Thomas Schütte

Sein Werk zeichnet sich durch die Vielfalt der gewählten Kunstgattungen aus, deren Traditionen er neu verortet und deren mediale Wirkungen im Kunstgeschehen er konzeptuell reflektiert. Neben Schwerpunkten in Skulptur und Modellbau hat Thomas Schütte bislang ebenso ein umfassendes graphisches ?uvre zusammengetragen.

Thomas Schütte wird 1954 in Oldenburg geboren. Sein Studium absolviert er von 1973 bis 1981 an der Kunstakademie Düsseldorf, als Schüler des Bildhauers Fritz Schwegler und des Malers Gerhard Richter.

Schüttes Werk zeichnet sich durch die Vielfalt der gewählten Kunstgattungen aus, deren Traditionen er neu verortet und deren mediale Wirkungen im Kunstgeschehen er konzeptuell reflektiert. Schüttes Anfänge finden sich im Bühnenbild und Modellbau, wo er sich den Techniken räumlicher Illusion verschreibt und daraus ein formales Vokabular ableitet. Hier sind u.a. auch die konzeptuellen Entwürfe Daniel Burens vorbildhaft. Modelle für Ausstellungsinszenierungen (Die große Mauer 1977; Westkunst Modelle, 1981) oder kleinformatige Modellhäuser zeigen sein Interesse an einer Erweiterung des musealen Kunstraumes und dessen fiktive Übertragung in reale und triviale Alltagsräume. Im Gegensatz zu Buren interessieren Schütte immer auch die handwerklichen Dekorationstechniken, mithilfe derer unterschiedliche Raum- und Materialwirkungen erzeugt werden. Der Modellbau wird für Schütte schließlich auch zunehmend zum Ansatzpunkt für die persönliche und künstlerische Selbstfindung (Mein Grab, 1981) und bringt ihn durch die Integration von kleinformatigen Puppen dazu, Lebensräume und soziale Bezugssysteme experimentell zu erproben (Modell für ein Museum, 1982; Studio I/II 1983; Haus für zwei Freunde, 1983). Die Gestaltung der Modellhäuser verfolgt Schütte auch noch die folgenden Jahre stetig weiter (Ferienhaus für Terroristen I II und III, 2002; Tanke Deutschland 2002).

Scheint es zunächst so, dass die hölzernen kleinfigurigen Statisten seiner bühnenhaften Entwürfe nur als räumlicher Bezugsfaktor eingesetzt werden, so verselbständigen sich bald einzelne Figurengruppen (Waiting for a Wonder, 1983; Walze, 1985; Piazza Uno, Piazza Duo 1986). Erst mit der Arbeit Mohr’s Life von 1988 sucht Schütte nun auch intensiver nach Methoden der suggestiven »Verlebendigung« seiner Skulpturen. Die kleinformatige Puppe eines »Mohren« wird in einer erzählerischen Raum-Installation gemeinsam mit Leinwandbildern inszeniert. Mit Knetmasse und Stoff entsteht eine farbig gefasste Kleinskulptur mit ausgeprägter Physiognomie. Von hier ausgehend beschäftigen Schütte zunächst weitere Bildinstallationen mit zunehmend politischen Motiven (Dreiakter, 1982; Wo ist Hitlers Grab? 1991), bevor er sich dann wieder mit großem Elan der Frage figuraler Gestaltung zuwendet.

Vornehmlich aus Knetmasse, Holz und Gips entwirft Schütte nun kleinformatige Skulpturen, deren Gesichter in der Tradition des 19. Jahrhunderts, insbesondere der karikaturhaften Büsten Honoré Daumiers, aber auch der Kopfvasen Paul Gauguins stehen (Mann und Frau, 1986; Vorher Nachher, 1993). Durch mediale Transformationen der Büsten im fotografischen Close-Up erzielt er überdies monumentale und klassisch-skulpturale Wirkungen seiner skurrilen und trivial wirkenden Püppchen (United Ennemies, 1993; Innocenti, 1994). Auslöser für das wachsende Interesse am großen Format ist insbesondere sein politischer Beitrag zur Documenta 9 im Jahr 1992, die lebensgroße figurative Außenarbeit Die Fremden, die er auf dem Altan des ehem. Roten Palais’ in Kassel anbringt. Die schematisierend und vasenähnlich gestaltete Körper bestehen aus glasierter Keramik, Schütte inszeniert damit den Körper der Anderen, Fremden als wohlgeformtes und zugleich objekthaftes Konstrukt.

Mit seinen Großen Geistern, die von 1996 bis 1998 entstehen, wendet Schütte sich nun dem ungeschlachten Format zu. Auch hier bildet die individuelle Formung und handwerkliche Materialbearbeitung des Ausgangspunkt: Aus gedrehten Wachsstangen bildet Schütte Torso und Gliedmaßen, die er anschließend zu komisch-grotesken Riesenfiguren vergrößert und in Aluminium, Stahl und Bronze gießen lässt. Aus den eigenwilligen Verformungen des Materials entstehen menschenähnliche Wesen mit erstaunlich vertrauten Körperbildungen, die gleichzeitig noch die Massenüberschüsse des Ausgangsmaterials verraten. An diese männlich konnotierbaren heldenähnlichen Mischwesen anknüpfend wendet Schütte sich schließlich auch dem weiblichen Körperpendant zu. Nun wird allerdings der liegende klassische skulpturale Akt zum Vorbild. Dessen idealistische und politisch instrumentalisierte Überformung in der Skulptur der Moderne zitiert Schütte, greift sie auf und repetiert den gesamten Entstehungsprozess dieser Gattung. Beginnend mit keramischen Skizzen (1997 — 99) werden insbesondere seine monumentalenStahl- und Bronzefrauen prägend für den gesamten Zeitraum von 1999 bis in die jüngste Zeit. Daneben steht die Gestaltung monumentaler Köpfe im Mittelpunkt seiner skulpturalen Arbeiten, die stetig um das phänomenologische Wiedererkennen, Deuten und die Varianz menschlichen Ausdrucksvermögens kreisen (Blauer Kopf, Roter Kopf, Gelber Kopf, Türkiser Kopf, 2002). Neben den genannten Schwerpunkten in Skulptur und Modellbau hat Thomas Schütte bislang ebenso ein umfassendes graphisches Œuvre zusammengetragen.

Von 1998 bis 2000 wird Schütte im New Yorker Dia Center of the Arts ein umfassender dreiteiliger Ausstellungszyklus gewidmet. Darüberhinaus sind Arbeiten Schüttes jüngst 2003/2004 auf einer großen Wanderausstellung im Kunstmuseum Winterthur und in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen (K21) in Düsseldorf zu sehen

Thomas Schütte lebt und arbeitet in Düsseldorf.

Literaturauswahl:

Thomas Schütte, Zeichnungen: Ausst.-Kat. Staatliche Kunsthalle Baden-Baden u.a., hg. von M. Winzen, Köln 2006

Loock, Ulrich: Thomas Schütte, Köln 2004

Thomas Schütte, Kreuzzug 2003, 2004: Ausst.-Kat. Kunstmuseum Winterthur u.a., Winterthur 2003

Heynen, J.; Lingwood, J.; Vettese, A.: Thomas Schütte, London1998

Thomas Schütte, Scenewright, Gloria in Memoria, in Medias Res: Ausst.-Kat. Dia Art Foundation, hg. v. L. Cooke und K. Kelly, Düsseldorf 2002

Thomas Schütte: Ausst.-Kat. Staatliche Kunsthalle Baden-Baden, 1988

Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014

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