Timm Ulrichs

Künstlerische Existenz und Privatleben verschmelzen, indem Ulrichs sich selbst und seinen Körper zum Ausstellungsobjekt erklärt. Das Programm der »Zimmergalerie« verzeichnet folgende Ankündigung »Ausstellung des Herrn Ulrichs (automobile Plastik), 1,78 cm: erstes lebendes Kunstwerk.« Die Verballhornung der seriösen Institutionen des Kunstbetriebs ist ihm ein besonderes Anliegen.

Timm Ulrichs wird 1940 in Berlin geboren. Von 1959 — 66 studiert er Architektur an der Technischen Hochschule Hannover. Ulrichs erhält von 1969 bis 1972 eine Gastprofessur an der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig. Seit 1972 ist er Professor an der Kunstakademie Münster.

Während der Studienjahre wird Ulrichs die Anti-Kunst des Dadaismus, u.a. vertreten durch Raoul Hausmann und Marcel Duchamps zum wichtigen Vorbild. Deren eigenwillige Übertretungen des etablierten Kunstbegriffes inspirieren ihn zu ersten künstlerischen Aktionen. Mit der Gründung der »Werbezentrale für Totalkunst & Banalismus« mit angeschlossener »Zimmer-Galerie & Zimmer-Theater« im Jahr 1961 erklärt er die Privatsphäre seines Wohnraumes zum öffentlichen Raum. Künstlerische Existenz und Privatleben verschmelzen, indem er bald auch sich selbst und seinen Körper zum Ausstellungsobjekt erklärt. Das Programm der »Zimmergalerie« verzeichnet folgende Ankündigung »Ausstellung des Herrn Ulrichs (automobile Plastik), 1,78 cm: erstes lebendes Kunstwerk.« Bereits in dieser frühen konzeptkünstlerischen Arbeit scheint neben dem kontinuierlichen Interesse an der distanzierten Reflexion und Inszenierung der eigenen Person und des eigenen Körpers (Die weißen Flecken meiner Körperlandschaft (Kenn-Zeichnung der mir niemals sichtbaren Bereiche meines Körpers), 1968) das Interesse Ulrichs an der Sprache als einer Sinn gebenden und Bedeutung generierenden Instanz auf. Die Verballhornung der seriösen Institutionen des Kunstbetriebs ist ihm ein besonderes Anliegen. Ihnen rückt er in vielerlei Aktionen und Sprachspielen mit Schildern, Aufschriften und in scheinbar nüchternem Behördendeutsch, nicht zuletzt mit dem Firmenschild »Kunstpraxis (Sprechstunden nach Vereinbarung)« von 1969 auf den Leib. Dabei formiert sich ein umfangreiches druckgraphisches Œuvre, das auch in Buchprojekte (Buch-(EHE)-Paar 1967/79; Handlese-Kunstbuch (Chiromantisches Manuskript), 1961/66/77) einfließt. Mit der Arbeit Concrete Poetry von 1972/77, der Skulptur eines Buches aus Beton (engl.: concrete) setzt er ebenso der konkreten Literatur und Poesie wie der Konzeptkunst ein mehrdeutig-ironisches Denkmal.

Die Materialien, Gattungen und Medien von Ulrichs Auftritten in der Kunst sind vielfältig. Neben der Sprache wendet er sich weiteren sozialen und kulturellen Ordnungssystemen und Praktiken zu, in denen eine politische Öffentlichkeit erzeugt wird und deren Wirken meist unbemerkt bleibt. Hierzu gehören vor allem die Messsysteme, die unsere Wahrnehmung von Natur und Alltag bestimmen. Der Inszenierung ihrer absurden Faktizität widmet Ulrichs mehrere Werkgruppen, die von der Visualisierung scheinbar faktisch vorhandener Statistiken (Getreide-Weltproduktion, 1964; Menschenrassen (Einteilung nach Hautfarben), 1969/70) bis zur Vermessung der eigenen Hautoberfläche reichen. Ulrichs künstlerische Tätigkeit, von ihm selbst als »Totalkunst« benannt, kennt keine außerkünstlerischen Disziplinen. Er führt selbst das kartographische Wirken der Geographie (Tarnmuster-Patchwork und –Puzzle, USA, 1978/80/84), Statistik, Naturwissenschaften und Soziologie als künstlerische Aktivitäten vor. Keineswegs folgt Ulrichs jedoch dem Beuyschen Diktum »Alles ist Kunst«. Mit seiner Aktion »Ich kann keine Kunst mehr sehen« auf dem Internationalen Kunstmarkt in Köln 1975 führt er vor, was er einige Zeit später folgendermaßen fasst: »Ich kann und mag all jene Künste nicht mehr sehen, die als nur dekorativer Schein, als Deckmantel, als Trost- und Schönheitspflaster aktuelle Wunden bemänteln, verdecken, kaschieren und allenthalben die Welt mit oberflächlichem Zeugs voll- und verstellen. Da Kunst – anders als das Leben stets als E-Kunst, kaum als zum alsbaldigen Verbrauch bestimmte U-Kunst begriffen – immer schon Schonung genießt aufgrund ihres Selbstverständnisses, ›zeitlos‹ zu sein, kann man bald das Leben vor lauter Kunst nicht mehr sehen, greifen die musealen Friedhöfe immer mehr und weiter um sich.« (Ulrichs, 1978, zit. n.: Ausst.-Kat. Lüdenscheid 1980).

Neben der kritischen Reflexion wissenschaftlicher Diskurse geht Ulrichs auch Themen nach, in denen mythisch-religiöse Naturerfahrungen bestimmend sind. Insbesondere der Blitz als ein Gefahr bergendes Naturphänomen beschäftigt ihn. So setzt er sich in einer Aktion unbekleidet und mit einem auf dem Körper befestigten 5 m langen Blitzableiter ausgestattet einem Gewitter aus (Timm Ulrichs, den Blitz auf sich lenkend, 1977/79). Auch in anderen Experimenten erprobt er den Grenzgang zwischen Leben und Tod, den er mit den Polaritäten von Kunst und Leben gleichsetzt (Skylla und Charybdis, 1978).
Konträr dazu geht er den gestaltenden Akten der Natur in konzeptuellen Recherchen oder Performances nach (Der Findling (1978/80/82); Gezeiten-Haus, Cuxhaven 1982; Arche Noah II 1987; Der Lindenbaum, Ettlingen 1988). Jüngere Arbeiten befassen sich mit der Interaktion von architektonischem Kunstwerk und Naturraum in öffentlichen Gärten und Parks (Musterhäuser, Typ Bomarzo, (1979/94/2001).

Ulrichs ist in zahlreichen Ausstellungen vertreten, u.a. auf der Documenta 6 im Jahr 1977. Wichtige Einzelausstellungen erhält er im Kunstverein Braunschweig und Hannover 1975, in der Städtischen Galerie Lüdenscheid 1980, 1984 im Wilhelm-Hack-Museum, Ludwigshafen, 2001 im Freilichtmuseum für Bildhauerkunst in Antwerpen und 2002 im Sprengel Museum, Hannover.

Timm Ulrichs lebt in Hannover, Münster und Berlin.

Literaturauswahl:

Timm Ulrichs, Die Druckgrafik: Ausst.-Kat. Sprengel Museum Hannover, Hannover 2002

Korte-Beuckers, Chr.: Kommunikationskonzepte in der Objektkunst der 1960er Jahre am Beispiel ausgewählter Arbeiten von Hans Peter Alvermann, Joseph Beuys, Peter Brüning, Otto Herbert Hajek, Kaspar Thomas Lenk, Timm Ulrichs, Wolf Vostell und Franz Erhard Walther, Münster 1999

Timm Ulrichs, Totalkunst, angesammelte Werke: Ausst.-Kat. Wilhelm-Hack-Museum, Ludwigshafen am Rhein 1984

Timm Ulrichs, Totalkunst: Ausst.-Kat. Städtische Galerie, Lüdenscheid 1980

Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum

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