. Seine Arbeit The Fall of the Berlin Wall VI zieht 1990 ein pessimistisches Resümee der deutschen Wiedervereinigung, 1993 wird in Marl Vostells größte Skulptur La Tortuga installiert, mit der sich Vostell zu Deutschlands Situation am Ende des 20. Jahrhunderts äußert.

Bis zu seinem Tod 1998 lebt Wolf Vostell überwiegend in Paris, Berlin und Andalusien. Das »Museo Vostell« wird posthum in dem spanischen Dorf Malpartida de Cáceres in der Provinz Extremadura eröffnet und zeigt Werke Vostells und anderer Fluxus-Künstler.

Literaturauswahl

Dominguez, A. F. (Hg.), Museo Vostell Malpartída de Cáceres 1994

Vostell, Retrospektive zum 60. Geburtstag: Ausst.-Kat. hg. v. Rolf Wedewer, Bonn u.a. 1992

Schmied, W., Die fünf Hämmer des Wolf Vostell, Berlin 1992

Gottberg, D. (Hg.), Vostell. Fluxus-Zug. Das mobile Museum, Berlin 1981

Wolf Vostell, Decollagen, Verwischungen, Schichtenbilder, Bleibilder, Objektbilder 1955 — 1979: Ausst.-Kat. Kunstverein, hg. v. J. Schilling, Braunschweig 1980// Wolf Vostell: Œuvreverzeichnis, Galerie René Block, Berlin 1970

Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger

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