Wassily Kandinsky

In seiner Publikation »Über das Geistige in der Kunst« benennt Kandinsky seine künstlerischen Schöpfungsebenen in Analogie zum komponierenden und orchestrierenden Musiker. Die einfachste »melodische« ist die »Impression«, erzeugt durch Reize der Natur. Auf zweiter, verdichteter also »geistigerer« Ebene entstehen »Improvisationen«, die eine innere Natur sichtbar machen. Die höchste Form, die Vernunft, Bewusstsein, Absicht und Zweckmäßigkeit in formaler und »geistiger« Verdichtung vor Augen führt, ist die »Komposition«.

Wassily Kandinsky wird am 4. Dezember 1866 in Moskau geboren. Nach Scheidung seiner Eltern übersiedelt seine Mutter nach Odessa. Dort besucht Kandinsky von 1876 — 1885 das Gymnasium. Er erhält in dieser Zeit Cello- und Klavierunterricht sowie Zeichenunterricht. Hier liegt der Keim seiner hohen Musikalität, die ihn nicht nur lebenslang die Nähe zeitgenössischer Komponisten suchen lässt, sondern ab 1910 auch stark sein Vorstoßen in die Abstraktion beeinflusst. In den Jahren 1886 — 1893 studiert Kandinsky Jura und Nationalökonomie an der Moskauer Universität. Er beschließt sein Studium erfolgreich mit einer Dissertation »Über die Gesetzmäßigkeit der Arbeiterlöhne«. Bis 1896 lehrt er an der Universität. 1896 lehnt er einen Ruf an die Universität Dorpat ab, übersiedelt mit 30 Jahren nach München mit dem Ziel, Malerei zu studieren.

Dort ist er zunächst Schüler der privaten Malschule Anton Azbé, bis er 1900 in die Akademieklasse von Franz von Stuck aufgenommen wird. Seit 1896 mit anderen, in München lebenden, russischen Künstlern befreundet (Alexej Jawlensky, Marianne von Werefkin u.a.), trifft er in der Klasse von Stuck auf Paul Klee. Seine und Klees biographischen und künstlerischen Wege kreuzen sich lebenslang von der Akademiezeit über die Bauhauszeit bis zu einem privaten Besuch bei Klee in der Schweiz 1937. Ab 1901 beginnt Kandinsky mit kleinformatigen Zeichnungen, Aquarellen und Holzschnitten, die sich motivisch der russischen Volkskunst anlehnen und stilistisch dem Jugendstil verpflichtet sind. Im Jahr 1902 als Lehrer der Malschule der Künstlergruppe Phalanx lernt er seine Schülerin Gabriele Münter kennen, die bis 1916 seine Lebensgefährtin ist. Bis zu dieser Begegnung bestimmen figürliche Kompositionen wie der Holzschnitt Sonntag – altrussisch von 1903/04, an die russische Ikonentradition anknüpfende Hinterglasbilder und expressive Landschaften der idyllischen, bayerischen Provinz Kandinskys Darstellungen. Besonders Murnau, wo Münter 1909 ein Haus kauft, ist die beliebte Sommerfrische Kandinskys und ab 1911 auch der Gruppe des Blauen Reiters. In den Jahren 1904 bis 1907 bereisen Kandinsky und Münter Europa und Nordafrika und halten sich immer wieder (1904, 1906, 1907) längere Zeit in Paris auf, lernen dort die Kunst der Fauves kennen. Kandinsky stellt dort eigene Werke im »Salon d’Automne« (1904) und im »Salon des Indépendants« (1907) aus. Aufenthalte in Berlin, Venedig und Wien prägen diese Jahre der kosmopolitischen Vernetzung. Denn immer ist Kandinsky vor Ort mit der zeitgleichen Kunst und den Künstlern im Dialog.

Künstlerisch und intellektuell von großer Bedeutung ist die Begegnung mit Franz Marc und die daraus folgende Gründung des Blauen Reiters 1911 in München. Neben Kandinsky und Marc sind August Macke, Paul Klee und Alfred Kubin Mitglieder dieser Gemeinschaft, die bis 1914 Bestand hat. Zu dieser Zeit hat sich Kandinsky bereits weit in die Abstraktion vorgearbeitet, hat, auch unter dem Einfluss der neuesten physikalischen Entdeckungen eines Max Planck und Albert Einstein sowie der anthroposophischen Bewegung um Rudolf Steiner, seine erstes theoretisches Kompendium »Das Geistige in der Kunst« (1910) fertig gestellt und 1912 bei Piper in München veröffentlicht. Dort formuliert Kandinsky Grundlegendes zur synästhetischen Wirkung der Farbe »…muss freilich das Sehen nicht nur mit dem Geschmack, sondern auch mit allen anderen Sinnen im Zusammenhang stehen, … manche Farben können unglatt, stechend aussehen, wogegen andere wieder als etwas Glattes, Samtartiges empfunden werden, so dass man sie gerne streicheln möchte«. Synästhesie ist zeitbedingt vorbereitet durch Henry van der Velde, Wilhelm Worringer und der Eurhythmie der Anthroposophen. Kandinsky analysiert sprachlich die assoziative und psychologische Vielfalt synästhetischer Wahrnehmungen von Farben und Formen in axiomatisch lehrhafter Weise und reduziert logischerweise seit 1910 seine Bildsujets bis auf eine Art geometrischer Rigorosität ohne Verlust des erzählerischen, erratischen Bildausdruckes. In dieser Publikation benennt Kandinsky auch seine künstlerischen Schöpfungsebenen in Analogie zum komponierenden und orchestrierenden Musiker. Die einfachste »melodische« ist die »Impression«, erzeugt durch Reize der Natur. Auf zweiter, verdichteter also »geistigerer« Ebene entstehen »Improvisationen«, die eine innere Natur sichtbar machen. Die höchste Form, die Vernunft, Bewusstsein, Absicht und Zweckmäßigkeit in formaler und »geistiger« Verdichtung vor Augen führt, ist die »Komposition«. In den folgenden 20 Jahren entstehen 12 (XII) solcher Kompositionen.

1914 kehrt Kandinsky als Akademielehrer nach Moskau zurück, erlebt dort Konstruktivismus und Suprematismus und ist selbst wesentlich an der Gestaltung der Moskauer Kunstszene bis 1921 beteiligt. Zeigen seine frühen Kompositionen noch häufig Formüberschneidungen durch den Bildrand und erhalten so etwas Zufälliges und Zeitbedingtes, so ziehen sich Kandinskys geometrische Formen der späteren Kompositionen vom Bildrand zurück. Es entsteht eine eigengesetzliche Raumhierarchie, alles Zufall- und Zeitgebundene scheint aufgehoben. Es entstehen inselartige Elementaruniversen mit immanenten Farb- Formgesetzlichkeiten und den daraus resultierenden Ausdruckswerten. Wie klar Kandinsky auch den synästhetischen Ausdruckswert der rein gestischen oder geometrisch gefestigten Form erkennt, legt er in seiner zweiten, 1926 erschienenen Publikation »Punkt und Linie zu Fläche« dar. Der in schwarz-weiß gehaltene Bildanhang des Buches dekliniert die Breite der Ausdruckswerte geometrisches Formen. Zur Form des Kreises führt Kandinsky an: »Er ist 1. die bescheidenste Form, aber rücksichtslos behauptend, 2. präzis, aber unerschöpflich variabel, 3. stabil und unstabil zugleich, 4. leise und laut gleichzeitig, 5. eine Spannung, die zahllose Spannungen in sich trägt«.
Hier formuliert Kandinksy klar, was seine Kompositionen dieser Jahre veranschaulichen. 1922 erhält er den Ruf als Bauhauslehrer nach Weimar, gründet dort mit den altbekannten Kollegen Jawlenksy, Klee und Feininger die Gruppe der Blauen Vier, macht die Übersiedelung 1925 nach Dessau mit und geht nach Berlin als das Bauhaus 1932 aufgelöst wird. Im Jahr 1933 lässt er sich mit seiner Frau Nina in Neuilly-sur-Seine bei Paris nieder und schließt sich dort der Gruppe Abstraction –Création an. Er ist zu dieser Zeit international gehandelt und geschätzt sowie rezipiert.

Kandinskys gesamtes künstlerisches Schaffen durchzieht die große Affinität zur zeitgenössischen Musik. 1908 lernt er in München Thomas von Hartmann kennen. Ein Jahr später entstehen seine Bühnenkompositionen Der gelbe Klang, Grüner Klang und Schwarz-Weiß. 1910 illustriert er mit Holzschnitten Mussorgskys »Bilder einer Ausstellung«, die er 1928 erneut im Bauhaus in Dessau inszeniert. Arnold Schönberg begegnet er 1911. Letztlich rhythmisiert und orchestriert er all seine Kompositionen nach seinen theoretisch formulierten Synästhesien.

Am 13. Dezember 1944 stirbt Wassily Kandinsky in Neuilly-sur-Seine.

Literaturauswahl

Düchting, H.: Wassily Kandinsky, München 2008

Gaßner, H.: Abstraktion als Erlösung: Kandinsky und die Theosophie, Köln 2007

Flach, S.: Abstraktion zwischen Kunst und Lebenswissenschaften: Laborarbeiten von Wassily Kandinsky, Kasimir Malewitsch und Michail Matjuschin, Zürich 2007

Bauhaus – Ideen um Itten, Feininger, Klee, Kandinsky. Vom Expressiven zum Konstruktiven: Ausst.-Kat. Schlossmuseum Murnau, bearb. v. B. Salmen, Murnau 2007

Barnett, V.E.; Zweite, A.: Kandinsky. Kleine Freuden, Aquarelle und Zeichnungen, München 1992

Wassily Kandinsky: Über das Geistige in der Kunst, 8. Aufl., Zürich 1965

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