Thomas Hirschhorn

Der Künstler wählt betont billige, alltägliche Bau- und Verpackungsmaterialien wie Sperrholz, Karton, Klebeband, Plastik und Alufolie. Bilder und Texte aus Zeitungen und Zeitschriften sowie philosophische Texte von ihm bewunderter Schriftsteller und Philosophen kommen hinzu. Die Arbeiten bieten in ihrer dichten Text- und Bildflut eine überwältigende Fülle an Referenzen aller Art. Thomas Hirschhorns Auffassung von Kunst als politisch-sozialem Engagement will Zusammenhänge sichtbar machen und den Betrachter mit ihnen konfrontieren.

Thomas Hirschhorn wird 1957 in Bern geboren. Nach dem Studium in der Grafikklasse an der Schule für Gestaltung und Kunst in Zürich (1978 — 83) schließt er sich unter dem Eindruck eines Vortrags des französischen Grafikerkollektivs Grapus diesem an und zieht 1984 nach Paris. Zunächst verfolgt Hirschhorn wie die 1971 gegründete Gruppe das Ziel, mit politisch engagierter Kunst direkt auf eine breite Öffentlichkeit zu wirken. Doch unzufrieden mit der Stellung des Grafikers als Dienstleister kommerzieller Unternehmen, beginnt er 1986 künstlerisch autonom zu arbeiten. Darin bestärkt wird er durch die Auseinandersetzung mit den philosophischen Schriften französischer Denker wie Gilles Deleuze und Jacques Derrida sowie mit der Kunst insbesondere von Joseph Beuys und Andy Warhol.
Zunächst ist Hirschhorn noch stärker der Zweidimensionalität der Grafik verbunden, wenn er wie in Lay-outs (ab 1993) mit Druckmaterialien (Zeitungsausschnitte, Kopien) beklebte Karton- und Holzstücke zu Displays auf textilem Werkstoff am Boden anordnet, an Wänden befestigt oder auf Tischen auslegt. Ab Mitte der 1990er Jahre werden seine Collagen und Assemblagen raumgreifender. Installationen und Videoarbeiten sind oftmals auch als Kunst im öffentlichen Raum konzipiert. Bereits seine erste Einzelausstellung, im Pariser Jeu de Paume 1994, erregt internationales Aufsehen. Hier zeigt sich schon die charakteristische Verbindung von einem spezifischen formalen Repertoire, das an Bastelarbeiten erinnert, mit der französischen Tradition der Dekonstruktion. Der Künstler wählt betont billige, alltägliche Bau- und Verpackungsmaterialien wie Sperrholz, Karton, Klebeband, Plastik und Alufolie. Letztere wird zu »Energiesträngen« verdreht, die die Thementafeln in den Installationen verbinden. Ergänzend kommen Bilder und Texte aus Zeitungen und Zeitschriften sowie philosophische Texte von ihm bewunderter Schriftsteller und Philosophen (unter anderen Robert Walser und Georges Bataille) hinzu. Die Arbeiten bieten in ihrer dichten Text- und Bildflut eine überwältigende Fülle an Referenzen aller Art. Hirschhorns Auffassung von Kunst als politisch-sozialem Engagement will Zusammenhänge sichtbar machen und den Betrachter mit ihnen konfrontieren, aber, so Hirschhorn: »Ich denke, es geht nicht darum, politische Kunst zu machen, sondern Kunst auf politische Weise zu machen, und das deklariert man doch nicht.« (Hirschhorn, zit. n.: Lettre à Thierry, in: Auflage: Ausst.-Kat. Kunstmuseum Luzern (u.a.) 1995 — 96, 16).
Zu diesem Konzept gehört auch, dass »direkte Skulpturen« im musealen Rahmen gezeigt werden, während »Altäre«, »Kioske« und »Denkmäler« für verehrte Philosophen und Schriftsteller interventionistisch an öffentlichen Orten aufgestellt werden, allerdings nur für eine bestimmte Dauer. Diese Orte sind vernachlässigte Schnittstellen von verschiedenen kulturellen und sozialen Bereichen. In den temporären Ausstellungscontainern ist visuelles Material angehäuft, das von unserer Welt voller Waren, Bildern und Wissensproduktion zeugt. So sieht man 1999 in Amsterdam das Denkmal für Benedict de Spinoza, 2000 in Avignon das für Gilles Deleuze und 2002 in Kassel das Bataille-Monument auf der Documenta XI. Während der ganzen Ausstellungsdauer ist Hirschhorn vor Ort, baut das Monument zusammen mit den Bewohnern auf und ab und betreut es. Es kommt zu Begegnungen vielfältiger Art: die Bewohner treffen sich hier unter einander, die Bewohner und der Künstler sowie die Bewohner und die Documenta-Besucher.
Ein folgenreiches Ereignis für Hirschhorns künstlerische Tätigkeit und die Wahl seiner Ausstellungsorte ist der Rechtsruck nach der Schweizer Bundesratswahl 2003. Aus politischem Protest zeigt Hirschhorn keine Ausstellungen mehr in der Schweiz bis der Rechtspopulist Christoph Blocher nicht mehr an der Regierung ist, was erst Ende 2008 der Fall ist. Die Verschränkung von Politik und Kulturgeschichte der Schweiz mit globalen Fragestellungen und Problemen in den Arbeiten von Hirschhorn wird vor allem in der Schweiz immer wieder als provokativ empfunden. Internationales Aufsehen erregen besonders die heftigen Reaktionen auf die Installation Swiss-Swiss Democracy im Schweizer Kulturzentrum Paris im Jahre 2004. In der Arbeit finden sich, neben vielen anderen Bild- und Textfragmenten, Collagen, die aus Folterbildern aus dem Irak und aus Wappen der Schweizer Kantone bestehen. Unter der Führung von Christoph Blocher lehnen zahlreiche Schweizer Politiker und Medien die Installation als »skandalös« ab, da sie der Außendarstellung des Landes schade. Als der eigentliche Skandal muss aber die sanktionierende Maßnahme des Nationalrates gelten, der der Kulturstiftung Pro Helvetia das Jahresbudget von 1 Million Schweizer Franken kürzt.

Thomas Hirschhorn lebt und arbeitet in Paris.

Literaturauswahl

Thomas Hirschhorn; Ur-Collage: Ausst,-Kat. Galerie Susanna Kulli, Zürich 2008/09

Thomas Hirschhorn. Swiss Army Knife: Ausst.-Kat. Kunsthalle Bern 1998, Bern 1998

Thomas Hirschhorn. Rolex etc. Freundlichs »Aufstieg« und Skulptur-Sortier-Station-Dokumentation: Ausst.-Kat. Museum Ludwig Köln, Stuttgart 1998

Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014

Zu Sammlung hinzufügen…

×
×
×

Liebe Besucherinnen und Besucher,

seit 2006 gibt die museumsplattform nrw einen umfassenden Einblick in die Sammlungen und Aktivitäten ausgewählter NRW-Museen – und regt damit zugleich auch ein neues Publikum zum Museumsbesuch an. Monatlich 13.000 Besucher*innen belegen das Interesse an diesem einzigartigen Instrument zum interaktiven und kommunikativen Umgang mit Kunst im Netz.

Ein intensiv gepflegter und konstant ausgebauter Newsbereich mit Hinweisen zu Ausstellungen und Veranstaltungen oder Features aus der Kunstszene NRWs gehört ebenfalls dazu. 2013 erhielt die bereits seit zehn Jahren aktive Online-Plattform den bedeutenden Grimme Online Award.

Für den Ausbau dieses Online-Angebots sind wir auf den dauerhaften Beteiligungswillen der Museen angewiesen. Auch wenn die aktive Ausgestaltung derzeit nicht erfolgen kann, laden wir Sie doch herzlich ein, unser breites Angebot zum interaktiven und kreativen Umgang mit der Bildenden Kunst und ihren vielfältigen Formen medialer Vermittlung spielerisch zu erkunden.

Ihr NRW KULTURsekretariat