Thomas Lenk

Thomas Lenk gehört nie offiziell zu einer Künstlergruppe, aber seine Form- und Materialreduktion, wie sein serieller Ansatz und seine vielzähligen Variationen eines Grundgedankens stellen ihn der Gruppe Zero nahe.

Kaspar Thomas Lenk wird am 15. Juni 1933 in Berlin geboren. 1952 besucht er die Akademie in Stuttgart, beginnt jedoch bald eine Steinmetzlehre, die ihn zur Skulptur führt. 1957 begegnet er Georg Karl Pfahler, der Lenks autodidaktische Studien hin zur geometrischen Abstraktion beeinflusst. Die künstlerische Entwicklung und Laufbahn beider kreuzen sich mehrfach. Beide gastieren mit einer Professur in Kairo (Lenk 1978), beide vertreten neben Mack und Uecker 1970 Deutschland auf der Biennale in Venedig. Und wie Lenk, der sich zugleich in grafische Arbeiten ausdrückt, wendet sich Pfahler später ausschließlich der Skulptur zu.

Ab den 1960er Jahren beginnt Lenk, plastische Schichtskulpturen zu entwickeln. Angeregt durch das Spiel mit quadratischen Bierdeckeln baut er aus einer Schichtfolge gleich großer, quadratischer und gleich starker Filzpappen, Holzplatten oder Aluminiumstücke Skulpturen auf, die sich gleichmäßig reihen oder sich in immer gleichen Abständen und Winkeln in der Raumrichtung zueinander verschieben. Das quadratische Einzelelement mit gerundeten Ecken und dem möglicherweise eingeschriebenen, ausgeschnittenen Kreis sind die Grundfiguren seiner geometrischen Schicht-Bauten. Gleichermaßen rufen Lenks abstrakte Skulpturen Vergleiche zur zeitgenössischen Kubenarchitektur oder zum zeitgleichen Design moderner, serieller Stapel- und Rastergeschirre hervor. Bei beiden und bei Lenks Skulpturen ist das in sich wiederholte und in sich zueinander kommensurable Nachbarmodul Kern des Konstruktionsgedankens. Stapel, serielle Reihe und eine modifizierte Folge des Gleichen bestimmen Aufbau und Ausdruck. Eine Art mechanistische Reduktion charakterisiert die skulpturalen Objekte.

Lenks Materialien, bei den Maquetten kann das Filz, Pappe, Pressspan oder Aluminium sein, bei seinen Großskulpturen verwendet er Stahl oder Zementgußteile, bemalt er meist signalfarbig im Sinne der Op Art, so dass sich die klare, formbedingte optische Wirkung auch in der Farbgebung entfaltet. Lenks Nähe zum zeitgleichen Porzellandesign z.B. dem von H. Th. Baumann, der in den 1970er Jahren die ersten Rastergeschirre für Großküchen und Massengastronomie entwirft, ist kennzeichnend für den »Zeitstil«, in dem beide wurzeln. Lenk entwirft geradezu »Raster«-Skulpturen, mit denen er ab den 1970er Jahren international reüssiert. Von 1968 an, in diesem Jahr ist er auf der Documenta IV vertreten, wendet er sich verstärkt der Großplastik zu, die im direkten Dialog mit dem städtischen Standort steht und mit der sie umgebenden Architektur kommuniziert.

Alle Stilelemente Lenks vereinigen sich beispielsweise in seiner Skulptur – Raum – Konzeption für den Theaterinnenhof der städtischen Bühnen in Münster. Die 1972 installierte Skulptur besteht aus jeweils zwei Säulenpaaren, die aus gleich starken und großen runden Zementgussscheiben aufgebaut sind. Alle vier Säulen stehen auf dem Grundriss eines Trapezes in gleichen Abständen zueinander. Diese gedachte Trapezform ist wiederum den Maßen des Theaterinnenhofes kommensurabel. Zwei der Säulen sind exakt in der Senkrechten gestapelt. Die anderen beiden überführt Lenk Scheibe für Scheibe nach oben in einen 45-Gradwinkel, so dass diese Säulen wie der Grenzwert materialmöglicher Stabilität erscheinen, sich quasi nur selbst tragen, ihre architektonische Zweckmäßigkeit also ganz eliminiert ist. Umso stabiler und in ihrer möglichen, tragfähigen Belastbarkeit verlässlicher zeigt sich daneben das vertikal geschichtete Säulenpaar. Alle Skulpturen von Thomas Lenk scheinen die physikalischen Gesetze der Schwerkraft, der Materialanmutung und die Logizität der geometrischen Grundform zu befragen.

Thomas Lenk gehört nie offiziell zu einer Künstlergruppe, aber seine Form- und Materialreduktion, wie sein serieller Ansatz und seine vielzähligen Variationen eines Grundgedankens stellen ihn der Gruppe Zero nahe.

1974 erwirbt er von Fürst Kraft von Hohenlohe-Langenburg die Burg Tierberg bei Schwäbisch Hall. Eine Professur für Bildhauerei erhält er 1989 an der Stuttgarter Akademie und 1995 ist er Ehrengast der Villa Massimo in Rom. Lenks plastisches Arbeiten wird ergänzt durch sein zeichnerisches Gestalten in Seriegraphien und seiner künstlerischen Selbstreflektion zu seinen angewandten Arbeiten.

Thomas Lenk lebt und arbeitet auf der Burg Tierberg bei Schwäbisch Hall.

Literaturauswahl

Thomas Lenk: Kunst und Leben. Angewandte Arbeiten: Ausst.-Kat. Badisches Landesmuseum Karlsruhe, Karlsruhe 1998

Thomas Lenk. Skulpturen: Ausst.-Kat. Brandenburgische Kunstsammlungen Cottbus u.a.O., hg. v. E. Gomringer, Ostfildern-Ruit, 1995

Schmirberg, G. (Hg.): Thomas Lenk, der bildende Künstler, seine Arbeit und sein Selbstverständnis, München 1994

Thomas Lenk. Serie (Kalender) 1982 — 1984: Ausst.-Kat. Graphische Sammlung Staatsgalerie Stuttgart, hg. v. H.-M. Kaulbach, Stuttgart 1986

Honisch, D. (Hg.): Thomas Lenk – Werkverzeichnis der Serigraphien, o.O., 1985

Thomas Lenk: Serie ADGA: Ausst.-Kat. Städtische Kunsthalle Düsseldorf u.a.O., hg. v. H. Stachelhaus, Düsseldorf 1980

 

Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Foto: Tobias Roch, Hagen

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