Sigrid Sigurdsson

»Ein zentrales Anliegen der Hamburger Künstlerin Sigrid Sigurdsson besteht darin, lebendige Erinnerung nicht durch Kunst, Architektur oder andere symbolische Zeichen zu ersetzen. Sie versteht sich vielmehr als eine Stütze, ja sogar Hebamme des kommunikativen Gedächtnisses, die die Bürgerinnen und Bürger in ihren örtlichen Bezügen zur Erinnerungsarbeit anregt und diese Erinnerungen zu stabilisieren und zu vernetzen hilft.« 

Die 1943 in Oslo geborene Sigrid Sigurdsson, wächst zunächst in Island auf, bevor die Familie 1951 nach Hamburg umsiedelt. Ab 1961 besucht Sigurdsson die dortige Hochschule für Bildende Künste, wo sie fünf Jahre bei Kurt Kranz studiert. Bereits in der Studienzeit beginnt die intensive Auseinandersetzung der Künstlerin mit den Themen Vergangenheit, Erinnerung und Gedächtnis, die sich vor allem auf die Zeit des Nationalsozialismus beziehen und die weiterhin im Zentrum ihres künstlerischen Schaffens stehen werden. Die vielfach tabuisierten oder verdrängten Erinnerungen, die diesen Abschnitt deutscher Geschichte kennzeichnen, rückt Sigurdsson durch ihre Kunst in das Bewusstsein der Menschen und verbindet damit Geschichte und Gegenwart miteinander. »Ein zentrales Anliegen der Hamburger Künstlerin Sigrid Sigurdsson besteht darin, lebendige Erinnerung nicht durch Kunst, Architektur oder andere symbolische Zeichen zu ersetzen. Sie versteht sich vielmehr als eine Stütze, ja sogar Hebamme des kommunikativen Gedächtnisses, die die Bürgerinnen und Bürger in ihren örtlichen Bezügen zur Erinnerungsarbeit anregt und diese Erinnerungen zu stabilisieren und zu vernetzen hilft.« (Aleida Assmann: Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik, München 2006, 222)

Sigurdssons vielfältiges Werk umfasst sowohl Malerei, Zeichnungen, Text, Fotografie, Plastik und Film, als auch Installationen, Konzeptkunst oder Interaktionen. Zunächst entstehen vor allem Papierarbeiten und schriftliche Aufzeichnungen. Die ab 1956 geschaffenen Zeichnungen und Tagebücher aus der Kindheit werden später Teil ihrer seit den 1980er Jahren realisierten Installationen. Die Arbeiten dieser Zeit zeichnen sich durch ihren interaktiven Charakter aus, bei dem der Betrachter zum festen Bestandteil des Kunstwerks wird. Als Benutzer nimmt er beispielsweise Einfluss auf die Konstellation von Spielsteinen einer Tischinstallation oder wird durch raumgreifende Konstruktionen neuen Kommunikations- oder Beobachtungsmustern unterworfen.

1986 entsteht die erste Rauminstallation Verschließen und Öffnen in der Hamburger Kunsthalle. Sie begründet die Reihe der Offenen Archive und widmet sich ganz dem Thema Erinnerung und Gedächtnis. In den ästhetischen Räumen dieser Projektreihe werden zeitgeschichtliche Dokumente und Objekte zusammengetragen, die die Künstlerin in großen Folianten, Mappen oder Vitrinen arrangiert. Dabei spielen Fragmente aus individuellen Biografien eine zentrale Rolle. Zum einen integriert Sigurdsson Gegenstände aus der eigenen Vergangenheit, zum anderen beinhaltet das Konzept die Partizipation des Publikums, das sich mit dem Einreichen eigener Beiträge an der Installation beteiligen kann. Die Offenen Archive unterscheiden sich daher nicht nur durch ihre formale Struktur, die die Künstlerin für den jeweiligen Ausstellungort gestaltet, sondern ebenfalls durch die Dokumente der Bewohner einer Region, die in ihrer Gesamtheit den einzigartigen, lokalen Kontext der nationalsozialistischen Vergangenheit widerspiegeln. Die Sammlung individueller Geschichten und Erfahrungen wirkt dem Prozess des Vergessens und Verdrängens entgegen und aktiviert beim Betrachter ganz persönliche Assoziationen zur Vergangenheit. Innerhalb der Reihe der Offenen Archive bildet Die Architektur der Erinnerung im Osthaus Museum Hagen das Hauptwerk der gebürtigen Norwegerin. Die bis 2006 als Vor der Stille bezeichnete Rauminstallation vereint die umfangreichste Sammlung von historischen Materialien, die hauptsächlich aus der Zeit des Nationalsozialismus stammen.

Sigrid Sigurdsson und zählt neben Anselm Kiefer und Christian Boltanski zu den bedeutendsten zeitgenössischen Künstlern, die Konzepte für einen bewussten Umgang mit der Geschichte entwickeln. Ihre Werke und Installationen werden in zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland präsentiert.

Die Künstlerin lebt und arbeitet in Hamburg.

Literaturauswahl

Pottek, Martina: Kunst als Medium der Erinnerung. Das Konzept der Offenen Archive im Werk von Sigrid Sigurdsson, Weimar 2007

Wagner, Monika: »Sigurdssons Archiv der schlechten Nachbarschaft. Gebrauch als Kontaminierung«, in: dies.: Das Material der Kunst. Eine andere Geschichte der Moderne, München 2001, 98 107

Wettengl, Kurt: »Das Gedächtnis der Kunst«, in: Das Gedächtnis der Kunst. Geschichte und Erinnerung in der Kunst der Gegenwart: Ausst.-Kat.Historisches Museum Frankfurt; Schirn Kunsthalle Frankfurt, hg. v. Kurt Wettengl, Frankfurt am Main 2000, 11 19

Assmann, Aleida: »Sigrid Sigurdsson«, in: Dies.: Erinnerungsräume. Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses, München 1999, 364 367

Fehr, Michael, Barbara Schellewald (Hg.): Vor der Stille. Ein kollektives Gedächtnis, Köln 1995

Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014

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