Willi Sitte

Auf seinem Weg zu einer modernen realistischen Bildsprache setzt er sich in den 1940er und 50er Jahren vor allem mit den Werken Fernand Légers und Pablo Picassos auseinander. Seine Bilder werden von Expressivität und Dramatik beherrscht. Stark plastische Figuren folgen dabei einer strengen Komposition. In der klaren Bildsprache manifestiert sich die Absicht, dass sich die Kunst einem großen Kreis von Betrachtern erschließen soll.

Willi Sitte wird am 28.02.1921 als fünftes Kind einer Arbeiterfamilie im böhmischen Kratzau (heute Tschechien) geboren. Wie später auch sein jüngerer Bruder Rudolf entscheidet sich Willi Sitte für eine künstlerische Laufbahn. An der Kunstschule des nordböhmischen Gewerbemuseums in Reichenberg beginnt er 1936 eine Ausbildung zum Textilmusterzeichner und wechselt 1940 an die Hermann-Göring-Meisterschule für Malerei in Kronenburg (Eifel), wo akademische Aquarelle und Zeichnungen entstehen. Infolge seiner öffentlichen Kritik an den Ausbildungsmethoden der Schule wird er im darauf folgenden Jahr zum Kriegsdienst an der Ostfront einberufen. Nur kurze Zeit nach seiner Versetzung nach Italien desertiert er und schließt sich einer Gruppe italienischer Partisanen an.

Nach Kriegsende bleibt Sitte noch einige Zeit in Italien, unternimmt Studienreisen nach Vicenza, Venedig und Mailand, wo er Kurse an der Academia di Brera besucht. Neben Zeichnungen zu religiösen und mythologischen Themen entstehen Arbeiten, die die kriegszerstörten Gebäude der lombardischen Stadt zeigen. In Mailand findet 1946 zudem seine erste Einzelausstellung in der Galerie Dedalo statt. Auf einen kurzen Aufenthalt in Kratzau folgt 1947 die Umsiedelung nach Halle an der Saale, wo er der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands beitritt. Hier findet Sitte schnell Anschluss an die Kunstszene, wird Mitglied der Hallenser Künstlervereinigung »Die Fähre«, an deren Ausstellungen er sich beteiligt. 1949 sind seine Werke in der Zweiten Deutschen Kunstausstellung in Dresden zu sehen. Auch in den darauf folgenden Jahren präsentiert die im vierjährigen Turnus stattfindende Schau aktuelle Arbeiten des Künstlers.

Die schrecklichen Kriegserlebnisse prägen Sittes Ansicht, dass es zu den Aufgaben eines Künstlers gehöre, sich für den Erhalt des Friedens einzusetzen (vgl. Gisela Schirmer: Willi Sitte. Farben und Folgen, Eine Autobiographie. Mit Skizzen und Zeichnungen des Künstlers, Leipzig 2003, 316). Sein künstlerisches Ziel besteht bereits vor der Gründung der DDR darin, eine volksnahe Kunst zu schaffen, mit der er zur Entwicklung des Sozialismus beitragen will. Der italienische Realismo, der bewusst Themen aus dem Leben der einfachen Menschen und Darstellungen der Arbeiterklasse in den Mittelpunkt stellt, prägt daher Sittes Frühwerk.

Auf seinem Weg zu einer modernen realistischen Bildsprache setzt er sich in den 1940er und 50er Jahren vor allem mit den Werken Fernand Légers und Pablo Picassos auseinander. Seine Bilder werden von Expressivität und Dramatik beherrscht. Stark plastische Figuren folgen dabei einer strengen Komposition. In der klaren Bildsprache manifestiert sich die Absicht, dass sich die Kunst einem großen Kreis von Betrachtern erschließen soll. Aufgrund des deutlichen Einflusses der Avantgarde auf Sittes Bilder und seiner Vorstellung von einer individuellen Gestaltungsfreiheit gilt er trotz seiner Parteizugehörigkeit zur SED als »Formalist«, was ihm seine künstlerische Karriere in der DDR zunächst erschwert.

Nachdem der überzeugte Kommunist bereits 1948 erste Studien in Industriebetrieben und Bergwerken anfertigt, nehmen die Arbeiterbilder in den 1960er Jahren eine zunehmend zentrale Rolle in Sittes Werk ein. Sein Fokus liegt ab dieser Zeit auf drei Themenkreisen, die durch Wechselbeziehungen miteinander verbunden sind: »leidenschaftlich polemische Darstellungen von Faschismus und imperialistischem Krieg, das Bild der leidenden, kämpfenden, siegreichen und machtausübenden deutschen Arbeiterklasse und – die Liebe, der sinnliche Genuß der Menschen, ihrer Lebensfreude und fröhliche Vitalität« (Herrmann Raum: »Willi Sitte«, in: Willi Sitte 1945 1982: Ausst.-Kat. Staatliche Kunsthalle Berlin; Berlin 1982, 22).

Im Laufe der 1960er Jahre findet Sitte zu einer neuen Eigenständigkeit der Bildsprache. Seine Arbeiten weisen nun eine freie temperamentvolle Gestaltung auf; motivische und formale Dissonanzen erzeugen eine gesteigerte Ausdruckskraft. Der neue Stil, als »sozialistischer Barock« bezeichnet, orientiert sich an der Malerei Lovis Corinths. Die üppigen, oft nackten Körper seiner Figuren zeichnen sich durch eine dynamische Pinselführung, das Nebeneinander verschiedener Farbflächen und den Verzicht auf eine Betonung der Konturen aus.

Neben seiner künstlerischen Tätigkeit erhält Sitte 1951 einen Lehrauftrag am Institut für künstlerische Werkgestaltung Burg Giebichenstein in Halle. 1959 wird er an der mittlerweile zur Hochschule für industrielle Formgestaltung Halle – Burg Giebichenstein beförderten Bildungseinrichtung zum Professor ernannt, 1972 folgt die Berufung zum Direktor der Sektion Bildende und Angewandte Kunst. Sitte beteiligt sich maßgeblich an der gesellschaftlichen Entwicklung des sozialistischen Staats und wird so zu einer der bedeutendsten Persönlichkeiten des kulturellen und künstlerischen Lebens in der DDR. 1974 erfolgt seine Wahl zum Präsidenten des Verbandes Bildender Künstler der DDR, zudem wird er Abgeordneter des Kulturbundes in der Volkskammer und Mitglied des Zentralkomitees der SED.

Während seiner künstlerischen Laufbahn in der DDR erhält Sitte eine Vielzahl von Auszeichnungen für seinen Beitrag zur Entwicklung sozialistisch-realistischer Malerei und der Gestaltung nationaler Themen. Internationale Anerkennung für sein Schaffen erfährt er durch die Verleihung der Goldmedaille auf der 3. Internationalen Grafik-Biennale Florenz 1972. Einen weiteren Höhepunkt stellt seine Teilnahme an der Documenta 6 in Kassel 1977 dar.

Nach der Wiedervereinigung wird über Sittes Kunst aufgrund der kommunistischen Überzeugung des Künstlers und seiner Mitgliedschaft in der SED öffentlich diskutiert. Mitunter als unkritischer »Staatskünstler« deklariert, blieb die Beliebtheit von Sittes Werken bei Sammlern und Galeristen ungebrochen. 2003 wird schließlich die Willi-Sitte-Stiftung in Merseburg gegründet, die einen großen Teil seines Œuvres verwaltet. Anlässlich des 85. Geburtstags des Künstlers wird dort 2006 die angegliederte Willi-Sitte-Galerie eröffnet, die Werke des nach wie vor in Halle lebenden Künstlers in einer Dauerausstellung präsentiert.

Literaturauswahl

Schirmer, Gisela: Willi Sitte. Farben und Folgen, Leipzig 2003

Willi Sitte 1945 1982: Ausst.-Kat. Staatliche Kunsthalle, Berlin; Berlin 1982

Hütt, Wolfgang: Willi Sitte, Dresden 1976

Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014

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